Donnerstag, 2. September 2010

20 Jahre Wiedervereinigung?

20 Jahre - das schon. Aber Wiedervereinigung? Das eher nicht. Das uns Wesensfremde kam über uns wie ein Tornado und hat alles das weggefegt - unwiderbringlich - was ich damals nicht so sehr geschätzt habe und heute vermisse. 

Ich leiste der DDR-Kartoffel Abbitte. Was habe ich über deren schwarzen Flecke geflucht, über all das was ich immer wegschneiden musste. 

Was habe ich heute? Eine geschmacklose Industriekartoffel, die hohen Ertrag bringt, weiter nichts. Die vielleicht gut für Pommes ist, für anderes nicht. Eine gelbe, mehligkochende, schmackhafte Kartoffel? Wo gibt es die noch. Und - die schwarzen Flecke sind immer noch dran. Und das Schönste: Die winzigen Futterkartoffeln werden als Gourmetkartoffeln angeboten.

Ich leiste dem DDR-Apfel Abbitte, allen Sorten außer dem Gelben Köstlichen! Es gab ihn nicht so oft. Es gab ihn im Prinzip nur während seiner saisonalen Zeit. Er hatte auch Flecken und manches Mal eine Made. Es gab verschiedene Sorten, die auch unterschiedlich schmeckten.

Was habe ich heute? Einen geschmacklosen Industrieapfel. Er sieht rund, groß und gut aus. Er glänzt, hat keine Flecke, keine Maden. Manches Mal gibt es auch noch Kornäpfel aus Frankreich, die nicht wie Kornäpfel schmecken und manches Mal gibt es noch die Goldparmäne, die nie und nimmer wie eine schmeckt. Sie sind wässrig und fad. Es gibt auch verschiedene Sorten - Standardsorten, die irgenwie alle gleich schmecken. Gottseidank gibt es auf unserem Bauernmarkt Anbieter, die die alten DDR-Sorten noch im Angebot haben, fleckig und hin- und wieder mit einer Made.

Ich leiste der DDR-Tomate Abbitte. Es gab sie nur zur Tomatenzeit. Sonst nicht. Dann hatte man sie uns hinterhergeschmissen. Aber sie schmeckte nach Sonne und nach noch viel mehr.

Was habe ich heute? Täglich Tomaten im Geschäft. Täglich rote Dinger, die nur so tun, als ob sie Tomaten wären, aber nur den Namen und das Aussehen vortäuschen, egal zu welchen man greift. Bio schmeckt auch nicht besser. 

Ich esse kaum noch Äpfel, seltener Obst. Das unreif geerntete? Es konnte nie Geschmack entwickeln. Wieso boykottieren die Menschen das Zeugs nicht? Wissen sie nicht mehr, wie gutes Obst schmecken muss?

...

Ich vermisse meine Sprache. Man redet in süddeutschen Begriffen seit 20 Jahren bei uns. Die Verkäuferinnen wissen nicht, dass es in Leipzig nie Zwetschgenkuchen gab. Hier hieß er immer bodenständig: Pflaumenkuchen und war immer mit Streußeln. Die Zwetschge war hier immer die Hauspflaume.

Welche Verkäuferin kennt heutzutage noch einen sächsischen Bienenstich? Den gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch den Wessi-Bienenstich, der überhaupt nichts mit einem sächsischen gemein hat. Einzig die Eierschecke hat überlebt.

Rinderhack ist Geschabtes, Schweinehack ist Gehacktes. Welche Verkäuferin weiß das heute noch? Nicht mal die Älteren wollen sich daran erinnern. Bei uns heißen Brötchen weder Semmeln noch Schrippen, es sind Brötchen! Nichts anderes. 

Wieso hat man das geändert?

Wieso schämt man sich bodenständig zu bleiben? Nur, weil es eine neue Zeit ist? Muss ich mich dieser auch sprachlich anpassen?




Kommentare:

  1. Oh.
    Die Schreibweise von Thilo stimmt aber gar nicht so richtig. Der mag es lieber mit zwei "R".
    Wie Rassismus.
    Und überhaupt: Schrippen bleiben Schrippen; auch hier in Hessen.
    Wer hier wen wieder vereinigt hat, bleibt doch die Frage.
    Die Frankfurter Rindswurst mit den Ossi-Tomaten?
    Jedenfalls lasse ich mir meine Linsensuppe nicht nehmen, selbst dann nicht, wenn sich die Welt in den Armen liegt.
    Meine Linsensuppe gehört mir!
    Das ist mein Recht.
    grinst

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  2. Das mag ja bei euch in Hessen so sein. In Sachsen ist's halt anders. Ich gönne jedem seine Linsensuppe. Und Wessis wissen gar nicht wie richtige Tomaten schmecken ;) Leider. Übrigens, Linsensuppe isst man im Badischen und Würrtembergischen ganz dick und mit Spätzle. Igittigitt. Nein, ich lasse mir auch meine Linsensuppe à la ICH nicht nehmen. *kicher*

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