Montag, 8. November 2010

Schlaglicht Japan

Japan ist fremd. Japan ist geordnet. Jeder Japaner hat in diesem System nach althergebrachten Regeln zu funktionieren. Die Regeln werden unbedingt eingehalten, sonst wird man ausgegrenzt. 

An einem japanischen Gericht ist ein Verfahren angängig, wo ein Dorfbewohner klagt, dass ihm der Termin der Reisverkäufe nicht mitgeteilt worden ist. Warum? Weil er am Grillfest des Dorfes nicht dabei war. Er war aus der Gruppe ausgeschert. Das macht man nicht.

Japanische Arbeitnehmer haben 20 Tage Urlaub. Man nimmt keine 20 Tage Urlaub. Es ist nicht schicklich, die Kollegen mit der Arbeit allein zu lassen. Am Jahresende gibt man dann stolz die nicht verbrauchten Urlaubstage zurück. Der japanische Staat bemüht sich, dass zu ändern, weil er den japanischen Tourismus ankurbeln will.

Japanische Arbeitnehmer haben mit die meisten Überstunden in der Welt. Man geht nicht einfach so nach Hause. Man zeigt seinem Vorgesetzten, wie fleißig man ist. Ein Bauernsohn - damals im Mittelalter - hat es wegen seines Fleißes zum General gebracht, in einer Zeit, wo dies nur dem Adel vorbehalten war. Diesem Bauernsohn eifert man nach. Das ist die japanische Version "Vom Tellerwäscher zum Millionär". 

Japaner sind Sparweltmeister. Sie müssen sparen, wenn sie ihren Kindern eine gute Schulbildung bieten wollen. Mehr als ein Kind kann man deshalb in der Regel nicht durch"füttern". Private Schulen sind sehr teuer und die Lehrmaterialien an den staatlichen Schulen auch. 

Japaner müssen auch sparen, weil sie 1/3 der Arzneikosten selbst tragen müssen. Wir haben notgedrungener Weise Nasenspray kaufen müssen. Die kleine Flasche hat umgerechnet 12 EUR (!) gekostet. Was muss dann eine "richtige" Medizin kosten? Chroniker haben es besonders schwer. 1/3 der Kosten, da kommt bei guten Medikamenten schon ein kleines Vermögen zusammen. Der Zahnarzt muss generell selbst bezahlt werden. Viele Japaner haben ein schlechtes Gebiss. 

40 Prozent der Arbeitsverhältnisse sind Billigjobs. Der Mindestlohn beträgt 4,50 EUR. Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie man bei 4,50 EUR über die Runden kommen will. Es sei denn, man wohnt bei der Familie und die unterstützt einen. So sieht man sehr viele junge Leute im Service-Bereich. An den Tankstellen wird im Laufschritt der Wagen des Kunden betankt die Scheiben werden gewischt. Wenn der Wagen gewaschen werden soll, dann fährt der Angestellte der Tankstelle das Auto in die Waschanlage. Und wie gesagt: alles im Laufschritt. 

60 Prozent der Japaner arbeiten in guten Arbeitsverhältnissen und verdienen dabei auch ganz gut. Der Durchschnittsverdienst dieser 60 Prozent liegt ein ganzes Stück über den unsrigen. Wenn man aber die 40 Prozent dazu zählt, liegt der Durchschnittsverdienst unter unserem. 

Ein japanischer Arbeitnehmer wird mit etwa 50 aufs Abstellgleis gelenkt. Man sagt ihm, dass er ein sehr wertvoller Arbeitnehmer mit wahnsinnig viel Erfahrungen sei. Dann schlägt man ihn eine Stelle in einem Zulieferbetrieb in gehobener Position vor. Man wolle ja nicht auf sein Know-How verzichten. Das heißt, dass der japanische ältere Arbeitnehmer damit auf 20 Prozent seines Lohnes verzichten muss. Die Stelle kann er nicht ablehnen. Nach einer gewissen Zeit beginnt das Spiel von Neuem und der ältere Mensch kommt zu einem noch kleineren Zulieferer und verliert noch einmal 20 Prozent seines Einkommens.

