Mittwoch, 22. September 2010

Ich will mich anders erinnern 2

20 Jahre Wiedervereinigung. Medien und Politiker diffamiern alles, was mit der DDR zusammenhing, als ob DDR nur Stasi war. Die Menschen auf der Straße wollen sich nicht mehr erinnern. Sie verdrängen, was sie gemocht haben, was sie genutzt haben, ohne groß darüber nachzudenken. Sie haben diese Errungenschaften nicht mehr und viele vermissen sie auch nicht, da man ihnen das Maul mit Bananen gestopft hat.

Erinnern wir an den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) und sein Wirken in den Betrieben. Er war das, was wir aus ihm gemacht haben und das was wir zugelassen haben.

In den Betrieben gab es damals einen Betriebskollektivvertrag. Federführend war die Gewerkschaft. Alle Arbeiter und Angestellten im Betrieb konnten Vorschläge unterbreiten, was sie von ihren Betrieb erwarteten. Da ging es um Arbeitssicherheit, Soziales, Kulturelles und vieles mehr. Jeder Betriebskollektivvertrag konnte nur so gut oder so schlecht sein, wie die Vorschläge der Arbeiter und Angestellten. Wenn sie sich nicht interessierten, hatten sie Pech. Viele interessierten sich nicht für den Betriebskollektivvertrag mit dem fadenscheinigen Argument, dass sie eh nichts ändern könnten. Änderungen waren schwer zu bewerkstelligen, aber es war möglich, nur man musste auch wollen. 

Im Betriebskollektivvertrag stand drinnen, welche Tätigkeit, welche Gehalts-/Lohngruppe beinhaltet. Wenn der Betrieb gut war, standen auch die Stellenbeschreibungen im Betriebskollektivvertrag. Es ging darin um die Urlaubsheime oder ob Partner gesucht werden sollten, deren Urlaubsheime man mit nutzen könnte. Es ging um Betriebsärzte, was dabei verbessert werden konnte. Vielfach gab es in großen Betrieben Betriebsfestspiele oder Lehrlinge hatten sich zu Singegruppen oder anderen Kulturgruppen zusammengefunden. Es gab Theatergruppen, Tanzgruppen in Betrieben, die Gelder zugewiesen bekamen. Weiterbildungsmaßnahmen wurden geregelt, das was Fern- und Abendstudenten erhielten, wenn sie durch den Betrieb zum Studium delegiert wurden. Das alles regelte der Betriebskollektivvertrag. Die betrieblichen Gewerkschaftsgruppen saßen dann zusammen und unterbreiteten ihre Vorschläge ihren Abteilungsgewerkschafts"boss". Es kam auf jeden einzelnen an, wie der Betriebskollektivvertrag aussah, ob er lebte oder nur ein Pamphlet der Betriebsleitung war ohne Rückkoppelung der Arbeiter und Angestellten. Wenn der Betriebskollektivvertrag unterschrieben war, konnte man sich auf ihn berufen und einfordern.

Die Gewerkschaften führten in großen Betrieben auch Bibliotheken. Die Arbeiter/Angestellte konnten in ihrer Bibliothek kostenlos Bücher ausleihen, wovon auch rege Gebrauch gemacht wurde. Nach der Wende und der Wiedervereinigung wurden die Bücher der Gewerkschaftsbibliotheken auf den Müll geschmissen. Nicht alle konnten gerettet werden. Die geretteten werden meist verramscht. Wir wollen heutzutage keinen Kant mehr lesen, Rosamunde Pilcher ist uns lieber, da müssen wir nicht mehr den Kopf einschalten.

Gewerkschaften waren auch für die Verteilung der Urlaubsplätze des gewerkschaftlichen Feriendienstes verantwortlich. Für wenig Geld konnten Arbeiter/Angestellte sich in Ferienheimen des FDGB oder in Zimmern des FDGB-Feriendienstes bei Privatleuten erholen. Sicherlich waren nicht alle Unterkünfte Luxusunterkünfte. Von dem bisschen Geld konnte das auch niemand erwarten. Es gibt die Legende, dass man nur mit dem Gewerkschaftsdienst verreisen konnte. Die ist falsch. Wir sind vor allem privat verreist, in Ferienzimmer und in Hotels. Zurück zu den gewerkschaftlichen Urlaubsplätzen. Am Anfang des Jahres lagen Listen mit den Urlaubsplätzen aus, die wirklich nicht wie Sand am Meer gesät waren. Man bewarb sich um Urlaubsplätze, die dann in der Beratung der Betriebsgewerkschaftsleitung vergeben wurden. Ich war einmal dabei und da ging es sehr fair zu. Ich weiß nicht, ob das immer und überall so war. Menschen sind oft nicht fair zueinander und es gehörte auch ein gewisses Verantwortungsbewusstsein dazu, wenn man eine nicht ausreichende Anzahl von Ferienplätzen nach objektiven Gesichtspunkten verteilen will. Sicherlich eigneten sich nicht alle Entscheider dazu. Einige Betriebe hatten auch selbst Ferienheime oder waren an Ferienheimen anderer Betriebe angeschlossen. Auch die Verteilung dieser Ferienplätze übernahm die Gewerkschaft. Dazu muss man vielleicht noch sagen, dass die Gewerkschaft die Ferienplätze nicht allein verteilte. Jeder Betrieb besaß dafür eine Kommission unter Führung der Gewerkschaft. Die Arbeiter/Angestellten in den Kommissionen wurden während der betrieblichen Gewerkschaftswahlen in die Kommission gewählt.

Apropos Kommission. Bei den Gewerkschaftswahlen wurden auch Arbeiter/Angestellte für die betrieblichen Konfliktkommissionen gewählt. Das waren kleine Gerichte, die Bagatell-Delikte verhandelten, z.B. Diebstähle innterhalb des Betriebes. Jedes Mitglied der Konfliktkommission wurde sorgfältig auf diese Tätigkeit vorbereitet. Ich gehörte selbst einmal zu zwei Konfliktkommissionen. Wir hatten regelmäßig Weiterbildung. In einem anderen Betrieb wurde in ich die Konfliktkommission gewählt, weil ich Staat und Recht studiert hatte. Wir ermittelten die Ursachen und die entsprechenden Werktätigen mussten sich vor uns verantworten, wie vor einem großen Gericht. Vielfach ging es auch um Streitpunkte innerhalb der Arbeitsverträge oder Streitigkeiten innerhalb der Arbeitskollektive oder mit dem Vorgesetzten.

Die Gewerkschaft war auch Mandatsträger für Abgeordnete und konnte Gesetze in die Volkskammer einbringen. Meist ging dabei um Urlaubsanspruch, Arbeitszeiten und ähnliches, was eben die Betriebe anging.


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