Sonntag, 20. März 2011

So war es doch nicht

Liebe Menschen aus dem Osten der Republik, die die ihr immer dort gewohnt habt. Fühlt euch auch angesprochen, die, die ihr in den Westen zoget. Warum lügen so viele von euch? Ihr müsst eure Vergangenheit nicht verschweigen, nicht klein reden und ihr müsst euch nicht Liebkind machen, in dem ihr Lügen über die DDR verbreitet.

Wieso ich darauf komme?

Ich nehme zur Zeit gerade an einem künstlerischen Projekt teil. Geleitet wird dies u.a. von einer jungen Italienerin, die seit 5 Jahren in Deutschland ist. In meiner Geschichte geht es am Rande auch um Kaffeetrinken. Mitleidig mit großen Augen schaute mich die Italienerin an: "Ach ja, ihr im Osten habt ja keinen Kaffee gehabt." (In der Geschichte steht kein Wort darüber. Ich habe mich nur lustig darüber gemacht, dass wir Milchkaffees heute nur noch mit pompösen Namen benennen, obwohl sie eben nur Milchkaffee sind.)

Ich nun wiederum mit großen erstaunten Augen: "Wie kommst du darauf."

"Alle aus dem Osten erzählen mir, dass es in der DDR keinen Bohnenkaffee gegeben hätte und sie deshalb sich den aus dem Westen hätten schicken lassen müssen."

Ossis, warum erzählt ihr so'n Quatsch? In jeder Kaufhalle war Kaffee zu haben. Und der heutige Kaffee ist auch nicht so sehr viel besser, höchstens in der Einbildung, weil irgend eine bekannte Marke drauf steht. 

Erstaunt hörte meine Italienerin, dass ich jeden Tag sehr wohl Kaffee getrunken hatte und nicht nur 1 Tasse.

Wieso nehmt ihr Ossis so eine Leidensmiene an? Wollt ihr unbedingt bedauert werden? Habt ihr kein Rückgrat und kein Selbstwertgefühl? Wollt ihr euch bei irgend jemanden einschleimen und sagt das deshalb, weil man das heutzutage so sagt? Täglich einen Schmutzkübel mehr auf die eigene Vergangenheit?

Ein anderes Beispiel aus dem Sachsenspiegel. Der Bürgermeister von Mittweida liest im Knast Karl May vor. Mit Jammermiene: Ich lese das, weil ich das in der DDR nicht lesen konnte, weil Karl May dort nicht verlegt worden ist (sinngemäß).

Und der Sachsenspiegel bringt das ungeprüft und unwidersprochen. Wieder mal ein Schmutzkübel auf unsere Vergangenheit. 

Wahrscheinlich hat der Bürgermeister zu DDR-Zeiten nie eine Buchhandlung von innen gesehen. Ich nehme mal an, dass er vor allem Trabi-Läden kannte und sie wegen Ersatzteilen abgraste. Da blieb nicht viel Zeit die Verlage zu beobachten. 

Natürlich wurde Karl May in der DDR verlegt. Man konnte auch als braver DDR-Bürger sich mit Winnetou vollstopfen. Als die Sperrfrist ablief, wurden die Werke munter verlegt einschließlich des Buches von Loest über das Leben von Karl May. Schließlich gab es in der DDR auch ein Karl-May-Museum. 

Wieso wird so gelogen? Ich meine, ich bin das langsam schon bei wichtigen Sachen gewohnt. Ich bin gewohnt, dass plötzlich fast 100 % Widerstandskämpfer gegen das DDR-"Regime" im Osten zu finden sind.

Aber, wie kann man sich so klein machen? Sein eigenes Leben so abwerten? 

Ich habe mich fast vor der Italienerin geschämt, aber nur fast, dass meine Landsleute sie so belogen haben, so ein falsches Bild von sich und ihrem Leben gezeichnet haben. Wie gesagt fast. 

Ich habe der Italienerin dann zum Schluss gesagt, dass geschenkter Kaffee immer besser schmecke als der, den man selbst bezahlen müsse.

Stehen wir doch zu unserer Biographie und werten sie nicht ab. Reden wir doch den Medien und den Politikern nicht nach dem Mund. Sie verdienen es nicht. 

Jeder von uns hatte damals immer genügend zu essen und zu trinken. Und wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir auch sagen, dass unser Essen damals nicht so mit Chemikalien verseucht war, wie heute. 

Es gab damals nicht immer alles zu kaufen. Aber muss das sein? Kann sich heute jeder alles kaufen? Und ist es sinnvoll den Lebensinhalt beim Shopping zu sehen?

Muss man alles haben?

Oder zeigt diese Konsumsucht nur, dass viele von uns ein sinnentleertes Leben führen?

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PS: Übrigens habe ich den Sachsenspiegel auf die Lüge des Bürgermeisters aufmerksam gemacht. Natürlich kam keine Rückmeldung. War auch nicht zur erwarten.










Kommentare:

  1. Vollkommen richtig. Unser "Mokka-Fix" war gemahlener Kaffee von Jacobs und wurde in den Tüten mit Kohlendioxid frisch gehalten. Darum auch beim Öffnen dieser etwas seltsame Geruch. Doch es war Bohnenkaffee. Unster Kaffee war eben nur etwas teuer aber es gab welchen.

    Heute muß alles immer sofort käuflich sein und damit wird den Menschen die Freude genommen. Ich habe mich als Kind auf die Erdbeerzeit gefreut, auf den Herbst wenn es Weintrauben gab usw. Dieser gesamte Konsumzwang macht Menschen unzufrieden.

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  2. *Lach* mir ging es auch so. Und die Tomaten. Zur Tomatenernte wurden wir damit zugeschüttet und die haben geschmeckt ... Ich versuche mich so weit wie möglich vom Konsumzwang auszuklinken.

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