Donnerstag, 2. September 2010

Wo stehen wir?

Das Hamburger Abendblatt kommt in meinen Augen zu absonderlichen Aussagen bezüglich Sarazzin (jetzt hab ich den Kerl mal richtig geschrieben).

Viele Menschen in unserem Land teilen still die Übereinkunft, dass man, anders als beispielsweise Amerikaner, Franzosen oder Dänen, positive Heimatgefühle zu verleugnen hat. Weil Hitler "Doitschland" schrie und 60 Millionen Menschen dafür sterben mussten, tun wir heute bei jeder Auslandsreise so, als kämen wir aus Schweden, Irland oder Holland.

Also ich habe noch nie negative Erfahrungen als Deutsche im Ausland gemacht. Es kommt natürlich darauf an, wie man den Menschen in anderen Ländern gegenübertritt. Wenn man als Großmann ihnen deutsche Segnungen aufdrängen will, muss man sich nicht wundern, wenn man unbeliebt wird. Oder wenn man meint, nur in Deutschland wird alles richtig gemacht, dann ebenso wenig. Wieso sollte ich verleugnen, dass ich Deutsche bin? Ich bin kein Duckmäuser, wie wahrscheinlich die Redakteure des Hamburger Abendblattes.

Wäre es nicht wünschenswert, Gesetze, wie wir sie über Menschenrechte und Staatsgewalt kennen, würden auch in Syrien, Iran oder Somalia gelten?

Sicherlich, aber muss deshalb unsere Regierung die Menschenrechte von bestimmten Schichten und Personengruppen verletzten, nur weil anderswo die universellen Menschenrechte nicht so anerkannt werden, wie wir das jeden Menschen wünschen würden? Müssen wir uns deshalb auf andere berufen? Schauen wir nicht auf andere, machen wir es selbst besser.

Und dass unsere Kultur eine Leitkultur sein könnte, das weisen wir laut entrüstet weit von uns. Wieso eigentlich?
Wieso sollte überhaupt irgendeine Kultur "Leitkultur" sein? Jede Kultur hat etwas Fantastisches einzubringen. Vieles wäre in unserer westlichen Welt OHNE den Orient nicht denkbar. Wir sollten uns alle, auch die Menschen des Orients, daran erinnern und stolz darauf sein. 

Und wenn ich an Kultur im engeren Sinne nachdenke. Auf Comedy bin ich wirklich nicht stolz. Auf Telenovelas und Dokusoaps auch nicht. Und das wird uns ja jetzt als Kultur vermittelt. Das brauchen wir nicht. Auf der anderen Seite geht Kultur an uns vorüber, weil Theaterstücke, egal ob Schauspiel oder Oper, in die neue Zeit adaptiert wird und dadurch aus einem logischen Zusammenhang herausgerissen werden. Das zeigt uns wiederum, dass diese Art Kultur und deren Kulturschaffende uns nicht zutrauen, selbst Schlüsse und Parallelen zu ziehen für unsere heutige Zeit. 

Kultur und die Deutschen. Schafft unsere Regierung - egal auf welcher Ebene - sie nicht gerade ab, indem sie mit ihrer Schuldenbremse der Kultur die Gelder entzieht? Besudelt nicht unsere Regierung - egal auf welcher Ebene - nicht gerade unsere Kultur, weil sie sie dem Profitgedanken unterzieht? Kultur ist kein Auto!
Thilo Sarrazin hat ein Buch zum Thema Deutschland und seine (muslimischen) Einwanderer veröffentlicht, hat Statistiken interpretiert und Thesen entwickelt, die diskutiert werden sollten und müssten. Und hat damit einen heftigen öffentlichen Diskurs ausgelöst. Empörung, so haben wir gerade erneut gelernt, tritt immer dann ein, wenn Tabus gebrochen werden. Wenn Themen angesprochen werden, die besser ein untergründiges Dasein führen sollten oder über die man nur in genau festgelegten Worten reden darf. Wenn Fakten auf den Tisch kommen, die zwar lange bekannt sind, die Gutmenschen oder Erregungsdemokraten - wie sie gestern die "Süddeutsche Zeitung" nannte - jedenfalls Menschen, die von der Warte moralischer Überlegenheit aus die Welt beurteilen, sofort als Stammtisch einordnen und die deshalb nicht ausgesprochen werden dürfen. Es sei denn, man wolle in die rechte Ecke gestellt werden. Was für ein Totschlagargument! Zudem, wenn Stephan Kramer, der dem Zentralrat der Juden in Deutschland angehört, sekundiert und dem Urheber und Provokateur Sarrazin rät, er möge "in die NPD" eintreten. Schlimmer geht's nicht.

