Donnerstag, 3. Juni 2010

Sie leben mitten unter uns - die Sarazzins

Mir ist zufälligerweise heute unser Stadtteilmagazin Grün-As in die Hände gefallen, als ich im Bürgerzentrum einen neuen Reisepass beantragte. Und ich dachte, dass ich etwas falsch gelesen hätte. Ein Schreiberling als Kleinkind getarnt, schreibt darüber, wie gut es den Kindern doch in Deutschland gehe. Anlass der 1. Juni, der Tag des Kindes (zumindest in Ostdeutschland). Und dann kommt der Absatz, der mein Blut in Wallung brachte:
"Armut gibt es auch hier", hat Mama gesagt und das stimmt. Ich habe selbst schon Kinder gesehen, die an der Kaufhalle stehen und mit ansehen müssen, wie ihre Eltern das ganze Geld für Alkohol ausgeben, obwohl doch vielleicht der Kühlschrank aufgefüllt werden müsste."
Und das wird in einer Zeitschrift geschrieben, in einem Stadtteil, wo es sehr viele H4-Empfänger gibt. Sicherlich gibt es auch diesen oder jenen Alkoholiker drunter, aber muss derjenige nun gerade herhalten?

Ich habe folgende Mail an Grün-As geschrieben:
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich weiß nicht, wer unter dem Pseudonym "Fredy Walther" geschrieben hat. Mit Empörung habe ich seine Zeilen zur Kenntnis genommen. Ich hätte NICHT von Grün-As erwartet, dass diese Stadtteilzeitschrift in das neoliberale Tutrohr bläst. Sie schrieben wider besseren Wissens:
ich zitiere:
"Armut gibt es auch hier", hat Mama gesagt und das stimmt. Ich habe selbst schon Kinder gesehen, die an der Kaufhalle stehen und mit ansehen müssen, wie ihre Eltern das ganze Geld für Alkohol ausgeben, obwohl doch vielleicht der Kühlschrank gefüllt werden müsste."
Das ist blanker Sozialrassismus im Stile eines Sarazins. Rund 5 Mio Menschen, die H4 erhalten unterstellen sie somit, dass sie Alkoholiker sind. Was haben Sie für ein Menschenbild?
Die steigenden Armutszahlen gerade von Kindern in Deutschland sind überall einzusehen und werden auch immer kommuniziert.
Ich erinnere daran:
Auf Welt-Online von 3.10.2010: Kinderarmut in Deutschland auf Höchststand. Rund 17 Prozent aller deutschen Kinder leben in Familien, die Hartz-IV-Leistungen erhalten. 
Im vergangenen Jahr hatte die Zahl armer Kinder bei 16 Prozent gelegen.
und weiter die Berichte vorhergehender Jahr:
"Jedes sechste Kind in Deutschland ist von Armut betroffen." Das sagt der Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland von Unicef aus Mai 2008. 
"Jeder Vierte zwischen 16 und 24 Jahre alte Jungendliche lebt in materieller Not oder ist davon bedroht." Das erklärt die Arbeitsgemeinschaft der Kinder- und Jungendhilfe (AGJ) Anfang Juni 2008.
Nach Ihrer Lesart wären das dann alles Kinder von Alkoholikern. Oder? Das sind vielmehr Kinder, deren Bildungschancen nachweislich niedriger sind, als der anderer und nicht etwa, weil deren Eltern Alkoholiker wären, sondern schlicht und ergreifend, weil sie arm sind und keinen Zugang oder nur einen schlechten Zugang zum gesellschaftlichen Leben eines "normalen" Bürgers haben. Die Zahlen hierzu sind auch kommuniziert und Sie können sie sich selbst heraussuchen. 
Und noch eine Zahl dazu: Die Anzahl der Tafeln stieg in Deutschland auf fast 900.
Dazu: 
1994: 4 / 1995: 35 / 1996: 70 / 1997: 90 / 1998: 100 /1999: 210 / 2000: 270 / 2001: 300 / 2002: 310 / 2003: 320 /2004: 400 / 2005: 540 / 2006: 657 / 2007: 749 / 2008: 808 /2009: 861
(Wikipedia)
Diese Zahlen sollen Ihnen das Ausmaß der Armut in Deutschland vor Augen führen. Sicherlich ist das kein Vergleich mit Kindern aus der 3. Welt. Nur sollte man nicht vergessen, dass Deutschland eins der reichsten Länder der Welt ist und eins verspielt: Die Wohlfahrt und die Zukunft seiner Kinder und dabei meine ich aller Kinder. Jedes Kind ist ein Juwel. Jedes Kind hat Fähigkeiten und Fertigkeiten, die durch die Missachtung der Menschenwürde verloren gehen. 
Überlegen Sie sich das mal in Ruhe. Sozialfaschisten gibt es schon genügend in Deutschland. Sie füllen die Stammtische. Grün-As muss sich nicht daran beteiligen!

Kommentare:

  1. Auf die Antwort bin ich gespannt (falls du
    überhaupt eine bekommst).
    Sowas ist doch allerunterster Bildzeitungsstil.
    Bitte halte uns auf dem Laufenden.

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  2. Wenn es nicht so traurig wäre, müssten wir alle lachen.
    Respekt vor Deinem Mut, immer wieder aufzuschreien.
    Liebe Grüsse aus Hessen

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  3. Das ist das einzige was man machen kann und nein, Mut gehört eher nicht dazu, nur Wut.

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  4. Danke PeWi.
    Deutschland braucht viel mehr Menschen wie Dich die ihre Augen nicht verschliessen und ihre Stimme erheben gegen die schreiende Ungerechtigkeit, die Lügen und die Hetze in der Gesellschaft. Mir wird bei jeder neuen Sarrazinade speiübel und ich schäme mich für dieses ach so tolle Land der Dichter und Denker.
    Quo Vadis Germania...

    Solidarische Grüße, Frank

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  5. schön...

    so viele worte. der sommer ist da, da ist es zeit für ein strassen-, dorf- oder hausfest.
    der ideale treff, der uns noch als letzte übrig gebliebene platz, um in der demokratie noch diskutieren zu dürfen (ausser in den eigenen 4-wänden) denn demos werden durch propaganda wird entweder unterbuden oder als negativ durch die medien dargestellt.

    feiert mit leuten die ihr nicht kennt um erfahrungen auszutauschen

    kleiner tipp... gemeinsames ferneseherverbrennen ist "befreiend"

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