Donnerstag, 2. Juni 2011

Machos und Kopftuchmädchen

16 Tage Osttürkei, 16 Tage Kulturland über die Hetither, Griechen, Römer, Seldschuken, Mongolen, Osmanen usw. usf. Es sind noch viele andere Völker über dieses Land gezogen. 16 Tage Anatolien und die Frage, was weiß Sarazzin über türkische Menschen. Nichts! Das ist mein Eindruck, den ich bei der erlebnisreichen Reise erfuhr.

Sicherlich, die Türkei ist noch eine Männergesellschaft. Abends flanieren sie eingehakt und busselnd auf den Straßen. Frauen sind dann weniger unterwegs. Sicherlich, Frauen tragen Kopftücher oder sind ganz verschleiert. Aber nicht nur. Auf eine Kopftuchfrau kommt ganz sicher eine Frau mit westlicher Kleidung. Ganz verschleierte Frauen sind nur recht selten anzutreffen. Das mag in unterschiedlichen Gegenden unterschiedlich sein. Die Mehrzahl der ganz verschleierten Frauen sah ich in Erzurum. Dort soll die Bevölkerung strenger gläubig sein als in anderen Städten. Kopftücher sind - jenseits vom Glauben und jenseits von Tradition - auch ein modisches Accessoir. Seidenkopftücher gibt es in zig Varianten und Mustern. Junge Mädchen sehen darin sehr anziehend aus. Und man denke nicht, dass verschleierte Frauen tumbe Kleiderständer wären. Tourismus ist auch türkisch. In einem Kloster hüpfte eine junge Muslima, total verschleiert, mit ihrem Camcorder vor mir her, um auch alles zu filmen, was ihr gefiel. Sie war diejenige, die filmte, nicht ihr Mann. Das mögen Äußerlichkeiten sein, aber es zeigt, dass auch verschleierte Frauen keine Unpersonen sein müssen.

Die Türkei hat sich Laizismus und Frauenrechte auf ihre Fahnen geschrieben. Frauenrechte sind nicht durch Gesetz erreichbar. Viele deutsche Hausputtchen zeigen das auch hier ganz deutlich. Ein Wandel ist aber ganz langsam ersichtlich. Beispiel. In einer Teppichkooperative werden junge Mädchen beschäftigt, die monatlich entlohnt werden und eine Krankenversicherung für die ganze Familie erhalten. Das Ansehen der Mädchen in der Familie ist damit sichtlich gestiegen. Sie sind es, die sicheres Geld nach Hause bringen und sie sind es, die meist die einzige Krankenversicherung in der Familie besitzen. Früher - ohne die Kooperative - arbeiteten die Frauen zu Hause, hatten keine Versicherung und wurden erst nach Abgabe des Teppichs entlohnt. Da es ein Jahr dauern kann, bis z.B. ein Seidenteppich fertig ist, bekam die Frau ein Jahr lang keinen Lohn. Die Kooperative hat das geändert. Die Frauen knüpfen in einer Halle der Kooperative, haben nach einer Stunde Knüpfzeit eine Stunde Pause, erhalten ein kostenloses Mittagessen und werden abgeholt bzw. nach Hause gefahren. Kleine Verbesserungen, die die Lage der Frauen verbessert, so peu á peu. Und man bedenke, in der Osttürkei, die ärmer ist, als der Rest des Landes.

Und sage mir niemand, dass nur Männer rauchen. In Parks habe ich viele qualmende Frauen gesehen. Das ist nicht "unschicklich".

Die Stimmung der Menschen in der Türkei hat sich gegenüber der EU gewandelt. Früher wollten die Menschen mehrheitlich, dass ihr Land der EU beitritt. Heute sind es unter 50%.

Das Wirtschaftswachstum der Türkei ist rasant. Ich habe das mit einigem Bauchweh gehört. Rein türkische Unternehmen sind dabei in der totalen Minderheit. Die Werke, die das Wirtschaftswachstum generieren, sind internationale Unternehmen. Grob gesagt, unsere Arbeitsplätze sind zur Zeit in der Türkei. Ich sage ganz bewusst "zur Zeit". Was würde passieren, wenn die Türkei in die EU eintreten könnte? Die Arbeitsplätze würden weiterziehen. Das Lebensniveau hat sich auch erhöht. Und man muss sagen, auch dank der internationalen Unternehmen. Aber, siehe oben! Das Lohnniveau ist immer noch relativ niedrig, ist aber schon gestiegen. Was wird sein, wenn es weiter steigt? Der mögliche Eintritt in eine EU wäre auch äußerst fatal für die türkische Landwirtschaft. Es gibt zwar einige Förderprogramme für die Landwirtschaft, die aber noch längst nicht ausreichen. In der Osttürkei sieht man sehr viele erbärmlich arme Dörfer. Die Lebensgrundlage vieler türkischer Bauern wäre erledigt, wenn die EU die Hand auf die Türkei legte. Die Landwirtschaft könnte nicht mithalten und würde untergehen. Genauso wäre es, wie der Leiter der Teppichkooperative uns an einem Beispiel erläuterte, das Aus der Teppichknüpferinnen. Jetzt haben sie dort ihr soziales Auskommen. Mit der EU könnte die Türkei mit den Billigangeboten nicht mithalten und die Teppiche dort (reine Handarbeit, kein Billigschrott) wären nicht mehr absetzbar.

