Mittwoch, 18. November 2009

Wir eventen

Der Papst kommt - wir eventen! Ob die Menschen gläubig sind oder nicht, sie müssen den Papst sehen. Die Augen werden nach oben verdreht. Sie erglühen heilig. In die Kameras der Fernsehsender wird gehaucht, was das nicht für ein wahnsinnig historischer Moment wäre.

Ein Mädchen wird missbraucht und ermordet - wir eventen! Ob die Menschen das Mädchen gekannt haben oder nicht. Sie weinen telegen in die Kameras der Fernsehsender. Sie haben plötzlich alle Angst um ihre Kinder. Schließlich ist Deutschland so gefährlich geworden, dass tagtäglich Tausende von Kindern umgebracht werden. Sie setzen Betroffenheitsgesichter auf. Interessiert sie das wirklich? Oder gefallen sie sich nur im Entsetzen?

Die Mauer ist vor 20 Jahren gefallen - wir eventen! Die Leute kreischen in die Kameras der Fernsehsender, was sie für Widerstandskämpfer gewesen wären. Sie hätten schon immer etwas gegen die DDR gehabt. Stimmt das? Oder schwingt man sich nur auf den Zug der Zeit, um sein Gesicht im Fernsehen zu sehen?

Ein Torwart wirft sich vor dem Zug, absichtlich - wir eventen! Die Menschen machen betroffene Gesichter. Plötzlich kennt und schätzt ihn jeder, auch wenn er noch nie etwas von dem Torwart der Nationalelf gehört hat. 50.000 Menschen trauern? Kannten sie ihn wirklich? Tränen kullern schauspielreif in die Kameras der Fernsehsender. Wir hatten ihn doch so lieb! Wirklich? Was war sein Lieblingsgericht? Welche Filme sah er besonders gern? Hat er geschnarcht, wenn er schlief? Kannten die Menschen ihn wirklich oder tun sie nur so? Wie kann man so tränenreich um einen Menschen trauern, den man überhaupt nicht kennt, höchstens seine Fassade?

Man kann seinen Tod bedauern, wie man jeden toten Menschen bedauern kann, jeden Ermordeten, jeden Selbstmörder.

Diese immer und überall dabeiseienden Menschen sind nicht unänhnlich den Trauerweibern, die es z.B. im alten Ägypten gab, die sich für Geld die Haare rauften, laut weinten? Heutzutage reicht es vielen, sich vor den Kameras der Fernsehsender darzustellen. Vielleicht wird man ja entdeckt.

Muss man die Witwe verstehen, die es zulässt, dass ihre ganz persönliche Trauer vor der Nation ausgebreitet wird? Warum will sie nicht lieber so von ihrem Mann Abschied nehmen, wie sie es möchte? Oder will sie einen Menschenauflauf? Und warum? Meint sie dann, dass ihr Mann dann wichtiger wäre? Wieso sollte er wichtiger sein, nur weil 50.000 Menschen eventen? Ist ein Mensch nur wichtig, wenn er gekannt wird? Wenn -zig Kameras Tränen einfangen? Ist ein Mensch nicht auch nur um seiner selbst wichtig?

Warum verkauft ein Vater die Geschichte seines Sohnes in einer Boulvardzeitung? Sind die Fragen des Sohnes an seinen Vater nicht sehr privat? Müssen sie alle Menschen in Deutschland kennen?

Wieso merken Menschen plötzlich, dass es psychische Krankheiten gibt? Gab es die vorher nicht? Hat es die Menschen vorher interessiert? Wird sich für diese erkrankten Menschen irgendetwas ändern? War es nicht nur ein Blitzlicht - eben für die Fernsehkameras? Morgen funktionieren dann wieder alle wie ein Rädchen im Getriebe? Wie in Metropolis? Und der Nachbar neben uns ist allen egal?

Haben die Menschen übermorgen nicht alles wieder vergessen?

Wieso weinen wir nicht um die armen Kinder in der ganzen Welt?

Wieso weinen wir nicht um die ermordeten, zerbombten Menschen in vielen Teilen der Welt, die auch von deutschen Soldaten erschossen werden?

Wieso weinen wir nicht um unseren Arbeitskollegen, der neben uns schuftet? Der gestern rausgeschmissen worden ist und nun nicht mehr weiß, wie er sein Leben auf die Reihe bekommen soll?

Wieso weinen wir nicht um die arme Rentnerin, den armen Rentner in unserem Haus, die einsam vor sich hin leben?

Wieso weinen wir nicht um den Türken, den Afrikaner, den Inder, der in unseren Straßen zusammengeschlagen wird?

War da vielleicht keine Kamera dabei, in der wir irgendetwas reinquatschen konnten? Bringt es uns nichts Öffentlichkeitswirksames?

Es gibt nur noch Evente im Leben vieler Deutschen. Man muss dabei gewesen sein, man muss gesehen werden, man muss öffentlichkeitswirksam geweint, gelacht oder gebetet haben. Viele Menschen leben überhaupt kein Leben mehr, sondern nur noch ein Pseudoleben. Und warum? Weil es das Event des Jahres, des Monats, des Tages ist? Wir wollen mit Zeitgeschichte schreiben - meinen zumindest, dass der flüchtige Augenblick Zeitgeschichte wäre - möglichst unsere Visage ins Fernsehen hängen. Das ist für mich eine kranke Gesellschaft, die mich an das sterbende römische Imperium erinnert.

Ich frage mich, merkt denn das niemand? Merkt denn niemand, dass er nur vermarktet wird? Merkt niemand, das Trauer und Freude vermarktet werden? Wollen wir denn alle nur vermarktet werden. Wollen wir nur Einschaltquoten sein?

Wollen wir nicht als wir selbst aufrecht gehen?

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