Donnerstag, 11. Februar 2010

Mit zweierlei Maß

"Den Speck kann ich Ihnen nicht verkaufen. Das Preisschild ist abgefallen!"

Arge Verwunderung bei mir. Ist das jetzt mein Problem, dass die Preisschilder durch den Supermarkt nicht ordentlich angebracht worden sind?

"Dann telefonieren Sie mit Ihren Service, der das ändern kann und den Preis ermitteln soll. Ich benötige den Speck."

Ich sehe in den Augen der prekär-beschäftigten Kassierin die stille Frage: Service? Haben wir so etwas überhaupt?

Nein, sie hatten kein Service. Ich wollte die Prozedur jetzt aber einmal durchspielen.

Der Supermarkt REAL ist in zwischen soweit, dass im Erdgeschoss bis auf 2 Kassen alle anderen wegrationalisiert worden sind. Dafür gibt es - wenn ich mich jetzt recht an die genaue Zahl erinnere - 4 Selbstbedienungskassen. Das ist okay, wenn man nur mal 1 Produkt hat und schnell wieder raus aus dem Markt will. Nunja, so schnell nun auch wieder nicht. Die Selbstbedienungskasse erfordert von einen schon ein gewisses Maß an Geduld, die man nur aufbringt, weil an den richtigen 2 verbliebenen Kassen die Schlangen bis ins Unendliche stehen. Aber das will man ja, dass man die Selbstbedienungskasse nutzt. Schließlich soll man an das kostenlose Angestelltsein bei REAL gewöhnt werden, dass es einen dann nicht mehr auffällt, wenn die letzte, prekär-beschäftigte Kassiererin abgeschafft worden ist.

Zurück zu meinem nicht ausgezeichneten Produkt. Ich habe fast 20 Jahre in der Pfalz gelebt. Ich kann mich an keinen, auch nicht an den popligsten Discounter erinnern, der so mit seinen Kunden umgegangen ist.

Die Situation. Die arme prekär-beschäftigte Kassererin fragte mich, ob ich nicht mal den Speck auswiegen wolle.

Nein, das wollte ich nicht. Ich bin bei REAL nicht angestellt.

Die Kassiererin darf nicht ihre Kasse verlassen und es gibt KEINE Servicemitarbeiter, die das erledigen, so wie das z.B. in der Pfalz bei Globus gang und gäbe ist. Zufälligerweise stand hinter uns eine REAL-Mitarbeiterin (nehme ich an, die beiden kannten sich), die zwischenzeitlich auf die Kasse aufpasste. Nun wog die Kassiererin den Speck ab und wie nun weiter. Dann nahm sie doch das Telefon in die Hände und bekam - KEINE Auskunft.

Zwischenzeitlich regte sich hinter mit die auf die Kasse aufpassende Kundin auf, dass wir doch wieder in den Westen gehen sollten, wenn uns das hier nicht passe ... man kaufe eben keinen Speck, der nicht ausgezeichnet wäre ... usw. usf.

Am Ende haben wir den Speck so bekommen, weil es nicht möglich war, den Preis zu ermitteln.

Ich habe das schon oft erlebt, dass hier im Osten vieles anders ist als in den Altbundesländer. Das beginnt beim Arzt, wo ich nur durch Protest die gleichen Leistungen erhalten habe, wie bei meinem Altbundesländerarzt. Das geht weiter, wenn ich im Supermarkt verdorbene Sachen zurückgebe, wo ich mit Ach und Krach mal eine Entschuldigung erhalte. Im Gegensatz dazu habe ich in meiner letzten Heimat immer eine kleine Entschädigung für meinen doppelten Weg erhalten.

Nur sind die Menschen im Osten mit schuldig an dieser Ungleichbehandlung. Sie akzeptieren sie.  Sie richten ihr Unbehagen gegen den Mitkunden/Mitleidenden/Ausgestoßenen. Sie machen einen Diener Ist schon gut, da komme ich eben mit dem Speck noch einmal vorbei. Entschuldigung, habe ich nicht bemerkt, dass dort kein Preisschild dran war. Richtig, es gibt viel zu viele Faule, meine Nachbarin kennt ja jemanden, der jemanden kennt ...

Die Manager verdienen sich dumm und dämlich und die Kunden sind dankbar, dass ihnen überhaupt etwas verkauft wird. Sie haben nicht begriffen, dass sie das Wohlleben der Manager und Besitzer bezahlen. Sie verbrüdern sich mit der Kassiererin.

Solidarität mit ihr ist richtig, aber an einer anderen Stelle.

  • An der Stelle, wo sie streikt.
  • An der Stelle, wo Mindestlohn gefordert wird.
  • An der Stelle, wo über ein sanktionsfreies Grundeinkommen gesprochen wird.

Dort muss unsere Solidarität ansetzen.

Es gibt Stimmen, die meinen, dass es in absehbarer Zeit eine sich wehrende Masse geben würde. Nein, die wird es nicht geben, weil die Köpfe verkleistert sind. Weil die Mehrheit nicht begriffen hat, dass das Grundübel nicht der arbeitende oder der rausgeschmissene Mensch ist, sondern die Herrschaften, die dahinter stehen.

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