Das Hamburger Abendblatt unterschlägt wohlweislich, dass Sudel-Sarrazin oft mit falschen Zahlen herumjongoliert. Das Hamburger Abendblatt unterschlägt wohlweislich, dass Sarrazin genau das vorschlägt, was der "Lebensborn" im 3. Reich war. Und ja, Sarazzin schlägt faschistische Töne an.

Ich würde dem Schreiberling mal empfehlen, in Dokumenten des 3. Reiches herumzustöbern, in den Asozialen Gesetzen, in den Rassegesetzen. Es ist schon schlimm genug, dass Deutschland in einigen Gesetzen sich diese zum Vorbild genommen hat. Aber das scheint einem Sarzzin noch nicht genug zu sein. 
Das Hamburger Abendblatt spricht immer von Menschenrechten. Wie wär's, wenn diese auf alle angewendet werden, auf alle in Deutschland lebenden Menschen. Es gibt keine geteilten Menschenrechte.

Sicherlich, es gibt Probleme, auch mit Einwanderern, die man aber nicht dadurch löst, dass man ganze Schichten und Bevölkerungsgruppen beleidigt und das auch noch mutig nennt.

Und ja, ich fühle mich durch Sarazzin beleidigt und genau an dieser Stelle, schäme ich mich, dass er ein deutscher Landsmann ist. Ich schäme mich weiterhin dafür, dass deutsche Journalisten so schlecht ausgebildet sind und so doof sind, Zusammenhänge zu erkennen und zu hinterfragen. Ich schäme mich für deutsche Journalisten, dass sie keine mehr sind, sondern nur Lohnschreiberlinge, ohne ein eigenes Hirn.

Ach, was ist mir neulich passiert: Im Einkaufscenter sagte mein Mann etwas lauter, als eine aufgetakelte Toussi aus einem Geschäft mit Einkaufstüten herauskam und sofort an ihrem Handy herumfingerte: Hirn ausschalten, Handy einschalten. Daraufhin die Frau: Ich habe kein Hirn! (Das ist wahr)

Ist das nicht bezeichnend für unsere Gegenwart?


Kommentare:

  1. Die Frau sagte wirklich "Ich habe kein Hirn?

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  2. Ja, und das kam wie aus der Pistole geschossen heraus. Ich sag mal: Aus tiefstem Herzen. Wir haben uns vor Lachen nicht mehr eingekriegt.

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  3. Pewi schau mal auf einige Internetseiten, die allgemein den Ruf als "Wahrheitsseiten" genießen. Zur Zeit kann man dort feststellen, dass auch hier der Name Sarazzin dafür benutzt wird, dass "Wahrheiten" (in diesem Fall soll Sarazzin tatsächlich für die Wahrheit stehen) in unseren Massenmedien keine Chance bekommen und unterdrückt werden.

    Und das vor dem Hintergrund, dass unsere Medien einen regelrechten Hype um Sarazzins Thesen machen. Klar verurteilen sie vordergründig Sarrazins Rhetorik, allerdings soll dennoch ein inhaltlicher Rest seiner Thesen in den Köpfen der Menschen hängen bleiben.

    Gruss - Flory

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  4. Danke Flory, aber da fechte ich schon in meiner weit entfernteren Familie Sträuße aus. Die nehmen das auch für Wahrheit, was dieser Sudel-Kerl sagt. Hatte ja schon darüber geschrieben. Mir macht das Angst. Quo vadis?

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