Samstag, 24. April 2010

Nix gelernt - nix gewusst

Auf obige Anmoderation hin erhielt Herr Hingst, seines Zeichens "Moderator" bei der rbb-Abendschau, mehrere Zuschriften. Hier, erstmal unkommentiert, seine Antwort.


Sehr geehrte Damen und Herren,

zu unserer Berichterstattung über die Attack-Veranstaltung in der Volksbühne am 10. April gab es sehr viele Reaktionen. Insbesondere an meiner Moderation haben sich viele von Ihnen gestört. Bitte haben Sie Verständnis, dass ich nicht alle Zuschriften individuell beantworten kann, ich will aber versuchen, all die Punkte, die Sie angesprochen haben, hier zu beantworten.

Im Kern kritisieren die Meisten von Ihnen, ich hätte in meiner Moderation

- „unseriös“, „tendenziös“ und „voreingenommen kommentiert“,
- Attacks „honorige Arbeit“ „nicht hinreichend gewürdigt“ und „falsch dargestellt“ und
- behauptet, „die kleinen Leute seien an der Krise schuld“.

Es wird Sie nicht überraschen, dass ich Ihnen in diesen Punkten nicht zustimme.

Ob „die kleinen Leute“ an der Finanzkrise schuld sind, will ich zunächst einmal dahingestellt lassen, dazu später mehr. In meiner Moderation jedenfalls habe ich das aber auch gar nicht behauptet. Ich habe vielmehr festgestellt, dass Attack einzig und allein Bänker und Politiker auf die Anklagebank gesetzt hat. Attack hat selbst versucht, mit diesem Tribunal (schon in der Wortwahl) den Eindruck einer rechtlichen Aufarbeitung der Verantwortlichkeiten zu erwecken. Die „Ermittler“ haben dabei jedoch völlig darauf verzichtet, zu klären, ob nicht auch andere eine Mitschuld an dieser Krise tragen. Genau darauf habe ich in meiner Moderation hingewiesen. Das heißt nun nicht, dass damit die Vorstände und Minister aus ihrer Verantwortung entlassen wären. Aber vielleicht gibt es eben auch andere „Schuldige“. Und indem Attack genau diese Frage gar nicht erst stellt, indem Attack eben nicht unser aller Kreditgläubigkeit kritisch hinterfragt, hat Attack das Ergebnis des Tribunals schon vorweggenommen. Man hat es sich eben einfach gemacht. Darauf habe ich hingewiesen und das halte ich nicht für „unjournalistisch“ oder „tendenziös“, das halte ich geradezu für meine journalistische Pflicht. Immerhin leben wir in einem Rechtsstaat und wer sich selbst den Anschein eines Rechtsprozesses gibt, der muss auch dessen Regeln einhalten, ob Globalisierungsgegner oder Neokonservativer.

Erstaunlich finde ich, dass fast alle Zuschriften mir vorwerfen, Attack nicht neutral behandelt zu haben und gleichzeitig fordern, die positive Arbeit der Globalisierungsgegner herauszustellen. Ja was denn nun? Neutralität oder Parteinahme für Attack? Ich hoffe auf Ihr Verständnis, dass ich in diesem Punkt bei meiner Linie bleibe: ich werde mir nicht anmaßen zu entscheiden, wer Recht hat, aber ich werde stets gegen Einseitigkeit und Intoleranz eintreten. Und wie unser Beitrag ja eindrucksvoll gezeigt hat, war es mit der Toleranz vieler Teilnehmer dieses Tribunals wohl nicht zum Besten gestellt. Fragen Sie sich bitte ehrlich: wollen Sie den völlig neutralen Moderator? Wollen Sie ihn auch dann, wenn er die Armutsstatistik in Deutschland dann nicht mehr unter der Schlagzeile anmoderiert „die Zahl der Kinder in Armut steigt“, weil dabei ein relativer Armutsbegriff zugrunde gelegt wird, der in sich bereits eine Wertung enthält. Wollen Sie das wirklich? Oder einen Moderator, der beim Thema Hartz-4 lediglich die Fakten der Studien und Gesetze nennt, ohne auf die Einzelschicksale von Menschen hinzuweisen?

