Mittwoch, 20. April 2011

Auf einsamen Posten

"Früh, mittags, abends höre ich im Radio, dass die Menschen nur noch rummeckern, dass sie so wenig Geld erhalten. Die rund 10 % der Leute, von denen hört man immer etwas und wie sieht es mit dem Rest aus?" So in etwa gehört von einer Bekannten, die satt und zufrieden mit mir und noch einer Bekannten in einer Gaststätte sitzt, Penne isst, einen Prosecco trinkt und zum Schluss noch ein Eis schleckt. 

"Warum jammern die Leute denn immer? Schließlich wollten sie ihr Leben so. Dann müssen sie sich auch nicht aufregen, wenn sie nicht soviel Geld in der Hand haben oder nur eine kleine Rente erhalten."

Das Gesicht meiner Bekannten gefriert. Sie hat sich nach der Wende immer wieder von Maßnahme zu Maßnahme gehangelt, von befristeten Arbeitsvertrag zu befristeten Arbeitsvertrag und war zwischendurch immer wieder arbeitslos. 

Wollte meine Bekannte ihr Leben so? Sie ist Hochschulabsolventin, hatte einen gesicherten beruflichen Lebenslauf? Nach der Wende hatte sich alles erledigt. Kultur ist unökonomisch und wird nicht mehr gebraucht. Sie rechnet sich nicht und meine Bekannte rechnete sich eben auch nicht mehr.  Ist sie nun selbst dran schuld, dass sie gerade so mal über die Runden kommt und eine kleine Rente erhalten wird von der sie mehr schlecht als recht leben kann? Sie steht kurz vor der Rente.

Und meine Rente? Wollte ich immer mal arbeitslos sein? Hatte ich mir das für mein Leben ausgerechnet? Und muss ich mich nun nicht aufregen, dass meine Beiträge, die ich der DDR einzahlte, so ungefähr 1:1 übernommen worden sind? Bin ich nun selbst dran schuld, dass meine Rente sich unterhalb H4 bewegt und es uns nur nicht schlecht geht, weil wir 2 Renten zur Verfügung haben?

Meine Bekannte in ihrem Einfamilienhaus lehnt sich satt und zufrieden zurück. Unsere Argumente prallen an ihr ab. Sie hat ihre Meinung und die ändert sie auch nicht, meinte sie zum Schluss. Sie kenne auch überhaupt keine Arbeitslosen und wisse auch nicht, wie die Regelsätze aufgebaut sind, aber sie behalte trotzdem ihre Meinung. Ich würde wohl solche Leute (ich höre das igittigitt förmlich in ihrer Stimme) kennen?

Nein, ich kenne niemanden der arbeitslos ist. Das muss auch nicht sein. Wenn jeder von uns mit offenen Augen durch die Welt geht, sieht er die Armut in Deutschland. Sie ist versteckt, aber dennoch sichtbar. 

Ich kenne auch die Regelsätze so in etwa. Jeder kann sie kennen, wenn er nur will. Auch wenn es ihn selbst nicht betrifft oder bei H4 selbst nie mehr - wegen des Alters - betreffen wird. 

Armut macht auch vor Rentnern nicht halt. Meine Rente ist gesunken trotz Minierhöhung. Es ist ein Minusgeschäft. Meine Bekannte reißt die Augen auf? Was? Deine Rente ist gesunken? Nun ich habe mich noch nie damit beschäftigt, meinte sie dann. Aber sie glaubt es mir nicht. Ich sehe es in ihren Augen.

Kommen wir nicht tagtäglich mit Menschen zusammen, die sich überhaupt nicht informieren oder nicht informieren wollen, aber dennoch eine festgefügte Meinung haben über die Welt und über die Menschen, die auf ihr leben? Woher nehmen diese Mitbürger ihre Überheblichkeit, wenn sie über andere urteilen, ohne deren Leben auch nur ansatzweise zu kennen?

Spielen wir nicht täglich Don Quixote? 

Da werfen träge Menschen, die sich über nichts informieren, anderen, die keine Arbeit finden, Trägheit vor! 

Sind diejenigen, denen es absolut am A... vorbeigeht, wie andere leben, nicht diejenigen, die das alles erlauben? Die es erlauben, dass unsere Regierung den Artikel 1 des GG ad acta gelegt hat? Die Ungerechtigkeiten tolerieren, weil es sie nicht trifft und nach deren Lesart niemals treffen wird. Diese Menschen haben es mit zu verantworten, dass andere drangsaliert werden. Denn keiner verdient so ein Leben, mag er nun faul oder fleißig, klug oder weniger klug sein. Jeder sollte so geachtet sein, wie er nun gerade ist.

