Donnerstag, 1. April 2010

Machtausübung

Gestern habe ich mir den Scientology-Film in der ARD angeschaut. Der Film war recht interessant, von der Qualität war ich weniger überzeugt. Die Figuren agierten recht eigenartig. Auf der anderen Seite könnte ich mir aber auch durchaus vorstellen, dass gerade solch charakterlich eigenartig gestrickten Menschen den Scientologen auf den Leim gehen. Erschreckend für mich war schon, wie Machtausübung einstudiert worden ist. Im Nachgang bei der Diskussion hat zwar der Pressesprecher der Scientologen in Deutschland abgewiegelt. Es würde nur darum gehen, Wünsche formulieren zu können. Mir erschien das aber nicht glaubwürdig.

Ich finde, das Scientology ein Kind des Kapitalismus ist. Menschen wird eingeredet, dass sie immer nur fit, schlank, gesund, leistungsfähig sein sollen. Dafür müssen die Menschen bezahlen - und zwar viel Geld. Kurse im Fitnesstudio wären billiger. 

Was mich stört, ist, dass man Menschen ihre negativen Erlebnisse, ihre Traumas in ihrem Leben austreiben will. Nur dann wären sie richtig leistungsfähig. Was wäre ich aber ohne meine traurigen Erlebnisse? Was wäre ich, wenn ich meine Mobbingerfahrungen, mein "mit-mir-selbst-nicht-immer-zufriedensein" durch Lehrgänge aus mir verbanne? Ich wäre doch nur eine Hülle mit angelerntem Wissen. Ich wäre ohne eigene "Duft"marke. Wie mit Botox gespritzt. Ich könnte nicht Wachsen an meinen Erfahrungen, nicht stark werden aus Misständen, Verletzungen die mir zugefügt worden sind, die ich mir selbst zugefügt habe im Laufe meines Lebens durch falsche Entscheidungen. Waren nicht gerade die falschen Entscheidungen lehrreich für mich? Haben nicht gerade die mich stark gemacht? 

Was interessiert es mich als Mensch eigentlich, ob ich für diese Gesellschaft leistungsfähig erscheine oder nicht? Was ist Leistungsfähigkeit? Den Unternehmern zu gefallen? Lohnarbeit bis zum Umfallen zu verrichten?  Von früh bis abends nur zu schuften? Ist das etwa Leistungsfähigkeit?

Was ist fit? Einen bestimmten BMI zu haben? Mit Skistöcken im Sommer ohne Ski zu laufen, nur weil sich eine Firma überlegt hat, wie sie Skistöcke auch im Sommer losbekommen könnte? Bin ich fit, wenn ich rennen kann? Und warum sollte ich einen bestimmten BMI haben? Ist es nicht wichtiger, nicht krank zu werden?

Und wo bleibt dann meine Muse? Meine Geschichten, die in meinem Kopf entstehen, wenn ich mich faul im Sessel lümmle? 

Wieso sollte ich mich dann vor einer Institution, die sich Kirche nennt, dafür verantworten? Mich ihren Fragen stellen? Und nicht einfach nur das, sondern mich inquisitorisch ausfragen lassen. Und warum sollte ich zwei Büchsen in die Hand nehmen und mich "durchleuchten" lassen? Wo ist dann meine Individualität? Meine Freiheit? Meine Persönlichkeit?

Und warum würden die mich dann zu neuen, teuren Lehrgängen verdonnern wollen? Wegen meiner Nichtleistungsfähigkeit? Meiner vermurksten Statistik, was immer dort auch  festgehalten wird. Nun gut, diese Frage ist wenigstens leicht zu beantworten. Scientology will verdienen, so richtig fett absahnen. Und das verstehe ich dann auch. Die Drückerkolonnen der Hamburg-Mannheimer machen dasselbe. Andere Verkäufertrupps auch. Auch die feiern und wollen z.B. zum Gebietsleiter aufsteigen. Nur, was hat das alles mit Kirche zu tun? Seelenheil und Glauben? Der Glauben kann sich doch nicht in Verkaufszahlen erschöpfen. Und diese verquaxte Theta-Geschichte ist schon ein bisschen lächerlich. Schlechte SciFi würde ich sagen. Sind Autohäuser jetzt auch Kirchen? Schließlich will ein Autoverkäufer nicht nur schnöde ein Auto verkaufen, sondern eine Idee dahinter, ich soll mich bei einer Automarke auch seelisch wiederfinden. Die Wolfsburger Autostadt die neue Kirche?

Macht ist es. Macht ist süß. Ich übe Macht aus nach unten, die üben Macht aus nach unten, nach unten ... nach unten. Übrigens Mitglieder der Scientology sollen sogenannte Arbeitsverträge mit der Sekte haben, wo sie sich verpflichten müsssen z.B. mehr als 50 Stunden pro Woche für fast nichts oder überhaupt nichts zu arbeiten. Sie arbeiten dann Lehrgänge ab. Im alten Rom wurden so Sklavenverhältnisse erschaffen. 

Ich konnte mir gestern abend die Frage Warum machen das Menschen? nicht beantworten. Ich versteh's einfach nicht.

Übrigens hat Ron Hubbard in einem seiner Bücher gesagt - ich verkürze sinngemäß - Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen. Er erzählt eine lange Geschichte drumherum. Der Pressesprecher von Scientology streitet das ab. Falls es Ron Hubbard wirklich so gemeint hat, wie es vorgetragen worden ist, wäre er schon angekommen mitten in unserer Gesellschaft.

Übrigens, was hat Wissenschaft mit Kirche zu tun?




Kommentare:

  1. Hallo PeWi,
    dem kann ich nicht ganz zustimmen. Es kann keineswegs nur um die Ausübung von Macht über andere gehen. Macht für sich genommen ist wertlos. Macht, um wirtschaftliche Interessen zu verfolgen lasse ich gelten. Nach diesem Prinzip arbeitet Scientology. Natürlich will der Autoverkäufer nur schnöde ein Auto verkaufen, was sonst? Die Idee oder das Lebensgefühl das mitverkauft wird ist doch nur dummes Werbefuzzy-Geschwätz.

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  2. Nein, Macht an und für sich ist nicht wertlos. Es müssen nicht immer wirtschaftliche Interessen dahinter stecken. Macht auszuüben anderen gegenüber ist für viele faszinierend. Wenn andere das machen müssen, was man will und zwar ohne wenn und aber, dann blühen sie auf. Das hat der Mensch schon sehr oft bewiesen. Gewalt in der Ehe - ist Machtausübung gegen die schwächere Frau. Da geht es nur um Machtspielchen und nicht um Wirtschaft. Andere Menschen erniedrigen, an die Wand drücken ... wer kennt das nicht? Nur Wirtschaft. Das ist für Scientology zu kurz gesprungen. Und ein Autoverkäufer verkauft Lebensgefühl. Niemals würde sonst ein Mensch einen Touareg z.B. kaufen. Es ist für die meisten ein völlig nutzloses Fahrzeug. Er macht aber größer, wie ein Mercedes SKL z.B. oder ein Jaguar. Kein Mensch braucht einen Jaguar, nur das Ego von bestimmten Menschen benötigen ihn. Wir kaufen in der Regel über die Sinne, weniger nach Logik. Die Werbung bildet das nur ab.

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