Zu guter Letzt zur Sache selbst: wer ist schuld an der Finanzkrise? Mir ist es in der Tat zu einfach, nur auf Ackermann und Co zu zeigen. Wer diesem Reflex nachgibt, hat das Grundproblem nicht verstanden und wird fröhlich in die nächste Krise schlittern. Halten wir zunächst fest: diese Krise war nichts anderes als das Platzen einer Kreditblase und damit genau das, was fast all die Krisen vor ihr auch waren. (Ich erlaube mir, zum Ablauf das exzellente Buch unseres ARD-Börsenexperten Michael Best zu empfehlen) Und ja, es waren die Häuslebauer, die zunächst im Zentrum dieser Blase standen, wenn auch nicht die in Schwaben oder Köpenick, sondern in den USA. Subprimes sind im Kern nichts anderes als nachrangige Kredite auf Häuser. Die Leute hatten ihre Eigenheime bereits bis zur Oberkante beliehen und haben dann noch mal einen Kredit mit ihrem Haus besichert. Und sich damit überschuldet, ganz einfach und altmodisch. Als immer mehr Amerikaner ihre Kreditraten nicht bezahlen konnten, wurden die Häuser versteigert, die erstrangigen Kredite bedient, die nachrangigen fielen aus, der Wert der Subprimes fiel ins Bodenlose. Genauso wie der Wert der Häuser, weil ja immer mehr auf dem Markt waren. Der Rest ist Geschichte, Sie wissen das alles. Natürlich hätten die Banken diesen Menschen niemals Kredite geben dürfen, natürlich war es hochgefährlich, die Risiken, die in diesen Subprimes steckten, durch Strukturierung zu verschleiern. Aber wer diejenigen, die sich bewusst überschulden – ob mit Häusern, Autos oder Fernsehern, ob in Amerika oder Deutschland – aus der Verantwortung lässt, legt den Grundstein für die nächste Kreditblase.

Sie mögen mir in diesem Gedankengang wiedersprechen. Sie mögen es so formulieren wie ein Zuschauer, der mir „das regelmäßige Studium einer Tageszeitung“ rät, um mir „ein paar Basics anzueignen“. Nun ja, ich lese bereits mehrere Tageszeitungen, das bringt der Beruf so mit sich. Und ich lese auch das eine oder andere Buch. Zum Beispiel aus der Wirtschaftswissenschaft. Und wer bei der österreichischen Schule und F.H. Hayek nachschaut, der wird vielleicht ähnlich argumentieren wie ich. Andere werden widersprechen, etwa all die Neu-Keynsianer wie Oskar Lafontaine. Die werden eher noch mehr Kredite fordern, zur Verfügung gestellt über die Notenbanken. Man kann da trefflich drüber streiten. Was man aber nicht kann, ist einseitig eine Meinung für die richtige halten. Auch wenn sie scheinbar so nahe liegt. Genau das aber hat Attack getan. Nochmal: ich habe nicht gesagt, dass die Häuslebauer schuld sind, was ich gesagt habe war, dass man deren Mitschuld ebenso untersuchen muss wie die der Banken. Dazu stehe ich ohne wenn und aber.

Mit herzlichem Gruß
Ihr Sascha Hingst

Kommentare:

  1. Es kann ja sein, dass Sascha Hingst kreditgläubig ist. Wieviele wird er haben? Er kann sich ruhig schuldig an der Krise fühlen. Wir kleinen Leute sind es aber nicht! Wir haben keine kriminellen Finanz"produkte" aufgelegt. Wir haben niemanden abgezockt. Wir waren nicht im Spielcasino Börse. Wir haben keine Rentenfonds verzockt. Wir haben nicht die Schienen der Leipziger Verkehrsbetriebe an die USA verkauft. Wir sind nicht die Leipziger Wasserwerke, die gezockt haben. Wir haben auch keine Banken im Größenwahnsinn gekauft und die Angestellten rausgeschmissen. Wer hat denn so prima von denen gelebt, die einen kleinen Kredit für ihr Häuschen gezogen haben. Wer hat denn die Kredite der kleinen Leute meistbietend verscherbelt und dadurch Existenzen vernichtet. Ich würde Herrn Hingst auch sehr stark empfehlen, einmal über seinen Tellerrand zu schauen. Was wird er dann sagen, wenn eine neue durch Deutschland ausgelöste Krise ins Haus stehen wird. Ausgelöst wegen der kriminell hohen Exportüberschüsse, die dieses Land auf Kosten aller und des Binnenmarktes generiert. Sind's dann auch die kleinen Leute, die sich nicht im Griff haben? Einen Michael Best noch hofieren. Nee dazu habe dann nun gar keine Worte mehr. Und dann macht er noch den Bock zum Gärtner. Die amerikanischen Häuslebauer trifft überhaupt keine Schuld. Die Banken hatten ja immer gut an ihnen verdient. Wer ist schuldiger, derjenige der Kredite an Menschen vergibt, die die sich gar nicht leisten können? Oder derjenige, der einen Kredit aufgeschwatzt bekommt. Mich kotzen solche Leute nur an, die im warmen Bett des Öffentlich-Rechtlichen sitzen, von unserem Geld bezahlt werden und uns für dumm verkaufen wollen. Und wer sich auf Hayek, einen strammen Antikommunisten, beruft, hat sich in meinen Augen schon disqualifiziert. Was soll ich von einer Wirtschaftstheorie halten, die den Faschismus als die Weiterentwicklung des Sozialismus sieht.

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  2. Hallo, liebe PeWi !

    Das sehe ich ganz genauso.
    Ich will ja wirklich nicht kleinlich oder pedantisch sein, aber zunächst sollte Herr Hingst auch lernen, wie man "Attac" schreibt. Nämlich nur mit C am Ende, also ohne K !

    Viele Sonntagsgrüße aus Hamburg
    von Julie

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