Samstag, 30. Januar 2010

Schaurig schön

An der ökumenischen Fastenaktion "Sieben Wochen ohne - vier Wochen mit Hartz IV" beteiligen sich die evangelische Kirche Bad Urach, die katholische St. Josefgemeinde, die Metzinger Bonifatiusgemeinde sowie die beiden Diakonischen Bezirksstellen in Metzingen und Bad Urach. Am Montag, 8. Februar, ist ab 19.30 Uhr ein Informationsabend im Dietrich-Bonhoeffer-Haus, Max-Eyth-Straße, in Bad Urach. Gefunden bei Südwestpresse
Ein wohliger Schauer streicht über die Rücken der Teilnehmer. Sie werden sich in die Niederungen von HartzIV begeben können. Dorthin werden sie gehen, wo es nur Faulenenzer, Ignoranten, Säufer, Pizzafresser und Sozialausbeuter gibt. Es ist wie eine Reise zu den Orten, wo Sherlock Holmes seine Mörder gefunden hat. Vielleicht wird man auch Vampiren begegnen können. So ausgeschlossen ist das ja nicht. Schließlich zeigen uns neueste Filme und Bücher, wie leicht man zum Vampir werden kann.

Wir gehen hochgestimmt in einen Supermarkt. Wir haben 3 EUR für unser Mittagsmahl. Jetzt können wir es denen mal zeigen. Und man kann doch von HartzIV leben ... üppig ... gesund ... gut. Wir waren gute Schüler unserer Medien. Wir haben gelernt, wie man richtig mit der staatlichen Alimentation leben kann. Wir genießen den Anblick der Tütensuppen und der Pasta. Haben wir nicht schon immer gern Spagetthi mit roter Sauce gegessen? Ohja, dieses Vergnügen können wir jetzt jeden Tag erleben. Ein Kindheitstraum wird wahr. Haben wir als Kinder nicht Gemüse meist verabscheut, dieses grüne, sperrige Zeugs. Vier Wochen lang können wir nun wieder in unsere Kindheit eintauchen. Wir hatten damals schließlich auch keine Playstation. Wir hatten nur eine Puppe oder ein Spielzeugauto. Wir sind doch damals auf den Spielplatz gegangen. Warum sollte das heutzutage nicht reichen? Muss es denn unbedingt ein Sportverein sein? Ohgott, dass wir das noch erleben dürfen. Grusel! Einer (eine) der auszog das Fürchten zu lernen ...

Nach 4 Wochen gehen wir befriedigt in unser spießbürgerliches Leben zurück. Wir haben gesehen, wie gut man doch mit HartzIV leben kann. Naja, 4 Wochen. In den 4 Wochen geht keine Waschmaschine kaputt (zur Not kann man auch noch etwas warten, falls sie zufällig doch kaputt gegangen ist), man muss den Kindern keine neuen Schuhe, keine warme Jacke kaufen, Geld für die Schule fällt gerade auch nicht an. Und den Beitrag für das Fitnessstudio haben wir schon geleistet. Im Kino läuft sowieso gerade kein Film, der uns interessiert, auch der Beitrag für den Sportverein der Kinder ist schon geleistet. Nachhilfeunterricht muss auch erst später bezahlt werden. Die Spagetthi mit roter Sauce hängen uns zwischenzeitlich zum Halse raus und wir wollen endlich wieder so richtig viel Gemüse und Obst essen. Sind wir doch gewohnt. Schließlich wollen wir gesund über den Winter kommen. Schnell im Supermarkt noch eine gute Flasche Wein gekauft. Diese Erfahrungen wollen schließlich begossen werden. Abends gibt es ein schönes Kalbskottelett, haben schließlich 4 Wochen drauf verzichten müssen. Schnell noch den Kindern ein neues Playstationspiel gekauft.

Nur manches Mal läuft uns noch ein wohliger Schauer ob des Erlebten über den Rücken - nur manchmal.

Kommentare:

  1. Das ist doch mal was. Gefährlich nah am Abgrund - mit dem Wissen um das schützende Geländer! Obwohl, fasten mit Hartz IV, ist das überhaupt möglich? Sieht man doch überall die dicken Kinder, die adipositasgefährdeten Erwachsenen und die drogenbewährten, unbeweglichen Jugendlichen.

    Doch wenn das wenig benutzte Gewissen ruft, soll man sich diesen göttlichen Ablaß nicht entgehen lassen. Was sind schon vier Wochen geübte Solidarität gegen achtundvierzig Wochen real life. Manchmal "zwingt" einen die Gesellschaft zu solchen Absurditäten.

    Wir sind im Paradies, doch wir "leben" in der Hölle!

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  2. Nein, fasten mit H4 ist nicht möglich. Es beleidigt die Menschen, die darauf angewiesen sind. Dort wo ich Übergangsweise mal gewohnt habe (Pfalz) gab es das Fastenwandern mit "Für Verpflegung ist gesorgt." Alles ist nur scheinheilig. Übrigens, adipositatsgefährdete Erwachsenen sind in sehr vielen Fällen nur Ansichtssache, weil wir verlernt haben, dass schlank nicht gleich gesund ist.

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