Mittwoch, 15. September 2010

Lügen sind es trotzdem

20 Jahre Wiedervereinigung, besser Anschluss an die damalige BRD. Nun müssen wir Ostdeutschen dazu gebracht werden, endlich uns als Gewinner zu fühlen. 
Zuerst hat man festgestellt, dass die Rentner die Gewinner der Einheit wären:

Rentner sind Gewinner der Einheit Lebensstandard im Osten steigt Das Wirtschafts-forschungsinstut ifo zeichnet ein positives Bild von den Folgen der Wiedervereinigung in Ostdeutschland: Demnach ist das BIP seit 1991 auf das Doppelte angestiegen. Rentner bekommen im Schnitt wesentlich mehr Geld als im Westen. Vollständig erfüllt wurden die Erwartungen aber dennoch nicht. 
Die Mär von den besser als im Westen gestellten ostdeutschen Rentner wird wieder einmal dargestellt. Sie ist und bleibt eine Lüge. Das mag für die Rentner gelten, die schon in der DDR Rentner waren und als Rentner in die BRD eingegliedert wurden. Ich frage mal so einfach in die Runde, wieso ist ein Ostrentner ein Gewinner, wenn er rund 80 % der Westrenten bei gleichen Beschäftigungsjahren erhält? Wo bitteschön ist sein Vorteil? Dieses Märchen fußt immer wieder auf den Neid auf die ostdeutschen Frauen mit einer bis zur Wiedervereinigung geordneten Erwerbsbiographie. Wir als ostdeutsche Frauen können ja nichts dafür, dass westdeutsche Frauen nicht die gleichen Rechte hatten wie wir damals. 

An gleicher Stelle wird folgendes behauptet:

Der Lebensstandard der Ostdeutschen hat sich seit der Wiedervereinigung vor 20 Jahren enorm erhöht. Nach einer von der Zeitschrift "Super Illu" veröffentlichten Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo wurden die anfänglich hohen Erwartungen an den Aufholprozess zwar nicht erfüllt. Gleichwohl sei man den Zielen aber "schon recht nahe gekommen". Das zeige sich insbesondere bei der Entwicklung der Löhne und Renten, in der Wirtschaftsleistung, der medizinischen Versorgung und der Bildung. Die im Jahr 1993 gegründete Dresdener Niederlassung des ifo-Instituts erstellte die Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. 

Was ist Lebensstandard? Ist er erhöht worden, weil wir die 5-Minuten-Terrine kaufen können? Ist er erhöht worden, weil wir nun einen VW, einen Opel oder irgendein anderes Gefährt unser eigen nennen dürfen, oft oder manches Mal gezwungenermaßen, um zur Arbeit zu kommen, zum Einkauf? Sind Autos und T-Shirts der Maßstab eines höheren Lebensstandards? Koche ich nun gut, weil ich mir Edelstahkochtöpfe in die Küche stelle (also ich nicht) und ist das ein höherer Lebensstandard? Ich z.B. habe noch eine alte vererbte Bratpfanne, die nach dem 2. Weltkrieg aus einer Tellermine gefertigt wurde. Sie sieht nicht schön aus, aber der Gulasch wird dort drinnen am allerbesten. Habe ich nun einen höheren Lebensstandard, weil ich mir aller 2 Jahre neue Möbel, wie die Mode sie vorschreibt, in die Wohnung stelle? Soll das mehr Lebensstandard verkörpern? Mehr Konsum? Mehr Tinneff? Ich war in der glücklichen Lage gut verdienen zu können, weil ich Wirtschaftsmigrant im Westen war. Nur, in der DDR hatte ich mitnichten einen schlechteren Lebensstandard.  Ich war damals zufrieden und glücklich und überlege mir heute sehr genau, ob ich irgendein angesagtes Konsumgut wirklich benötige. Ich weiß, dass ich privilegiert bin, weil ich es mir leisten konnte, und kann u.a. Mexiko, Indien, Südkorea oder in naher Zukunft Japan ansehen zu können. In den vielen Ländern der Welt, wo ich war, habe ich gelernt, dass Konsum NICHT den Lebensstandard schlechthin verköpert. Es gibt wichtigere Dinge. Und was sollen die Millionen ostdeutschen Langzeitarbeitslosen sagen? Ist deren Lebensstandard nun auch höher als damals in der DDR? Ich frage die alleinerziehenden Mütter. Ist euer Lebenstandard hochgeschnellt im Laufe der 20 Jahre?

