Dienstag, 21. September 2010

Ich will mich anders erinnern 1

In Gedenken an meinen Onkel, den ersten Bürgermeister von Wurzen nach dem Krieg

Wir haben viel zu wenig miteinander geredet. Wie sollten wir auch. Ich war ein Kind, er mein Onkel, schweigsam, älter als mein Vater. Als ich erwachsen wurde, sahen wir uns sehr wenig. Meine Tante, die die Familie zusammenhielt war verstorben. Irgendwann, als ich dann schon Wirtschaftsflüchtling in RP war, starb er. Sicherlich genauso schweigsam, wie sein Leben war.

Heute frage ich mich, was würde er jetzt denken, wenn er die penetranten Jubelfeiern zu 20 Jahre Wiedervereinigung hören würde.

Er war Kommunist. Kein Salonkommunist - nein, er stand für seine Überzeugung ein. Während des Faschismus' machte er am eigenem Leib mit dem Terror Bekanntschaft, im Zuchthaus Brandenburg, im KZ Börgermoor.

Diese Terrorzeit wird jetzt so gern gleich gesetzt mit dem, was die Stasi, was die DDR gemacht haben soll. Was würde mein Onkel dazu sagen?

Zu jener Zeit des Faschismus war es sogar für die Familie seines kleinen Bruders (meines Vaters) gefährlich, der Familie seines kommunistischen großen Bruders beizustehn, so wie er es machte, mit Lebensmitteln, mit Zuspruch. Lebensmittel waren am wichtigsten. Frau und Kind seines großen Bruders sollten möglichst ausgehungert werden. Sie waren die kommunistische Brut in der Lesart der damaligen Herrschaften.

Was hatte nun die DDR damit gemein?

Mein Onkel überstand Brandenburg, überstand das KZ. Ich weiß nicht, was er dort erlebte. Er schwieg, in sich gekehrt. Man sprach nicht darüber. Warum? Ich wollte es doch so gern wissen, was er erdulden musste. Man sprach nicht darüber. 

Nach dem Krieg wurde er von der Sowjetarmee, die die Kleinstadt befreite, in der er wohnte, zum Bürgermeister gemacht. Er, der aus ärmlichen Landarbeiterverhältnissen kam, kein Abitur machen konnte, nicht studieren konnte. Er wurde Bürgermeister einer Kleinstadt. Ich habe ihn reden gehört vor den Menschen seines Ortes. Er brannte für die Ideen des Sozialismus. Er setzte sich für die kleinen Leute ein, war sehr beliebt. Wenn er zu den Menschen seiner Stadt sprach, war er nicht mehr schweigsam, ging er aus sich heraus und riss die Menschen mit. 

Was war daran schlecht? Wieso wollen die Menschen davon nichts mehr wissen?

Seine Geburtstage waren immer ein Erlebnis. Sowjetische Offiziere saßen mit an unseren Tischen, man lachte, man scherzte. Sie waren uns Kindern sehr zugetan. Dann lachte und scherzte mein Onkel auch, bevor er wieder in seiner Schweigsamkeit versank. 

Später dann nahmen studierte Leute seinen Platz ein und er wurde noch schweigsamer. 

Es ist wenig, was ich über meinen Onkel weiß, den ich immer vergötterte. Ja, er war irgendwie mein Idol. Ich war glücklich, wenn er lächelte. Ich hätte so gern noch mehr über ihn erfahren. 

Wir kamen uns näher, als ich dann später Staatswissenschaften studierte, Abgeordnete war. Aber über seine Zeit in Brandenburg und Börgermoor schwieg er. Ich weiß nicht, ob er auch das Lied der Moorsoldaten sang. Oder war das nur bittere Folklore?

Und heute? Seine Kleinstadt ist Hochburg der Neonazis. Ich bin froh, dass er das nicht mehr erleben muss.



1 Kommentar:

  1. Ja.
    Die Alten in Deutschland haben geschwiegen. Das war ein Tabuthema, oder sie waren so traumatisiert, dass sie darüber nicht reden konnten.
    Dabei hätten sie mit ihren Kindern dieses wichtige Thema erörtern können/sollen.
    Schade, denn es blieben viele offene Fragen.
    Als mein Vater starb, war ich 14 Jahre alt.
    Ich hätte ihn mit zunehmenden Alter gerne gefragt, ob er ein Nazi war, und wenn, warum.
    Ein Teil meiner Eltern blieb und bleibt mir verborgen, da ich einen Stück ihres Lebens nicht begreifen und nachvollziehen kann.
    Diese zwingende Auseinandersetzung kann mir auch keine geschichtliche Überlieferung ersetzen.
    Jedenfalls, was meine Generation betrifft.

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