Mittwoch, 29. September 2010

Ich will mich anders erinnern 4

Es wird gejubelt. Der Sportbünde haben sich wiedervereint. Sport! Man berauscht sich an irgendwelchen Zahlen, wie positiv doch alles jetzt in Deutschland wäre. Man vergisst, nein man verleugnet, wie es jetzt im Osten von Deutschland wirklich aussieht.

Wie sah es vorher aus? Wie wurde Sport getrieben - in der verfemten DDR?

Jeder große Betrieb hatte in der Regel einen Betriebssportgemeinschaft. Für'n Appel und nen Ei, konnte man Mitglied werden. Als Kind habe ich 20 Pfennig monatlich gezahlt. In den Schulen gab es Schulsportgemeinschaften. Dazu kamen in Leipzig noch zwei Sportklubs für Leistungssportler: der SC Leipzig und der SC DHfK und die Kinder- und Jugendsportschule.

In der Schule gab es jede Woche Sportunterricht. Zum Kindertag, am 1. Juni, wurden Schulsportfeste angesetzt. Die besten dieses Schulsportfestes maßen sich in Stadtbezirksmeisterschaften.

In den 1960er Jahren wurde in der DDR die Kinder- und Jugendspartakiadebewegung ins Leben gerufen. Das waren große Sichtungswettkämpfe. Dort wurden die Kinder und Jugendlichen ausgesucht, die dann in die Leistungszentren der Sportklubs überwechselten oder in die Kinder- und Jugendsportschulen kamen.

Fortan gab es die Kinder- und Jugendspartakiade. Da ich Leichtathletin war, kann ich das nur aus dieser Sicht beschreiben. Aus den Stadtbezirksmeisterschaften wurde die Kinder- und Jugendspartakiade der Stadtbezirke. Die Besten kamen zur KuJ-Spartakiade der Stadt und des Bezirkes. Bei den Stadtmeisterschaften gab es immer eine Trennung der Leichtathleten der Betriebssportgemeinschaften und Schulsportgemeinschaften und der Leistungssportler. Dadurch konnten auch diejenigen in den Betriebssportgemeinschaften trainierenden auf dem Siegerpodest stehen und Anerkennung für ihre Leistungen bekommen.

Bleiben wir erst einmal beim Breitensport. Jedes Jahr gab es in Leipzig den LVZ-Großstaffellauf (LVZ = Leipziger Volkszeitung). Am Anfang wurde eine Staffel vom Leipziger Völkerschlachtdenkmal zum Zentralstadion gebildet. Es war festgelegt, wo wer wann an einer bestimmten Stelle in der Stadt zu stehen hatte. Dabei konnte es schon vorkommen, dass Staffeln nicht im Zentralstadion ankamen, weil Staffelteilnehmer einfach nicht da waren. Später wurde dann der Großstaffellauf in das Zentralstadion verlegt. Ich glaube wir waren 20 Staffelteilnehmer, wenn ich mich recht daran erinnere. 20 x 100 m. Gegliedert wurde nach Altersgruppen. Teilnehmer waren Schüler aus der Zehnklassigen Polytechnischen Oberschule, aus den Erweiterten Oberschulen (Abiturienten) und Berufsschulen. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich meine Berufsschule als Schlussläuferin gegen die Erweiterte Helmholtz-Oberschule zum Sieg führte. Die Schlussläuferin war eine Trainingskameradin von mir.

Dann wurde der Meilenlauf eingeführt. Meilenläufe gab es, wie es heute Marathonläufe gibt. Nur sind eben Meilenläufe gesünder und es gibt keine Todesfälle dabei. Bei der Einführung der Meilenläufe stand auch der gesundheitliche Aspekt im Vordergrund. Den gab es nun auch im Schulunterricht und in der Freizeit für Teilnehmer von 0 - 100  ;).

Es war in der der DDR völlig egal, wieviel Geld jemand verdiente. Alle konnten in Sportvereinen Sport treiben. Wie schäbig kommt doch heute der Sport im ach so reichen Deutschland daher. Es muss sogar darüber nachgedacht werden, wie man Kindern armer Eltern Sport ermöglichen könne. Das nenne ich Fortschritt à la Kapitalismus. 

Die andere Säule war der Leistungssport. Ich bin bei einem in der LVZ annoncierten Sichtungswettkampf des SC DHfK zu diesem Sportklub als Sprinterin gekommen. Hier erfuhr ich eine umfassende Förderung. Als meine Leistungen es zuließen, bekam ich in der Lehre eine Nachwuchsförderung. Ich arbeitete nur noch die Hälfte der Zeit in meinem Betrieb, die andere Hälfte trainierte ich - ohne Gehaltseinbußen. Im Förderungsvertrag war auch festgelegt, wie oft und wielange ich in die Trainingslager fahren konnte. Hier lernte ich Kienbaum kennen, was zufälligerweise nicht abgeschafft wurde. Ja, der DDR-Leistungssport war hart und man musste sehr diszipliniert sein. Widerspruch zum festgesetzten Training gab es nicht. Im Gegenzug wurde sich um die berufliche Entwicklung gekümmert, sei es um das Studium oder die Berufsausbildung. Die Trainingsgrundlagen wurden im Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport gelegt, dass zur Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport gehörte. Das Institut wurde nach der Wiedervereinigung abgeschafft, ebenso wie die die Deutsche Hochschule für Körperkultur und Sport. Der Sportklub existiert noch als eine eingetragene Vereinigung. 

Und ja, es gab Doping, wie übrigens auch in der damaligen BRD. Wir als Sportler wussten das alle, ausnahmslos alle. Nicht so, wie es jetzt irgendwelche damaligen Sportler behaupten, dass man ihnen Doping gab, ohne dass sie es wussten. Sie wussten es. Sie konnten auch wählen. Und wer ein Rückgrat hatte, wählte auch. Er sagte "nein" zum Doping und verließ den Spitzensport. Ich kenne Sportler, die wählten das Ende ihrer Laufbahn und denen gehört meine ganze Achtung. 1968 hörte ich mit dem Spitzensport auf und 1 Jahr später gewann eine total gedopte Sprinterin die 100 m bei einer internationalen Meisterschaft und von da an ging es weiter damit im großen Umfang. Nur heutzutage die Gerichte zu bemühen und Anzeige gegen ihre damaligen Trainer zu erstatten, ist heuchlerisch, da die Sportler mitmachten.

Nichts desto trotz, die Erfolge unserer Sportler basierten auf den umfassenden Breitensport. Darauf, dass jeder und auch wirklich jeder seine sportlichen Talente entfalten konnte, wenn er wollte und sei es "nur" in einer Schulsportgemeinschaft oder in einer Betriebssportgemeinschaft. Es gab von kleinauf das Kinderturnen, dann, wenn die Kinder größer wurden, ein Training mit gut ausgebildeten Trainern, die von der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport kamen oder an den Pädagogischen Hochschulen Sport studierten. Auf diesem Boden konnten Talente entdeckt werden. Es ging nicht nach der Brieftasche oder nach der Herkunft. Wie schäbig nimmt sich dagegen der Sportbund heute aus.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich, dass du kommentierst. Nur beachte bitte:

Kommentare, die rassistisch sind, Hetze gegen bestimmte Personengruppen verbreiten und im Gossenjargon angefertigt werden, sind Spam und werden von mir nicht veröffentlicht. Außerdem mache ich bei unsachlichen und nicht zur Sache gehörenden Kommentaren sowie doofem Gelabere von Trollen von meinem Hausrecht gebrauch.