Der Artikel verbreitet noch weitere Lügen:

Der Ost-West-Abstand bei den Bruttolöhnen verringerte sich demnach in den vergangenen rund 20 Jahren deutlich. 1991 hätten die Ost-Gehälter durchschnittlich nur 57 Prozent des West-Niveaus betragen, heute seien es 83 Prozent. Allerdings sei die Westangleichung im öffentlichen und privaten Dienstleistungssektor weiter fortgeschritten als im verarbeitenden Gewerbe. 

Und was ist daran so gut? Ist es nicht so, dass die Westgehälter sich den ostdeutschen Gehältern angleichen? Ist es nicht eher so, dass Minijobs und Niedriglöhne sich wie ein Flächenbrand von Ost nach West ausbreiten? Werden nicht immer noch unterschiedliche Tarifverträge ausgehandelt, schön säuberlich getrennt in Ost und West?

Das Gesundheitswesen muss nun auch in die Märchen einbezogen werden.

Die medizinische Versorgung in Ostdeutschland verbesserte sich der Studie zufolge deutlich. Kamen statistisch gesehen in der Wendezeit 246 Ärzte auf 100.000 Einwohner, so sind es heute 348 Mediziner. Dieser Entwicklung sowie den besseren Umweltbedingungen sei es zu verdanken, dass die Lebenserwartung in den neuen Ländern um rund sechs Jahre stieg, heißt es in der ifo-Studie. 

In der damaligen DDR hatte das Gesundheitswesen mit moderner Technik zu kämpfen, die Krankenhauszimmer waren unmodern und Kuren waren ganz schwer zu erhalten. Nur, ich hatte ein Gesundheitswesen, dass auf mich einging. Es gab genügend Krankenschwestern, die sich im Krankenhaus um die Kranken kümmern konnten. Es gab Ärzte, die nicht nur ihren Gewinn im Auge hatten, denen es nicht darum ging, ihren Tennis- oder Golfbeitrag mittels ihrer Praxis zu generieren. Es gab Ärzte, die einen die Medikamente verschrieben, die man benötigte, die einen sie nicht ablehnten, weil man dummerweise am Ende des Quartals zu ihnen kam. Und wenn man spezielle Medikamente benötigte, bekam man die in den Krankenhäusern. Wo kann ich heute einen Arzt trauen? Berät er mich richtig oder will er mir nur unnütze Sachen, die ich bezahlen soll, andrehen? Wer weiß das heute als Patient noch so genau? Ich kann nicht immer einschätzen, was ich wirklich benötige und was Tinneff ist. In der DDR gab es diese Zweifel nicht. Und es gab auch genügend Ärzte in den Polikliniken, wo nebenan der Röntgenapparat stand und das Labor. Ich habe mir nicht überlegen müssen, ob ich mir einen Zahnersatz leisten kann oder nicht. Ich musste nicht auf eine Brille sparen oder eben dann eine von Aldi nehmen. Was ist nun besser? Nur weil ich am laufenden Band in den Tomographen gesteckt werden kann? Den gab es in der DDR auch, nur man wurde nur reingesteckt, wenn es wirklich erforderlich war. Modern und innovativ heißt nicht gleich gut. Wenn moderne und innovative Medizin nicht für alle da ist, was nützt sie dann? Und wenn ich beim Facharzt abgewiesen werden, weil ich in der gesetzlichen Krankenkasse und nicht in der privaten bin, weiß ich nicht, wo der Fortschritt sein soll.

Bildungspolitik, das ist die größte Lüge, die ich je gelesen habe:

Außerdem haben die Ostdeutschen heute im Durchschnitt auch höhere Bildungsabschlüsse als in der DDR. 21,8 Prozent aller Einwohner über 15 Jahren verfügen der Studie zufolge jetzt über die Hochschul- oder Fachhochschulreife. Damit stieg dieser Anteil in knapp zwei Jahrzehnten um 75 Prozent. Ähnlich stark nahm dem ifo-Gutachten zufolge auch der Anteil der Hochschulabsolventen zu.