Und noch etwas ganz Unpassendes: Komischerweise hat der geschmähte vergangene Staat allen Menschen ein Auskommen verschaffen können. Er hat sie so genommen, wie sie waren.

Kommentare:

  1. Richtig - das ist das Problem; diese festgefügte Meinung.
    Dein Beispiel ist leider kein Einzelfall. Ich frage mich immer wieder, wovor diese Menschen Angst haben.
    Mit einer Wahrheit konfrontiert zu werden, die das festgebackene Weltbild ins Wanken bringt? Ich mache auch immer wieder die Erfahrung, dass Menschen, die gut abgesichert sind, die Realität einfach ausblenden.
    Das unausgesprochene "igittigitt" finde ich dabei noch am schlimmsten.
    Man sollte ihnen einen Taschenspiegel vor Augen halten, mit der Frage: "Kannst du dich darin erkennen?"
    Und gleichzeitig eine weitere Frage anhängen: "Kannst du mich sehen?"

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  2. @frei-blog: "Kannst du mich sehen?" ich glaube, das ist von den beiden die wichtigere Frage.

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  3. Sorry, wenn ich hier einfach so reinplatze. Bin gerade durch Zufall auf diesen Blog gestoßen.

    Zum Thema rummeckern halt. Ein unschlagbares Parteiprogramm.

    wir haben heute den Landesverband Saarland gegründet.

    www.ddp-partei.de

    Ausstieg aus:

    * dem unmöglichen ewigen Wachstumszwang,
    * dem Rationalisierungszwang,
    * der Arbeitslosigkeit,
    * der Abwärtsspirale aus Niedriglöhnen und sinkender Kaufkraft,
    * der Staatsverschuldung,
    * dem Hochdruck-Bildungssystem,
    * der Rationierung im Gesundheitssystem,
    * dem Ungerechtigkeitssystem,

    ...und vieles mehr, was bisher unvorstellbar (oder unfinanzierbar) war.

    Deutschland braucht einen neuen Kurs - jetzt!
    Sind Sie bereit für eine bessere Zukunft?

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  4. @anonym: Das Programm klingt gut, hinterfragt aber - wie ich es beim Überblicken gesehen habe - nicht, wem die Produktionsmittel gehören sollen. In meinen Augen ist das die Grundfrage. Wenn ich Liz Mohn wäre, wüsste ich, was ich machen täte, um die positiven Punkte zu unterwandern. Es würde dasselbe wie mit der Linkspartei passieren. Wenn man nicht an die Hintermänner geht, die die Parteien und die Regierung steuern, wird sich nichts ändern. Ich kann mich täuschen, aber ich bin skeptisch.

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  5. beantwortet das deine Frage wenigstens im Ansatz PeWi? (sorry für anonym, habs nicht gepeilt.)

    6. Finanzsystem

    * Beseitigung von Spekulationen, Schließung der Spielcasinos und Wettbüros
    * Befreiung der Unternehmen und Arbeitnehmer vom Renditedruck der Kapitalbesitzer
    * Großunternehmen in Bürgerhand: Der von der „Deutschen Rentenversicherung Bund“ (DRB, ehemals BfA) verwaltete staatliche Rentenfonds kauft permanent alle werthaltigen verfügbaren Aktien auf
    * Niemand (außer Familienunternehmern) darf mehr als 5 Mio. € Aktienkapital besitzen.
    * Niemand (außer in Familienunternehmern) darf mehr als 1% der Aktien eines Unternehmens besitzen.
    * Kreditfinanzierte Aktienkäufe sind nichtig.
    * Großzügige und günstige Kreditvergabe der Sparkassen auch an kleine und mittelgroße Unternehmen
    * Haftung und volle Schadenersatzpflicht für alle Schäden, die Banken/Finanzdienstleister durch Faschberatung verursachten - mit der ddp bekommen die Opfer ihr Geld zurück!
    * Kreditverkäufe werden nichtig
    * Verbot von Ratings und Scoring
    * Rückabwicklung der Bad Banks
    * Ausstieg aus "Basel 2"
    * und vieles mehr

    Ich denke, das ist der größte Knackpunkt. Aber irgendwann müssen wir ja mal den Hintermännern in den Arsch treten. Wir müssen nur genug sein.

    schönen Sonntag wünsch ich.

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  6. @chrisly: Das wäre ein erster Anfang. Es steht aber dann immer noch die Frage offen, wem gehören die Produktionsmittel. Auch einen schönen Sonntag.

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