Japaner sind nicht in der Lage flexibel auf irgendeine Situation zu reagieren. Sie können nicht improvisieren. Sie sind in der Gruppe verankert, wo es einen Vorgesetzten gibt, der die Richtung vorgibt. Das heißt nicht, dass japanische Arbeitnehmer nicht bei Projekten mit einbezogen werden. Aber letztendlich müssen sich alle an eine Firmenphilosophie halten. Ein Beispiel dafür. Wir haben in einem Warenhaus einen Kaffee trinken wollen, haben uns selbst bedient. Irgend etwas stand an dem Kaffeeautomaten dran, was wir aber nicht verstanden. Völlig aufgelöst kam eine Servicekraft zu uns, die uns mit Händen und Füßen klar machte, dass wir diesen Kaffee nur trinken dürften, wenn wir auch etwas dazu essen würden. Weil wir das nicht wollten, wurde der Kaffee weggeschüttet. 

Japaner sind nicht höflich, obwohl man ihnen das nachsagt. Sie ehren auch nicht das Alter, obwohl es eigentlich zu ihrer Philosphie gehört. Der Schlüssel ist, dass ein Japaner nur höflich auf Anweisung ist, z.B. in einem Restaurant zum Kunden oder in einem Kaufhaus zum Kunden. Ein Japaner ist auch nur höflich oder ehrt das Alter, wenn es zu seinem Kreis dazu gehört. Wenn es ein Mensch ist, von dem er abhängig ist oder es nicht angezeigt ist, diesen Menschen zu kränken. Das Alter wird nur innerhalb der Familie geehrt oder eben auch wenn man es unbedingt muss, weil der andere einen in Hand hat. Keinem Japaner würde es einfallen, einem alten Menschen in der Straßenbahn den Platz anzubieten. Es ist ein fremder alter Mensch. Kein Japaner grüßt im Hotel im Aufzug. Kein Japaner verschwendet einen Blick, einen Gruß, wenn er sich zu einem an den Tisch setzt. Halt! So richtig an den gleichen Tisch setzt er sich auch nicht. Ein Vierertisch ist oft geteilt, so dass eine Lücke zwischen den Zweierplätzen strikt eingehalten wird. Manche Hotels trennen auch den Frühstücksraum nach Japaner und Ausländer. Blickkontakt auf der Straße ist selten. Natürlich gibt es immer solche und solche, aber üblich ist es so, wie ich es beschrieb.

Essen. Japaner sind Schnellesser. Eine Nudelsuppe wird heruntergeschlungen, so schnell kann man nicht schauen. Japaner sind aber auch Ästheten des Essens. Das Essen sollte schön aussehen. Sie kennen die Geschmacksrichtung "strukturiert". Diese Geschmacksrichtung verdeckt, dass das Essen nach nichts schmeckt. Es gibt Kirschblütentee, der schön aussieht. Das ist warmes Wasser, in dem eine in etwas Salz eingelegte Kirschblüte hineingetan wird, die dann im warmen Wasser aufgeht. Das ist ans Herz gehend, für Japaner, schmeckt aber nach gar nichts. Japaner essen und wenn das Essen fertig ist, springen sie auf und verschwinden wieder. Nichts klingt gemütlich aus. Sie vermissen das auch nicht. Zur Kirschblütenzeit mieten sie eine runde Plastikdecke unter einem Kirschbaum für 2 Stunden. Sie essen und trinken und nach zwei Stunden springen sie auf und die nächsten übernehmen den Platz. Das ist für Europäer etwas befremdlich. Ich persönlich mag das japanische Essen nicht. Es schmeckt immer leicht fischig oder nach nichts. Fleisch und Gemüse werden ungewürzt in ungewürztem Wasser gekocht. Nun - wer's mag. 


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