Samstag, 20. März 2010

Bleiben Sie schön gesund

Für die Leipziger Stadtzeitung "KIPPE" habe ich für die nächste Ausgabe, die sich mit dem Gesundheitswesen beschäftigt, folgenden Artikel geschrieben:

+++ Brechen des Preismonopols der Pharmaindustrie +++ Milliardengewinne bei den gesetzlichen Krankenversicherungen +++ Kopfpauschale +++ 2050 wird ein Erwerbstätiger für einen Rentner aufkommen müssen +++

Halt! Wer hat das gesagt? Ein GesundheitsÖKONOM, ein gewisser Herr Beske. Wieso muss 2050 ein Erwerbstätiger für die Gesundheit eines Rentners aufkommen? Hat er in eine Kristallkugel geblickt? Das ist eine glatte Lüge. Ich habe als Erwerbstätige in die gesetzliche Krankenversicherung eingezahlt und zahle als Rentnerin ebenso darin ein, nach meiner Leistungsfähigkeit. Ich war mein ganzes Leben lang solidarisch mit meinen Nachbarn. Warum auch nicht? Nur durch gegenseitige Solidarität funktioniert unser Miteinander. Warum sollte ich kleinlich aufrechnen, wenn mein Nachbar ein paar Euro weniger oder mehr als ich erhält? Ist das eine altmodische Auffassung? Haben wir verlernt zu teilen?

Herr Beske will, dass sich die Leistungen der Krankenversicherung rechnen. Sich rechnen! Was heißt das denn eigentlich? Du bist kein Leistungsträger, also bekommst du kein neues Hüftgelenk? Du bist Rentnerin, wozu benötigst du noch eine teure Krebsbehandlung? Sterben müssen wir alle. Wir werden dein Sterben kostengünstig begleiten. Wollen wir das wirklich? Sind wir deswegen 1989 auf die Straße gegangen?

Wieso zahlen wir 19 % Mehrwertsteuer auf Medikamente? Hotelbetten kosten nur 7 %. War die Absenkung der Mehrwertsteuer auf Hotelbetten wichtiger? Haben wir vielleicht nicht genügend gespendet? Nein, wir haben nur treu und brav unsere Versicherungsbeiträge geleistet. Nur interessiert das niemanden. Von diesem Geld bauen Krankenkassen Glaspaläste und deren Vorstände beziehen ein schönes Einkommen. Milliardenüberschüsse sollen die gesetzlichen Krankenkassen auch erwirtschaftet haben. Und was bleibt für uns? Die Ausgaben der Krankenkassen für Medikamente würden immer weiter steigen. Wieso? Ich bekomme nur die von Generikaherstellern und oft gar keine, wenn ich am Quartalsende zu meinem Hausarzt gehe. Unser Gesundheitsminister Rösler will das Preismonopol der Pharmaindustrie brechen. Glaubt jemand daran? Ist das nur ein Gag vor den NRW-Wahlen?

Ach ja - die Kopfpauschale. Was soll an einer Kopfpauschale gerecht sein? Erschließt sich das jemanden? Herr Rösler hat gegen die Krankenkassen gewettert, die einen Zusatzbeitrag von 8 EUR pro Monat erheben. Er fand das unsozial. UNSOZIAL!

Spielen wir die Kopfpauschale mal durch. Ich nehme einen hypothetischen Beitrag von 150 EUR im Monat an. Dieser Beitrag ist für eine Kassiererin bei Real ein Vermögen. Ihr Marktleiter kann darüber sicherlich nur lachen. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass er vorher sehr viel mehr in die Krankenversicherung gezahlt hat. Die Differenz „X“ zwischen 150 EUR und dem früheren Beitrag muss nun irgendwie aufgebracht werden. Aber wie? Vergessen wir nicht, das solidarische Miteinander haben wir ja abgeschafft! Also, was wird das für uns heißen? Grundversorgung! Das wird der Weg sein. Herr Rösler sagt zwar auch, dass diejenigen, die von der Kopfpauschale überfordert würden, staatliche Zuschüsse erhalten sollten. Und nach welchen Kriterien würden die Zuschüsse gezahlt? Müssen wir dafür demütigende Prozeduren über uns ergehen lassen? Überlegen wir weiter. Staatliche Zuschüsse. Wovon will Herr Rösler die zahlen? Er müsste dafür echtes und kein virtuelles Geld zur Verfügung stellen. Dabei tut sich Deutschland schon schwer, Kinder aus der Armutsfalle herauszuholen. Und wenn wir unser Geld in die Kopfpauschale stecken, was bleibt dann noch für den Konsum? Werden der Einzelhandel und die kleinen Handwerker das nicht ausbaden müssen? Hat sich das Herr Rösler und seine FDP schon einmal überlegt?

Oder soll Deutschland so werden wie die USA? Ich habe kürzlich Folgendes gelesen. Es geht um einen CT-Scan und eine Schmerztablette: „… Der Schock für die Unversicherten kommt Wochen später - in Form der Rechnung: Das Hospital fordert 5000 Dollar (rund 3600 Euro). Darunter 140 Dollar für die Pille, die Lettner (der Unversicherte) in der Apotheke für 10 Cents hätte kaufen können ... Wollen wir das?

Herr Rösler spricht davon, die Kopfpauschale behutsam einzuführen. Behutsam oder nicht!  

Er entsolidarisiert uns. 

Welche können sich die Aufstockung der Grundversorgung mit einer Zusatzversicherung versüßen, die andern haben dafür schlichtweg kein Geld. Er legt den Grundstein dafür, dass die einen ohne Schmerzen den Tag verleben dürfen und die anderen dafür mit Schmerzen leben müssen. Sind wir dafür 1989 auf die Straße gegangen? Mögen wir unseren Nachbarn nicht mehr? Gönnen wir ihm nicht, dass auch er ohne Schmerzen den Tag verleben darf?

Haben wir das bedacht, als wir gestatteten, dass ein Herr Rösler Gesundheitsminister werden konnte? Wollten wir uns gegen unsere Nachbarn wenden? Unsere eigenen Egoismen pflegen? Wollten wir die Ökonomie als unseren neuen Gott?

Denken wir mal darüber nach.

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