Dienstag, 10. November 2009

Mauerfall

Ich mache das eigentlich nicht, aber heute sei hier ein Artikel hineingesetzt, der so gut ist, dass ich es mir spare, meine eignen Gedanken zu formulieren:

Gott war’s
Arnold Schölzel,
in der Jungen Welt, 10.11.09

Mit Veranstaltungen der beiden größten christlichen Kirchen, Auftritten von Engeln auf Hausdächern, DDR-Bürgerrechtlern und Thomas Gottschalk feierte das offizielle Berlin am Montag sich selbst und seinen Sieg über die DDR. Am Abend fand am Brandenburger Tor ein Konzert statt, zu dem Zehntausende Besucher erwartet wurden. Zuvor sollte Polens Expräsident Lech Walesa am Reichstag den ersten von 1000 Dominosteinen aus Styropor anstoßen, die von internationalen Großbanken und Konzernen gesponsert wurden. Die umstürzenden Quader sollten die Grenzöffnung vom 9. November 1989 symbolisieren.

Deren unmittelbare Urheber in Politik und Behörden der DDR tauchten in den Einladungslisten nicht auf. Statt dessen entspann sich am Rande der Feierlichkeiten, zu denen Schulklassen für Winkspaliere beordert wurden, ein verschwörungstheoretischer Streit um jene Mächte, die seinerzeit die Öffnung der Schlagbäume veranlaßt hatten. Die knappste Erklärung lieferte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, während eines ökumenischen Gottesdienstes in der Berliner Gethsemane-Kirche. Er zitierte aus der Bibel, Psalm 18: »Mit meinem Gott überspringe ich Mauern.« Das habe den Christen in der DDR stets Zuversicht gegeben. Den Ostdeutschen attestierte er ansonsten, sie seien »auf vielfache Weise von der alten Ideologie geschädigt«.

Sein protestantischer Kollege Bischof Wolfgang Huber machte dagegen nicht die höchste Autorität für das Geschehen am 9. November 1989 verantwortlich, sondern »Kerzen und Gebete«, warnte aber davor, daß »dem Unrecht des SED-Staats der Mantel der Verharmlosung umgehängt wird«. Er schien der Staatsbeseitigung durch entflammtes Stearin plus Meditation auch 20 Jahre danach nicht zu trauen.

Polens Expräsident Lech Walesa nahm das göttliche Wirken praktischer als die deutschen Kirchenfürsten und wandte sich dagegen, den früheren sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow verantwortlich zu machen. Er sagte dem polnischen Fernsehsender tvn24: »Es macht mich heute traurig, daß Helden aus denen gemacht werden, die keine waren.« Gorbatschow habe weder den Kommunismus noch die Berliner Mauer stürzen wollen. Walesa fügte hinzu: »Die Wahrheit ist, daß Papst Johannes Paul II. zu 50 Prozent zum Mauerfall beigetragen hat, 30 Prozent die Solidarnosc und Lech Walesa und nur 20 Prozent der Rest der Welt.«

Die Bischöfe und Walesa rechneten nicht mit dem Springerverlag, der – als höchste Instanz in Deutschland – entschieden hat, daß der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl, der 1989 amtierende US-Präsident George Bush senior und Gorbatschow als Grenzöffner zu feiern seien. In der Axel-Springer-Passage Berlin, wo seit 2007 bereits ein Kohl-Denkmal steht, wurde am Montag daher die Porträtbüste »Michail Gorbatschow« in Anwesenheit des Namensgebers feierlich enthüllt.

Der Grenzöffnungs-Urheberforschungsgemeinschaft trat auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) am Montag bei und bekrittelte, die Rolle der früheren DDR-Bürger bei der Grenzöffnung werde zu wenig gewürdigt. Er erklärte im Bayerischen Rundfunk, es sei falsch, daß Kohl als derjenige hingestellt werde, dem Deutschland die Einheit zu verdanken habe: »Das hat ganz viel mit Propaganda zu tun, auch mit parteipolitischer Propaganda.« Thierse muß es wissen. Der gläubige Katholik soll sich seinerzeit bei seinen Kirchenoberen Rat geholt haben, welcher DDR-Oppositionspartei er sich anschließen solle. Er weiß, wer’s war.

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