Montag, 12. Juli 2010

Auf Wunsch: Gedanken zum WM-Finale


Nur ein Fußballspiel? Gedanken zum Finale

Von Klaus Buschendorf

Ein Fußballfan bin ich nicht gerade, aber schöne Spiele sehe ich mir gern an. Als Kind spielte ich den ganzen Tag auf der Straße Fußball. Das ging damals noch, zum Wechsel der vierziger zu den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – Autos waren selten. Und alles ohne Schiedsrichter.

Nach 15 Minuten freute ich mich, ein solches, schönes Finale erleben zu können. Tore würden fallen, die Spanier würden siegen, die Holländer trotz Niederlage gut aussehen – so meine Erwartung. Es kam nicht so.

Ich hörte im Spiel einen Kommentar. Unser früherer Nationaltorwart Kahn meinte: Das sei nicht brav, wie sich die Niederländer dann verhalten haben, aber im Interesse des Kampfes um den Sieg sei das im Fußball halt ein legitimes Mittel ... Als Kinder hätten wir das früher anders betitelt: Weil ihr nicht spielen könnt, fangt ihr an zu „holzen“! Das hätten wir solchen „holländischen“ Gegnern zugerufen! Und wären sie dabei geblieben, gegen Schienbeine den Kampf zu führen ..., Abbruch des Spieles, vielleicht gar anschließende „Klassenkeile“ hätte sich entwickeln können. Und das alles ohne Schiedsrichter.

Wie aber handelt heute ein Schiedsrichter? Ein Spieler, der einem Gegenspieler mit dem flachen Fuß gegen die Brust springt, wird – ermahnt! Vor den Augen von Millionen Zuschauern – ermahnt! Nun will ich nicht über den Schiedsrichter den Stab brechen. Er handelt seinen Schulungen und Erfahrungen gemäß, setzt den herrschenden Stil im Spiel um. Das Spiel zeigt also eine Verrohung der Sitten an – und das ist mein Anliegen. Denn auch in nachfolgenden Kommentaren lese ich Worte wie „.... kampfstarke Niederländer kämpften mit Energie gegen ihre Niederlage ...“. Und Kahn sagt: „... nicht brav, aber legitim ...“! Aus diesen Kommentaren kann man nur schlussfolgern, dass die Spieler die Grundeinstellung haben, dass alles erlaubt sei, was der Schiedsrichter nicht ahndet oder nicht sieht. Das geht halt manchmal schief, aber selbst dann ist das nicht mehr als Pech. Moralisch den Übeltäter zu verurteilen, weil man das schon aus seiner eigenen Grundeinstellung einfach nicht tut, den Gegner festzuhalten, zu umklammern, Beine zu stellen oder in sie zu treten, an die Brust zu springen ... kommt jemand der Beteiligten auf solchen Gedanken? „... ein legitimes Mittel ...“? Es muss wohl so sein, dass der Sieg vor Genuss am Spiel steht und – möglichst zum Teufel mit den Regeln, Hauptsache: Ich gewinne!

Die Spiele einer Gesellschaft sind ihr Spiegelbild des Umgangs untereinander. Bei den alten Römern mussten die Spieler als Gladiatoren oft ihr Leben lassen – diese Gesellschaft war eben grausam zu ihren einzelnen Menschen. So habe ich es im Geschichtsunterricht während meiner Fußballzeit auf der Straße gelernt – und im Leben erfahren, dass das stimmt. Nun – etwas weniger grausam als die alten Römer untereinander sind wir wohl! Dennoch kann ich mir nicht helfen: Wir waren wohl schon ein wenig weiter im Umgang untereinander. In meiner Kinderzeit (ohne Schiedsrichter) konnte es vorkommen, dass wir um ein Tor stritten – und plötzlich sagte der Torschütze: „War nicht drin, ich habe geschummelt ...“ und ein Anderer raunte an seinem Ohr: „... hätt’ste doch nicht sagen brauchen ...“ – „Ehrlich gewinnen, ist aber schöner ...“, wäre wohl die Antwort gewesen. Von all den Spielern auf dem Platz des Endspieles kann ich mir diese Szene nicht vorstellen. Doch – woher soll solche Grundeinstellung kommen?

In unserer Gesellschaft wird der Sieger angehimmelt. Fragt jemand, wie er Sieger wurde? Das ist so bei den Unternehmen, in der Belegschaft beim „Karrierestreben“, in der Politik, auch schon bis weit hinunter in die Privatsphäre. Sieger bekommen Geld, Geld ist Maßstab geworden für Erfolg und – Geld stinkt nicht. Besser gesagt: Geld stinkt – nicht mehr, denn die Mittel der Ellenbogen des Betruges sind doch solange „legitim“, bis sie jemand bemerkt! Ist so nicht unsere tägliche Praxis, zumindest – ganz oben? Und strahlt das nicht täglich immer weiter aus, weiter – nach unten? Und ein Westerwelle und andere „Leistungsträger“ beschimpfen anschließend die Verlierer der Gesellschaft wegen ihrer schlechten Moral?

Verlierer verdienen genauso Achtung wie Gewinner. Sie gehören zum Spiel – sonst gibt es dabei keinen Genuss, keine Freude – überhaupt kein Spiel. Nicht nur im Spiel brauchen auch Verlierer Achtung. Und es muss Regeln geben, die der Spieler einhält – in seinem Kopf! Nicht nur aus Angst vor Strafe, vor dem Schiedsrichter. Denn: Wenn das nur lange genug so gelehrt und praktiziert wird, kommt irgendwo die Forderung auf: Schaffen wir doch endlich den Schiedsrichter ab, der hemmt doch nur den Spielfluss mit seinen vielen Pfiffen!

Warum muss ich jetzt an die Forderung der „freien Marktwirtschaftler“ denken: Weg mit dem Staat – der freie Markt braucht keine Regeln!

Übrigens: Ich habe mich gefreut, dass die Spanier noch zu einem Tor gekommen sind. Doch auf ausgleichende Gerechtigkeit im Selbstlauf sollte man nie rechnen!      

Kommentare:

  1. Ja, Fußballspiel ist eben so. Mir ist es im Grunde genommen völlig egal, weil ich kein Fußballfreund bin. Meinethalben könnten die sich die Beine kaputt pochen. Fußball insbesondere, wie jeder andere Sport auch, ist Geschäft. Es geht nicht ums Spiel. Es geht um Darstellung, Erhöhung des Marktwertes, der Handel will Profit machen, die FIFA auch, die Sportindustrie sowieso. Ja, es geht ruppig zu, schließlich geht es um Millionen. War da noch Sport? Man kann das bedauern oder es kann einen egal sein. Die Zeit, wo Fußball oder auch anderer Sport nur des Sportes und der Ehre betrieben wurde, sind sehr, sehr, sehr lange vorbei. Mir sind diese Zeiten noch nie unter gekommen und das sage ich als ehemalige Leistungssportlerin. In Hochleistungssport gibt es keine Freundschaften.

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  2. Ach, ich vergaß noch. Auch in der DDR war Sport nicht immer fair dem Anderen gegenüber. Sieg ist alles. Es winkten zwar keine Millionen, wie heute, sondern ein Trabi, ein Kühlschrank, Auslandsreisen. Viel anders war das nicht, nur sehr viel bescheidener. Auch im alten Griechenland waren die Gewinner in den olympischen Disziplinen nicht immer fair. Sie wollten unter allen Umständen gewinne, weil es ihnen große Vorteile brachte.

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