Die DDR war ein Bildungsland. Sein Bildungswesen wurde in vielen westlichen Ländern übernommen. Finnland übernahm es 1 : 1 und hat heute die gebildetsten Schüler in Europa. Ich habe schon mehrfach über die Bildungsmöglichkeit und Studienmöglichkeiten in der DDR geschrieben. Sicherlich waren die Abiturklassen kleiner und Studenten wurden nicht wie Sand am Meer ausgebildet. Nur, die, die ausgebildet wurden, für die stand ein Arbeitsplatz zur Verfügung. Das können heute Deutschlands Studienabgänger nicht behaupten. Studienabschlüsse OHNE adäquate Stellen hinterher, ist rausgeschmissenes Geld und ist für die Hochschulabsolventen frustrierend, vor allem dann, wenn sie Laub in den Parks auflesen dürfen oder kellnern müssen, um zu überleben. Zu viele Hochschulabsolventen drücken außerdem die Einkommen derer, die glücklicherweise eine Stelle bekommen haben. In Italien nennt man die Studienabgänger schon die 1000-Euro-Generation. Das soll wohl nun ein Fortschritt sein? Die Zahl der Hochschulabsolventen allein zu benennen ist außerdem nur die halbe Wahrheit. Jeder konnte sich in der DDR von seinem Betrieb, falls er gute Leistungen zeigte, zu einem, nach heutigen Maßstäben, Fachhochschulstudium delegieren lassen. Und sehr viele Facharbeiter machten von dieser Möglichkeit gebrauch. Wo können Facharbeiter heutzutage das auch in Anspruch nehmen und ohne, dass sie dafür viel Geld bezahlen zu müssten? Würde je eine Fachhochschule sie überhaupt aufnehmen? Und würden sie dafür von ihrem Unternehmen unterstützt werden? Das gilt sicherlich nur für sehr, sehr wenige Ausnahmefälle. Und dieses Studium darf nicht mit den "Studien" verwechselt werden, die mit einem IHK-Abschluss ende, obwohl manche dazu Studium sagen. Das ist es mitnichten! Nicht für umsonst hat eine internationale Kommission für Deutschland festgestellt, dass die Durchlässigkeit Facharbeiter zum Studium hier nicht gewährleistet ist. Wo können nun ehemalige DDR-Bürger feststellen, dass es für sie vorwärts gegangen ist? Hier in diesem Land, wo es zunehmend schlimmer mit dem Bildungsprivileg der sogenannten Eliten wird?

Ich meine, dass die Eltern, Omas und Opas in der Pflicht stehen, die Lügenmärchen, die über die DDR verbreitet werden, richtig zu stellen. Sie müssen ihren Kindern oder Enkeln erzählen, wie es wirklich wahr, auch mit den vielen Ecken und Kanten. 

Nur, Ecken und Kanten zu verallgemeinern führt direkt in die Arme des Neoliberalismus. 

Kommentare:

  1. Lebensqualität messen wir halt daran, was wir uns für möglichst viel Geld alles leisten können.
    Mal ehrlich. Die Hälfte eines Supermarktangebotes können wir vergessen. Das braucht kein Mensch.
    Bei dem, was die Menschen so einkaufen, kann ich immer nur den Kopf schütteln.
    Und das habt ihr jetzt alles vor der Haustür.
    Ihr Glücklichen.
    Ich benötige keinen Zwiebelschneider für doofe Männer und auch keine Fruchtzwerge.
    Weniger ist mehr. Aber davon kann der Kapitalismus nicht leben.
    Als die Mauer fiel, habe ich geheult. Was danach kam, hatte mich bestürzt.
    Hier und da höre ich immer wieder Aussagen ehemaliger DDR-ler, dass sie hier im Westen doch so Einiges vermissen (Schule, Ausbildung, Beruf, Kinderbetreuung etc.)
    Wie sah es mit der sozialen Einbettung aus, abgesehen vom Gesamtregime und den Bananen?
    Vieleicht kannst du ja darüber schreiben ...

    (Was deine Bratpfanne betrifft ... pfff...
    Spiegelei in Tellermine gebrutzelt ...
    *grinst*)

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  2. Ja, das werde ich, so im Rahmen 20 Jahre ... Tellermine: Eine bessere Verwendung für Minen gibt es doch wohl nicht *kicher*

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  3. In 20 Jahren bin ich 74 Jahre alt und hau mit der Bratpfanne auf meinem Bildschirm rum.
    Geht es nicht ein bisserl früher?

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  4. :D Dann mach doch einfach, wenn du dich dann besser fühlst. Weiß zwar nicht wie sinnvoll das Ganze ist, aber jeder, wie er es halt mag. :D

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