Donnerstag, 15. April 2010

Kriegsgedanken

Kürzliche habe ich gerade für mein Frankreich-Reisetagebuch etwas über den Hartmannsweilerkopf im Elsass, den wir in den 1990er Jahren besuchten, geschrieben. Ich denke, dass die Ereignisse dort zeitlos sind:

Der Hartmannswiller Kopf wird von der Heerstraße Route de Crête berührt. Diese Straße wurde von den Franzosen gebaut, als sie im 1. Weltkrieg das Elsass wieder in die Französische Republik eingliedern wollten. Sie verläuft knapp unterhalb des Vogesenkammes und ist von deutscher Seite her nicht einsehbar. Die Bergkuppe Hartmannswiller Kopf ist eigentlich recht unbedeutend, aber eben nur eigentlich … Sie ist ein Sinnbild des sinnlosen Wirkens von Menschen, wenn sie in Kriegen gegeneinander gehetzt werden. Was geschah an diesem unbedeutenden Ort? Wenn ich den überdimensionierte Steinsarg in gehobener Position betrachte, die Fahnen, die Zufahrt zu einer Gedenkstätte, den Friedhof und wiederum die Fahnen, das Pathos der Bilder … muss hier etwas Patriotisches, Heroisches stattgefunden haben. Nein, so war es nicht. Hier haben sich im ersten Weltkrieg Deutsche und Franzosen gegenseitig abgeschlachtet in einem sinnlosen Stellungskrieg. Der Berg ist getränkt vom Blut hingemordeter junger Männer. Wir sparen uns den Pathos und spüren dem Grauen am Berg nach.

08.01.1916:  Mit einem 5-stündigen Trommelfeuer aus über 100 Geschützen bereiten die Deutschen ihren Sturm auf den Hirtzstein vor. Der Angriff, den das Anhaltinisch-Dessauische Inf.Rgt. 188 sowie das Märkische Inf.Rgt.189 (verstärkt durch spezielle Sturm- und Pionierabteilungen) durchführen, gelingt. Ein französischer Gegenangriff scheitert. Die letzte große Operation an der HK (Anm.: Hartmannswillerkopf) Front ist vorüber! Nun, Anfang Januar, lagen sich Deutsche und Franzosen nahezu exakt in den Stellungen gegenüber, die sie bereits vor dem 21.12.1915 inne hatten!  Tausende Toter und Verwundeter kosteten die Kämpfe seitdem, ohne letztlich einer Seite einen Vorteil zu bringen. Von nun an ebbten die Kämpfe nach und nach ab, jedoch wurde bis Kriegsende am HK, wenngleich freilich längst nicht mehr so heftig, weitergekämpft. Täglich forderte der Berg weitere Opfer.

Enge Trampelpfade führen bergan. Sträucher haben die Unterstände überwuchert. Unterstände? Dreckige Erdlöcher sind es. Was müssen Martin, René, François, was müssen Peter, Heinrich und Gerhard dort erlitten haben. Von 1914 bis 1918 waren sie vielleicht dort. Solange war der Berg Kampfgebiet, mal mehr, mal weniger. Kalt und Feucht war’s sicherlich. Ihre Schuhe, ihre Uniform werden schlammig gewesen sein, wenn der Herbstnebel troff, der Sommerregen aus sie niederprasselte. Sie werden sich in den kleinen Steinhütten im Winter versammelt haben, um einen kleinen Ofen, nach Wärme lechzend. Und immer diese Angst. Geschützfeuer, Granateneinschläge … und das ewige Trommelfeuer. Mal eroberten die Deutschen den Gipfel, mal die Franzosen. Und immer brachten sie sich gegenseitig um, aus Angst selbst sterben zu müssen, falls man nicht schnell genug den Finger am Abzug hatte, aus reiner Mordslust, um eine neue Kerbe in das Gewehr schnitzen zu können. Keiner kann nachempfinden, was in den Männern in diesen Jahren vorgegangen ist … Die Läuse, die Flöhe, die Schmerzen … faulende Fußlappen … stinkende Verbände … Keiner kann es nachempfinden. Was werden sie Weihnachten gemacht haben? Bekamen sie Post von ihren Frauen, Müttern oder Kindern? Hatten sie einen Weihnachtsbaum? Sangen sie Stille Nacht, heilige Nacht? In diesem Zusammenhang fällt mir eine verbürgte Geschichte aus dem 1. Weltkrieg ein, die nicht oft genug erzählt werden kann:

Dezember 1914, Erster Weltkrieg, an der Westfront. Deutsche, französische und britische Soldaten liefern sich einen erbitterten Stellungskrieg. Am Heiligabend kommt es zu einer Annährung zwischen deutschen, französischen und schottischen Soldaten. Sie beschließen einen Waffenstillstand. Im Niemandsland zwischen den Schützengräben trinken sie gemeinsam Champagner, singen Lieder, spielen Fußball und begraben ihre Toten.