Die Menschen waren die größte Offenbarung für mich. So freundlich und so wissbegierig! Wir wurden immer - so wie es Tradition ist - nach unserer Herkunft und unserem Namen gefragt. Dann standen wir uns gegenüber, lachten und verstanden uns leider nicht. Sie nicht deutsch, wir nicht türkisch und englisch ging auch nicht. In der Nähe des Van-Sees bei einer Urartu-Burg war gerade Schulausflug. Viele Kinder, wie uns der Lehrer erzählte, waren das erste Mal in der Provinhauptstadt. Sie stammten aus einer Kleinstadt und die Eltern waren so arm, dass sie es sich nicht leisten konnten, in die Provinzhauptstadt zu fahren. Ich hatte auch den Eindruck, dass viele der Kinder kaum einen Ausländer je zu Gesicht bekommen hatten. Die Osttürkei ist kein Touristenland. Dorthin finden nur wenige Reisende. Ich würde Herrn Sarazzin einmal raten, dorthin zu reisen, die Menschen kennenzulernen und dann zu urteilen.

Es ist nicht selbstverständlich, dass Menschen eine Email-Adresse haben. Kinder schon gar nicht. Facebook, ja das ist weit verbreitet,  aber eine eigene Email-Adresse weniger. Ich weiß ja jetzt nicht, wie die Leute dann einen Facebook-Account anlegen, aber vielleicht - ich spekuliere, ist dass dann ein Gruppenaccount oder wie auch immer. Internet-Cafés gibt es sehr viele.

Die türkische Sprache gehört nicht zur indogermanischen Sprachgruppe und ist deshalb ganz anders aufgebaut wie z.B. unsere. Sie ist eher mit dem Ungarischen verwandt. Beide Sprachen kommen aus der Steppe Asiens. 

Ich finde es äußerst unfair, unser deutschen Maßstäbe, vielleicht noch unsere spießbürgerlichen, als Messlatte für Menschen zu nehmen, die in einer anderen Welt aufgewachsen sind. Einer Welt, die temperamentvoller ist, freundlicher und hilfsbereiter. Besonders beeindruckte mich, die zuvorkommend Behandlung einer älteren Frau, wie ich nun mal eine bin. Jeder Mann, ob jung oder alt, machte mir Platz. Wenn ich Anstalten machte, irgendwo sitzen zu wollen und es gab dort keinen Platz, stand sofort ein Mann auf und mir wurde der Platz angeboten. Mir war das manches Mal peinlich, da ich das in Deutschland nun schon lange nicht mehr gewohnt bin. Eine ältere Dame ist tütelig und hat nichts mehr draußen zu suchen. So denken die jüngeren Leute heute eher in Deutschland. Ich habe Söhne beobachtet, mit welcher Hochachtung sie ihre Mütter behandeln. Da ging es nicht um einen Strauß beim sogenannten Muttertag. Das haben die gar nicht nötig. Ich würde mir ein kleines bisschen dieser Freundlichkeit in Deutschland wünschen.

Sehr eigenartig waren aber die Verrenkungen wegen des Armenienproblems und der ethnischen Säuberung. Die Türkei hat dabei sicherlich noch keinen angemessenen Standpunkt.

Der Genozid des armenischen Volkes wird nicht als solcher anerkannt. Man schiebt es den Armeniern selbst in die Schuhe. Sie wären diejenigen gewesen, die die Türkei spalten wollten (Russlands 5. Kolonne sozusagen) und so waren die Türken gezwungen, sie umzusiedeln und dabei haben eben einige türkische Verwaltungen über die Stränge geschlagen. Das ist mir allzu verniedlichend und trägt wohl nicht zur Versöhnung mit Armenien bei. Völkermord ist Völkermord. Sippenhaft für das ganze armenische Volk anzuordnen, ist verwerflich. Wenn es Abspaltungsprobleme gegeben haben sollte, dann wäre das eine Sache zwischen diesen Gruppen und des türkischen Staates gewesen. Der armenische Lehrer oder Schneider in einer x-beliebigen Stadt hätte damit nichts zu tun gehabt. 

Ebenso wird die ethnische Säuberung der griechischen Bevölkerung auf den Boden der Türkei verniedlichend als Völkeraustausch verkauft. "Man wollte nur das beste für die Griechen. Sie wären sowieso aus den armen Teilen der Türkei gewesen und so wäre es besser gewesen, dass sie in Griechenland sich eine bessere Zukunft aufbauen konnten." So kann man die Vertreibung der Griechen natürlich auch begründen. Wir sind durch Dörfer gekommen, wo heute noch die Ruinen griechischer Häuser aus dieser Zeit stehen.

Der Exodus der Griechen und Armenier in der Türkei hat den türkischen Staat um viele Kunstschätze gebracht. Reliquien und Stammsitze von den Religionsgemeinschaften gingen mit in diese Länder. Erst heute können z.B. Armenier wieder an ihren sehr heiligen Stätten in der Türkei beten. Bis vor Kurzem war das verboten. 

Das Umdenken in der Türkei hat aber eingesetzt, auch in Bezug aller christlicher Stätten.

Viele Kulturdenkmäler, vor allem christliche, befinden sich in einem nicht gerade guten Zustand. Die Türkei hat aber mittlerweile erkannt, sicherlich auch durch die Bemühungen, in die EU zu kommen, dass sie ihre Kulturdenkmäler schützen muss. Reich ist die Türkei nicht und die Kulturdenkmäler sind sehr zahlreich, wenn man die umfangreiche Geschichte dieses Gebietes betrachtet. So wird es wohl noch eine ganz Weile dauern, bis alles wenigstens einigermaßen gesichert oder rekonstruiert ist. Der Anfang ist jedenfalls gemacht. Ich hoffe, dass der gute Weg weiter beschritten wird. 
in Hattuscha

 

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