Mittwoch, 15. Juni 2011

Arme Selbständige

Es wird überall darüber berichtet. Die Vermutung des offiziellen Deutschland ist wieder mal, dass arme Selbständige den Staat - sprich uns Steuerzahler - schröpfen wollten und sich arm rechneten.

Bei uns im Centrum des Stadtbezirkes, zwischen 2 Einkaufsmalls, einer größeren, einer kleineren steht immer ein Mann, der Bratwürste für 1,20 EUR verkauft. Er hat einen kleinen Wagen, so einen, den man mit etwas Mühe auch unter den Arm nehmen und an den nächsten Standort bringen könnte. Ich sehe, wenn ich dort vorbeikommen, nur selten jemanden, der die gegrillten Bratwürste kauft. Schröpft dieser Mann, der sicherlich auch zuzüglich HartzIV benötigt, also widerrechtlich den Staat? Bereichert er sich?

Als ich kurz vor der Rente arbeitslos wurde und einen kleinen Auftrag als Lektorin für einen winzigen Verlag hatte und sicherheitshalber das zusätzliche "Riesen"einkommen bei der Arbeitsagentur meldete, wurde ich dazu gedrängt, mich als Lektorin selbständig zu machen. Aller Vierteljahre kam dieselbe Leier. Ich solle doch ... Die Sachbearbeiter war sichtbar verärgert, dass ich keinerlei Anstalten machte, nur wegen des Mini-Lektoren-Jobs mich selbständig zu machen und das kurz vor der Rente, wo so ein Job keinerlei Zukunft gehabt hätte.

Grundsätzlich sollte sich die Arbeitsagentur fragen, ob sie nicht eine Selbständigkeit fördert, die von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. 

Viele haben eine brillante Idee für eine Tätigkeit. Die meisten scheitern daran, dass es zu wenige Menschen gibt, die es sich leisten können, das Ergebnis der billanten Ideen, wahrzunehmen. Ich sehe in unserem Viertel kleine Geschäfte in kurzer Zeit kommen und wieder gehen. Und wirklich - die Ideen waren meist gut - das Geld, was sich unter den Leuten befindet, ist dafür zu dürftig. 

In Deutschland können sich kleine Händler oder Dienstleister nicht halten. Hier ist das unmöglich, aber es werden immer wieder Menschen dazu überredet, nur um sie aus der Arbeitslosenstatistik herauszubekommen.

Das ist verwerflich. Noch verwerflicher ist es, wenn das Kind nun mal in den Brunnen gefallen ist, diese Menschen dazu noch zu diffamieren.

Das ist eigentlich das Einzige, was Deutschland wirklich gut beherrscht: Diffamierung von armen Menschen (und Muslimen). In dieser Disziplin ist Deutschland wirklich Spitze!


Nachtrag: Es gibt sogar selbständige Lokführer!  Irre Verhältnisse.


Kommentare:

  1. Kenne das Dilemma aus erster Hand, habe mich mit meiner Frau vor 6 Jahren selbständig gemacht, rational.
    Mit Anfang 40 bist Du auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr viel Wert, also Selbst-ständig machen/Werden.
    Wir arbeiten zu 70% für die Bank und weitere Institutionen, manchmal für weniger, also wieder für die Bank.
    Kein Urlaub, Juni ist die Hölle, so viele Feiertage, soviel Einkommensverlust, von Rente ganz zu schweigen, wo sollen wir die noch ansparen?
    Wir engagieren uns, beschäftigen einen Blinden, aber für uns bleibt nichts übrig, wir leisten unseren Teil an der Gesellschaft, was leistet sie für uns?
    Bisher gings ohne Staatshilfe, aber wenn ich an main Alter denke, ....................

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  2. @anonym: Viele werden ein ähnliches Los haben. Selbstausbeutung bis zum letzten Tropfen. Das kann es eigentlich im Leben nicht sein.

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  3. 1. bei uns verkauft ein ähnlicher stand die würstchen für einen €

    2. die situation, die du beschreibst ist jedem zugänglich. auch ich kenne leute, die heute selbstständig sind, aber ohne "zuschusterung" von aufträgen nicht mal ihre sozialabgaben bezahlen könnten. es gibt nur zwei echte wege aus dieser misere zu beenden

    - das bedingunslose grundeinkommen - die menschen haben geld für kleine dienstleistungen

    - die abschaffung des geldes an sich

    http://polifisch.blog.de/2011/05/14/werkbank-proletarier-11149924/


    3. zitat: Diffamierung von armen Menschen (und Muslimen) - da hast du "linke" vergessen ;)

    meint der polifisch.blog.de

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  4. @polfisch: Danke für die Ergänzung

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