Sonntag, 4. Oktober 2009

Die Wende und ich

 Diesen Artikel habe ich für die Leipziger Straßenzeitung "Kippe" geschrieben:

Wendeherbst! 20 Jahre ist es jetzt her. Eine ganz schön lange Zeit. Ich kann trotzdem den 9. Oktober 1989 nicht vergessen. Ich arbeitete damals in der Innenstadt. Vor meinem Bürofenster schrillte gegen Mittag der Stadtfunk, wir sollten bis 16:00 Uhr die Innenstadt verlassen. Zu diesem Zeitpunkt waren auf den Straßen der Innenstadt, rund um den heutigen Augustusplatz, die Einsatzwagen der kasernierten Volkspolizei vorgefahren. Uniformierte … Hunde … Gewehre … Angst breitete sich aus. Im Büro wurde getuschelt: Blutkonserven seien angefordert … Ärzte und Krankenhäuser wären in Bereitschaft … man erwarte Tode … Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich flog förmlich zum Leipziger Hauptbahnhof, zur S-Bahn. Dort sah ich überall hastende Menschenmassen … Aufregung … Endlich schlagen sie zurück … rief eine Frau … reden muss man miteinander, rief ich zurück … Niemand schlug auf die 70.000 Leipziger Demonstranten ein. Es gab in der Stadt welche, die einen kühlen Kopf bewahrten und einen Platz des Himmlischen Friedens verhinderten. Sechs Leute retteten vielen Leipzigern das Leben: drei Sekretäre der Sozialistischen Einheitspartei Partei von Leipzig, der Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, der Kabarettist Bernd-Lutz Lange und der Theologe Dr. Zimmermann. Ein Aufatmen ging durch die Stadt und am darauffolgenden Montag stand auch ich mit 120.000 Leipzigern auf dem heutigen Augustusplatz und rief wie sie: Wir sind das Volk und Schließt euch an. Befreiend waren diese Rufe. Ich fühlte etwas völlig Neues, Aufregendes in mir. Die Leipziger probten in den kommenden Monaten Freiheit. Alles kam auf den Prüfstand und wurde nach seiner Legitimität hinterfragt.

Neue Ideen für unser Zusammenleben wurden ausgetüftelt. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang daran, dass neue Formen des kollektiven Hauseigentums im Gespräch waren. Ich arbeitete am Runden Tisch des Bezirkes Leipzig für Kultur mit: Was kann man in der Kunsterziehung besser machen, wie fördert man Kinder. Leider reichte die Aufbruchsstimmung des Wendeherbstes nicht bis ins Frühjahr 1990 hinein. Die maßgeblich Beteiligten der friedlichen Revolution, feierten am Runden Tisch des Bezirkes nur scheinbar Erfolge, während die etablierten Blockparteien der DDR, verbandelt mit ihrem Pendant in der alten Bundesrepublik, gönnerhaft auf das Neue Forum, auf die Initiative für Menschenrechte und wie sie alle hießen herabschauten und auf ihre Zeit warteten. Jemand sagte mir damals: Lass die doch beschließen … Die ersten Wahlen für den Frauenbund habe ich mit vorbereitet. Im Sender Leipzig stellte ich in einem Wahlwerbespot das Wahlprogramm vor. Das war völlig neu für uns alle. Damals, 1990, waren zur Wahl nicht nur Parteien zugelassen, sondern alle gesellschaftlich relevanten Gruppen konnten Menschen zur Wahl aufstellen. Ich erinnere mich noch, wie wir auf dem heutigen Augustusplatz mit anderen Frauengruppen Wahlwerbung machten. Wir wollten viele DDR-Errungenschaften für die Frauen bewahren. Wir wollten keine Wiederauflage des § 218.

Dann kam die Wiedervereinigung und mit ihr das Aus der meisten Ideen. Sicherlich, ich habe mich auch gefreut, als die Grenze fiel. Es war ein bewegender Moment. Auch ich hatte Tränen in den Augen. Plötzlich konnte ich reisen, die Welt erfahren, visafrei bis Hawaii, wie es bei den Demos hieß. Sicherlich, es gibt nun Meinungs- und Informationsfreiheit. Jeder, der will kann einen Verein gründen oder jetzt Internetforen. Ich muss mir nicht mehr nach allem die Hacken abrennen, gehe einfach in ein Geschäft und kaufe was ich will, falls ich es mir leisten kann. Und ich lasse mein eigenes Buch drucken, nur mit meinen Geschichten. In der DDR wäre das undenkbar gewesen.

Auf der anderen Seite brach die Industrie in Leipzig zusammen. Etwas Unbekanntes nistete sich ein – die Zukunftsangst. Wir wollten uns aber doch einbringen … Man schickte uns stattdessen in die Arbeitslosigkeit. Ich ging, wie viele andere auch, in die alten Bundesländer, um Arbeit zu finden. Hier waren wir die unbekannten Wesen, oft diskriminiert, gemobbt. Unsere Biografien waren nichts mehr wert. Lebensleistungen wurden klein geredet. Ich musste lernen, in einer Ellbogengesellschaft zu leben. Ich musste lernen, dass man mit über 40 nicht in den besten Jahren ist, sondern alt, nicht mehr verwertbar. Ich habe Armut und Obdachlosigkeit gesehen und nicht nur irgendwo in der Welt, sondern in unserem reichen Land. Und jetzt sehe ich, wie Menschen tagtäglich gedemütigt werden. Man nennt es Freisetzung oder Synergien, meint Armut und Ausgrenzung.

Was bleibt in Erinnerung? Die Illusion grenzenloser Freiheit. Das Wissen über verpasste Chancen. Die Idee eines aufrechten Ganges für einen kurzen Moment. Eines viel zu kurzen!

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