Mittwoch, 28. April 2010

Meinungsmache bei ARTE

Als ich gestern 19:00 das arte-Journal sah, blieb mir der Mund offen stehen. Es ging um Schulschwänzer in Frankreich. Den Familien soll das Kindergeld (ich glaube das heißt dort anders) für dieses Kind zur Strafe gestrichen werden. Sogar der französische Beitrag sagte, dass das nicht der richtige Weg wäre. Nun kommt es. Da stellt sich der Moderator hin und sagt, dass das bei uns in Deutschland auch ein Problem wäre. Das mag ja alles richtig sein. Als Interviewpartner zu diesem Problem hat er Herrn BUSCHKOWSKY zugeschaltet. Herr Buschkowsky, der armen Menschen unterstellt, dass sie nur Kinder für Geld machen. Seine Meinung kennen wir ja alle genügend. Er musste die ja auch gleich kundtun. Er musste gleich sagen, dass man den Eltern in Deutschland auch das Kindergeld verweigern solle. Nur mit Geldverweigerung könne man diese Eltern erziehen. Mir stockte der Atem. In arte! Und nur Buschkowsky!

Ich ging zu meinem PC und beschwerte mich bei arte, dass das wohl nicht angehen könne, dass man jemanden eine Bühne gäbe, der das Kindergeld vom Wohlverhalten armer Menschen abhängig machen wollte. Und es kann nicht angehen, dass im Öffentlich-Rechtlichen über die Erziehung von Erwachsenen durch Geldentzug schwadroniert wird. Ich habe angefragt, ob sie nun endgültig der Meinungsmache gegen bestimmte gesellschaftliche Schichten erlegen wären.

Die Antwort:

vielen Dank für Ihr Interesse am Europäischen Kulturkanal ARTE.


Zuschauerreaktionen sind für jeden Fernsehsender ein Gradmesser der Zuneigung bzw. Ablehnung durch das Publikum und ARTE weiß diese zu schätzen.


Ihre kritische Stellungnahme zum ARTE-JOURNAL haben wir deshalb gerne an die zuständige Redaktion weitergegeben.


Bitte verstehen Sie jedoch, dass sich eine Informations- und Nachrichtensendung wie ARTE-JOURNAL als eben solche versteht. Auch gegenteiligen Meinungen benötigen, um überhaupt als solche erkannt zu werden und um eine gesellschaftliche Diskussion zu ermöglichen, einen öffentlichen Raum. Extreme jedweder Form - erst recht wenn sich jene als Sprachrohr "einer" Mehrheit verstehen - sollten nicht ausgeklammert, sondern der Diskussion zugägnglich gemacht werden. Als öffentlich-rechtliches Nachrichtenformat ist es eben nicht Gang ung Gebe "eine Wahrheit" zu verbreiten, sondern die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten derselben wiederzuspiegeln. Die Zuschauer können, so wie Sie es in ihrem Kommentar tun, sich dazu eine eigene Meinung bilden - es geht hierbei nie um "Meinungsmache", sondern sehrwohl um den gengeteiligen Versuch der selbstständigen Meinungsbildung. Dingen und Aussagen, die ausgesprochen und öffentlich zugänglich gemacht werden, können negiert, verifiziert oder wiedersprochen werden - Unausgesprochenes bleibt trotzdem nicht ungehört, wird aber schwerer zugänglich und somit in der Diskussion und Auseinandersetzung stets schwieriger zu greifen sein.

Falls dieser Ansatz unserer Philosophie eines öffentlich-rechtlichen Nachrichtenjournals für Sie in diesem Beitrag so nicht erkennbar war, möchten wir uns dafür jedoch entschuldigen.


Ich habe nicht viel mehr erwartet, musste aber trotzdem antworten:

Sehr geehrte Frau Gräfe,

vielen Dank für Ihre Antwort. Nur muss ich sagen, dass Sie hier wohl etwas verwechselt haben. Ich bin Humanistin! Nicht ich habe ohne Not inhumanes Gedankengut verbreitet. Es ging bei diesen Beitrag um Frankreich. Es war überhaupt nicht erforderlich, einen Herrn Buschkowsky nach seiner Meinung zu fragen, zumal man diese Meinung schon kennt. Ich bin Humanistin. Ich lehne es ab, dass hier im Staat Überlegungen angeregt werden - und sie werden sanktioniert, in dem sie ein Öffentlich-Rechtliches Programm ausstrahlt - die gesetzliche Geldleistungen von einem Wohlverhalten abhängig machen wollen. Ich bin Humanistin. Nicht ich will Sippenhaft üben, indem ich die Familien von Schulschwänzern strafen will. Ich bin Humanistin. Ich finde es verabscheuenswert, dass bei Ihnen jemand eine Plattform erhält - und ganz ohne Not - der anderen Eltern unterstellt, dass sie Kinder machen, um mehr Geld zu bekommen. Wenn schon so ein Mensch seine Meinung im Öffentlich-Rechtlichen verbreiten darf - und ich wiederhole noch einmal: ganz ohne Not - sollte wenigstens jemand anders mit einer Gegenmeinung sich auch äußern dürfen, was nicht geschehen ist. Also wurde in ihrer Sendung suggeriert, dass wir den französischen Weg gehen müssen, ohne Alternative, denn Alternativen wurden NICHT aufgezeigt. Und das Aufzeigen von Alternativen, das verstehe ich unter Qualitätsjournalismus, den sie immer wieder einklagen. Was hier gemacht wurde, ist an Einseitigkeit nicht zu überbieten. Es bedient Stammtischparolen und ich dachte einmal, dass dies nicht zu arte gehört. Nun bekomme ich als Humanistin sogar den schwarzen Peter zugeschoben. Ich wäre also kein Demokrat. Was haben Sie eine Vorstellung von Demokratie? Inhumanes Handeln? Was ist das für eine Entschuldigung, die mir vorhält, dass ich alles nur nicht richtig verstehen würde? Das Verstehen hat hier wohl arte gepachtet? Dieser Beitrag gehört zu einer langen Reihe von Beiträgen, angefangen von BILD über das private Fernsehen bis zum Öffentlich-Rechtlichen, dass Menschen, die nicht den Vorstellungen der herrschenden Eliten entsprechen diffamiert werden bis hin zur Austrocknung. Wir Deutschen gingen schon einmal so einen Weg.

Irgendwie wird man mutlos, aber vielleicht wollen das sogar diejenigen, die uns gegeneinander hetzen. Machen wir also weiter!

PS: Übrigens wurde meine Antwortmail von arte abgewiesen. Dieser Sender hat seinen Mailaccount so eingestellt, dass keine unmittelbare Antwort möglich ist. Das nenne ich Zuschauerverbundenheit. 


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