Sonntag, 16. Mai 2010

Studienreise im Mikrouniversum


14 Tage Spanien und wieder zurück in einem Bus mit Mikrouniversum.

Mitfahrer, die als Letztes in Deutschland die Superillu kauften und von den tollen Artikeln darin schwärmten und als Erstes in Deutschland die BILD sich zulegten. 

Mitfahrer, die sich um nichts, absolut nichts,  in Deutschland kümmern, als um ihre Faltencreme, ihr Haus, ihr Garten. Die nichts von der Misere im Gesundheitswesen bisher mitbekommen haben. Die nicht wissen, dass es in den Krankenhäusern zu wenig Pflegepersonal gibt und Ärzte sich totschuften müssen. Denen Apparate wichtiger sind als Krankenschwestern. Mitfahrer, die meinten, dass eigentlich nur Sozialhifeempfänger Taxi fahren und sie sich das nicht mehr leisten könnten. Und das im Brustton der vollsten Überzeugung. Die nur ihren geheiligten Konsum sahen (Dazu ein schöner Artikel bei Ad Sinistram)

Ein Reiseleiter, der sich in allen Schlachten der Welt auskannte. Sich mit den Heerführern eins wusste und uns Lieder der Fremdenlegion vorgespielt hat. Ein Reiseleiter, der die Geschichte umgeschrieben hatte, der die französische Resistance als nur kleinen Haufen bezeichnete und meinte, dass Dreiviertel der Franzosen nicht unglücklich mit Hitler gewesen wären. Waren vielleicht das letzte verbliebene Viertel die ermordeten französischen Juden, die vielen in die Konzentrationslager verschleppten und dort ermordeten Franzosen, die er mit keiner Silbe erwähnte? Mit dieser Unterlassung hat er sie alle ein zweites Mal in deutsche Konzentrationslager gesteckt. 

Ein Reiseleiter, der die jetzige deutsche Sprachregelung des Totalitarismus übernommen hat: Faschismus = Sozialismus. Ein Reiseleiter, der die jetzige deutsche Sprachregelung von den feigen, hinterhältigen Guerillas übernommen hat, im Gegensatz dazu die edle deutsche Wehrmacht stellte. 

Ein Reiseleiter, der zum spanischen Bürgerkrieg nur sagen konnte, dass niemand genau weiß, wer ihn begonnen hat. Der Nichts zu Picassos Guernica sagte, nichts zu den Internationalen Brigaden, nichts zu Anna Seghers toller Erzählung "Die Reise der Agatha Schweikert". Der nichts sagte, als wir durch die Sierra de Guadarrama fuhren. Der uns irgendwann einen Film über den spanischen Bürgerkrieg vorführte im Stile von Guido Knopp und nicht mal der Film es bis zu Ende schaffte, da die Mitfahrer nichts von Krieg und Toten in ihrem Urlaub hören wollten. Der nichts zu sagen wusste über die Rolle der katholischen Kirche unter der gewählten spanischen Republik. Der nur betonte, dass Pastoren und Nonnen von extremistischen Republikaner umgebracht worden sind, aber vergaß, dass in Kirchen und Klostern Waffen für Franco gelagert wurden. Ein Reiseleiter, der nichts zur Jarama-Schlacht sagte, obwohl wir dort in der Nähe vorbeigekommen sind. Für mich war das eine Bankrotterklärung eines Historikers, wie er sich bezeichnete.

Und der Reiseleiter war hochstudiert, Doktor, hatte in der DDR studiert, dort Karriere gemacht, in der Humboldtuni. Was mich freute. Seine Wendemanöver hatte ihm - im Gegensatz zur uns Merkel - nichts genützt. Er wurde nach der Wende aus der Humboldtuni entfernt.

Es ist interessant, solch einen Mikrokosmos zu erleben. Zu erleben, dass es Menschen gibt, die eine Frau von der Leyen lieben, die nichts auf diese kommen lassen. Zu erleben, dass Menschen völlig enpolitisiert worden sind und darauf noch stolz sind. 

Wen wundert es also, dass der deutsche Michel sich alles gefallen lässt?


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich, dass du kommentierst. Nur beachte bitte:

Kommentare, die rassistisch sind, Hetze gegen bestimmte Personengruppen verbreiten und im Gossenjargon angefertigt werden, sind Spam und werden von mir nicht veröffentlicht. Außerdem mache ich bei unsachlichen und nicht zur Sache gehörenden Kommentaren sowie doofem Gelabere von Trollen von meinem Hausrecht gebrauch.