Samstag, 30. Juli 2011

Rentner mit 67?

Der demographische Faktor geistert in der Welt herum. Die Deutschen schaffen sich ab - ebenso. Die gesetzliche Rente werde unbezahlbar, weil es nur noch Alte gäbe. 

Vergessen wird, der Fortschritt der Arbeitsproduktivität, der nicht mehr die Anzahl der Arbeitnehmer braucht, wie vor Jahren noch.

Vergessen wird, dass die gesetzliche Rente durch den ausufernden Niedriglohnbereich zerstört wird. Ohne Einnahmen - keine Ausgaben.

Leidtragende sind die älteren Menschen, die erst ermöglicht haben, dass sich dieses Land reich schimpfen kann, obwohl es sich arm rechnet.

Nun frage ich mich, warum gibt es nichts, was man Protest gegen die Rente mit 67 wirklich nennen kann? Da kommt irgendein zaghaftes Gestammel der Gewerkschaften, die nur auf Maurer und Dachdecker zielt, die ihren Job nicht bis 67 durchhalten könnten.

Also Maurer und Dachdecker sollen unter Naturschutz stehen, wohl besser unter Gewerkschaftsschutz.

Und warum nur diese Berufsgruppen? Und warum nicht solche z.B. vornehmlich von Frauen besetzte Berufe?

Ich frage die Gewerkschaft, warum kann einer Erzieherin in Kindertagesstätten bis 67 locker arbeiten, zumindest nach eurer Vorstellung? Ist es etwa deshalb, weil ihr eure kleinen Kinder nicht habt aufwachsen sehen, euch nicht an deren Erziehung beteiligtet? 

Tragt ein kleines Kind mal durch die Gegend. Setzt euch auf die kleinen Stühlchen. Malt mit ihnen an den kleinen Tischen. Was würden dann eure Muskeln, euere Wirbelsäule sagen, wenn ihr dann 60 wärt?

Wieso nur Maurer und Dachdecker?

Dass bedeutet die Missachtung der vielen Werktätigen, die den ganzen Tag am Computer ihre Arbeit verrichten müssen. Sicherlich, sie sitzen den ganzen Tag, aber das ist genauso schädlich für ihre Gesundheit, wie Mauern bauen. Sie leiden in der Regel an Halswirbelsyndromen, einhergehend mit tagtäglichen Schmerzen in Armen, Kopf und Schultern.

Des Weiteren bedenkt niemand, dass gerade diese Werktätigen, die nach mancher Lesart so faul dem Büroschlaf frönen, diejenigen sind, die sich laufend neuen Anforderungen stellen müssen. Mal werden die Abteilungen umorganisiert, mal die Verantwortlichkeiten und ganz zu schweigen von neuer Software, die an den Werktätigen ausprobiert wird. Irgendwann hat das beste Aufnahmevermögen eine Sperre. Ich habe das des Öfteren bei älteren Frauen und Männern in meiner damaligen Arbeit beobachtet. Sie leiden an Überforderung. Dazu kommt noch der Abbau der Arbeitsplätze und die Verdichtung der laufenden Arbeit. Nicht für umsonst leiden viele Menschen an psychischen Erkrankungen.

Denkt auch irgendjemand an die vielen Frauen, die irgendwo an Fließbändern sitzen? Die werden ständig überfordert. Sie sollen bis 67 ihre Arbeit durchhalten können? Die Schnelligkeit, die Anspannung? Viele sitzen auch noch in der Lebensmittelindustrie in unterkühlten Räumen und leiden an Schmerzen in den Händen und den Armen. 

Wieso also nur Maurer und Dachdecker?

Denkt irgendjemand auch an die vielen Verdammten der Call-Center? Das ist ein stressiger Job. Laufend klingeln Telefone, Auskünfte müssen erteilt werden, die Arbeit ist bis aufs Letzte verdichtet, um auch noch den letzten Gewinncent aus den Menschen dort herauszupressen. Und das soll jemand bis 67 durchhalten können, liebe Gewerkschaft?

Warum also nur Maurer und Dachdecker?

Dazu kommt noch in den Verwaltungen der Druck auf die Frauen, dem Schönheitsideal dieser Gesellschaft zu entsprechen. Wer jung und schön ist, darf weiterarbeiten. Andere werden ausgemustert oder in die hinterste Ecke verbannt und gemobbt, bis sie freiwillig gehen.

Warum also nur Maurer und Dachdecker?

Ist das nicht ein veraltetes Bild von Lohnarbeit? Maurer, Dachdecker, Gießer, Stahlwerker schuften im Schweiß ihres Angesichts und Angestellte haben einen Lenz? Zwischenzeitlich hat sich das Bild der Arbeit durch den technischen Fortschritt total verändert. Sicherlich Maurer, Dachdecker schufte weiter im Schweiße ihres Angesichts. Schuften hat aber auch eine andere Bedeutung bekommen: meist Stillehalten auf einem Stuhl, eine krankmachende Körperhaltung und eine Verdichtung der Arbeit bis ins Unerträgliche. Jeder Beruf ist heutzutage davon gekennzeichnet. Die Arbeit wird in Scheibchen aufgeteilt, so dass auch in Büros Fließbandarbeit eingesetzt wird.

Der technische Fortschritt könnte ein Segen für die arbeitenden Menschen sein, wenn alle an diesem teilhaben könnten und nicht nur diejenigen, die die Gewinne einstreichen. 

Und was macht die Gewerkschaft, die eigentlich der Interessenvertreter der arbeitenden Menschen sein sollte? Die faselt von Maurern und Dachdeckern. Somit gibt sie ihre Kampfkraft preis und duldet, dass die Rente mit 67 fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft bleibt.

Sie duldet, dass Menschen, die ein ganzes Leben lang gearbeitet haben, arm im Alter enden. Bravo! Und das soll dann eine Interessenvertretung der arbeitenden Menschen sein?

Lasst euch in Berufsgruppen einteilen und beherrschen! Oder geht es auch anders? Und wann?

Kommentare:

  1. Ich find es ja nett, dass du dieses Thema aufgreifst, aber leider hängst du ja etwas hinterher, denn die neuse Diskussion geht doch bereits um das Renteneintrittsalter 69!
    Aber welches der beiden ist eigentlich auch egal, denn der Grundtenor deiner Gedanken ist wohl richtig - die stetige Steigerung der Produktivität und ständige Innovationen machen es eigentlich mittlerweile möglich, das niemand mehr länger als bis 50 arbeiten müsste und und vorher eigentlich auch nur noch halbtags und das mit einer Top Bezahlung. Leider ist die Nutzung des Fortschritts zum Wohle jedes Einzelnen durch das System aber nicht erwünscht!
    Sklaven sollen eben Sklaven bleiben - wann erheben sie sich endlich!?

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  2. @H.B.: Danke für deinen Kommentar. Nein, ich hänge nicht hinterher. Es ist egal, was zur Zeit diskutiert wird. Da wird auch 70 diskutiert. Zur Zeit haben wir lt. Gesetz die Rente mit 67 und keinem interessierts. Nur weil das so ist, kann über 69 und 70 diskutiert werden. Ich gehe dabei prinzipiell immer von den gesetzlichen Grundlagen aus, spekuliere nicht mit, schon gar nicht mit den Neoliberalen. Mich ärgert nur immer wieder, dass die Gewerkschaften nur an ihre Maurer denken. Das ist diskriminierend. Darum ging es mir. Und da könnte ich mich stundenlang darüber "auskotzen".

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