War es hier am Hartmannswillerkopf vielleicht ähnlich? Oder schoss man weiter aufeinander? Keine Tafel gibt darüber eine Auskunft. Stacheldraht, vergessen, liegt bei den Beobachtungsständen … ein kaputter Stahlhelm … Wie muss es hier während der Schlacht ausgesehen haben? Der Boden wird durchwühlt gewesen sein. Kein Baum, kein Strauch wird mehr gestanden haben. Welcher Baum kann schon Geschützfeuer auf Dauer widerstehen? Deutsche Kommandos. Kommandos in französischer Sprache. Ob man sich gegenseitig hören konnte? Halbverfallene Gänge, die in den Berg hineinführen … Und alles ist überwuchert von Gras, Gestrüpp. Das Grauen wird gnädig zugedeckt. Das Blut ist weggewaschen worden, die Opfer beerdigt. Sie liegen hier am Berg, auf dem Friedhof, dem Heldenfriedhof, wie wir Menschen immer so schön sagen? Waren es Helden? Waren es nicht eher verratene Männer, verraten von ihren machthungrigen Regierungen? Aufeinandergehetzte … Verleumdete … zu Erzfeinden gemachte … ? Die französische Trikolore weht auf dem Friedhof. Sollte nicht eher eine Trauerfahne wehen?

Riebière Jean Armand
Aspirant 13me B.C.P
Mort pour la France
5.3.1915

Wer war Jean, dessen sterbliche Überreste hier liegen? Ist er wirklich für Frankreich gestorben? Und Gerhard oder Heinrich? Für Deutschland? Wozu haben wir Heldenfriedhöfe? Helden gibt es nur im Märchen. Dobrynja Nikitisch war ein Held, als er den Drachen Gorynytsch besiegte. Aragorn war einer. Das tapfere Schneiderlein auch. Alles Helden aus Märchen, Sagen und Büchern. Jean, Gerhard und Heinrich sind gemeuchelte Männer, gemeuchelt von Mächtigen, die nicht selbst in den Krieg ziehen wollen, die andere ihrer Gier wegen opfern. Hat die Menschheit daraus gelernt? Nein. Jean Armand starb. In der jüngeren Geschichte mordete man in Korea, Vietnam, in Afrika und es geht immer weiter. Heldenfriedhöfe wachsen. Man nennt die Toten Helden, damit niemand darüber nachdenkt, dass sie keine waren und sind, nur Opfer. Überall auf den Grabkreuzen hier am Hartmannswillerkopf steht Gestorben für Frankreich. Und es ist eine Lüge.

1 Kommentar:

  1. Mir erging es ähnlich auf einem der Kriegsfriedhöfe - in Frankreich war es. Dort waren auch Deutsche und Franzosen begraben - sehr viele Deutsche auch.
    Ich war mit einem Bekannten dort, und ich klappte fast zusammen. Die Menge der weissen Kreuze, und meine Phantasie arbeitete - zeigte mir hinter jedem Grabkreuz einen jungen Mann...
    Es macht einen fertig, wenn man nicht verroht ist. Und, ich dachte das Gleiche wie Du. Als wir wieder in Deutschland waren, lud mich der Bekannte zu einem Konzert mit Hannes Wader ein, und ich hörte zum ersten Mal das Lied "Es ist an der Zeit".

    Dann war der Vietnam-Krieg endlich zu Ende, und es gab Hoffnung - und wieder die Sprüche von nie wieder. Ich las die Berichte über Hiroshima und Nagasaki, - die Breichte über die Greueltaten in der Hitlerzeit, auch die Menschenversuche, und musste mich anschliessend 14 Tage krankmelden, so fertig war ich. Und, ich konnte lange nicht verstehen, dass alles so weggesteckt wurde - so gleichgültig und wurschtig.

    Und nun also wieder...
    Danke für Deinen Beitrag.

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