Samstag, 13. August 2011

Meinen Senf dazu

Gottseidank ist morgen der 14. August und wir sind sie los, die sogenannten Mauergeschichten. Sie sind immer so niedlich und herzig, dass einem die Galle hochkommt. Da flüchten Menschen von der einen Seite von Berlin auf die andere Seite von Berlin - von Berlin nach Berlin. Da wird so berichtet, als ob die Mauer eine Laune der DDR gewesen wäre, so: Was machen wir denne mal? Ach wir schurigeln unsere Bevölkerung.

Vergessen wird das historische Umfeld. Das existiert schlicht und ergreifend nicht mehr. Nichts wird darüber berichtet, dass z.B. die DDR Fachleute ausgebildet hat, die dann abgeworben wurden. Nichts wird darüber berichtet, wie von Westberlin aus, die DDR beseitigt werden sollte.

Genau wie heute, wo möglichst alle Welt Fachleute für Deutschland ausbilden soll.

Es wird immer wieder die Freiheit des Westens beschworen und die Unfreiheit der DDR. Gähn. Welche Freiheit? Welche Unfreiheit?

Als die Mauer gebaut wurde, war ich 11 und gerade in Schirgiswalde im Urlaub. Ich weiß das noch, weil wir das Jahr drauf unsere Verwandten in Wuppertal besuchen wollten. Das fiel flach, aber es störte uns nicht weiter.

Mich störte die Mauer nicht. Ich hatte später verstanden, dass die DDR ohne sie nicht mehr bestanden hätte. Nach allen meinen Erfahrungen heutzutage, wäre es mir als Kind und dann Jugendliche aus einer nicht sehr reichen Familie (mein Vater starb, als ich Kind war) nicht möglich gewesen, die Entwicklung zu nehmen, die ich nehmen konnte. Welches Mädchen aus einfachen Verhältnissen mit nur einem Elternteil wurde im goldenen Westen nach der Berufsausbildung gefördert, um studieren zu können? Meine späteren Kolleginnen im Westen beneideten mich darum. Ich habe genügend Frauen aus dem Westen in meinem Alter kennengelernt, die noch ihren Mann bitten mussten, ein eigenes Konto zu eröffnen und ähnliche Kinkerlitzchen. Auch in der DDR gab es keine 100%-ige Gleichberechtigung, aber die Gleichberechtigung war ein integraler Bestandteil und wesentlich weiter gediehen als bis heute in unserer ach so freiheitlichen Gesellschaft. Wichtig war: Man musste sie selbst auch wollen.

Ja, wir konnten nicht reisen. Während verregneter Sommer sehnte ich mich, an die Sonne reisen zu können. Ich wollte Paris sehen und vieles mehr. Aber sehr viel später habe ich erkannt, dass Reisen auch Geld kostet und nicht nur mein Geld. Konvertierbare Währung war der Schlüssel zum Reisen. Und wenn die DDR etwas nicht hatte, war das konvertierbare Währung oder zumindest nicht im ausreichenden Maße. Ware gegen Geld oder im sozialistischen Lager Ware gegen Ware. Das waren die ökonomischen Zwänge, die m.E. sehr viel stärker wirkten als die politischen. Man hätte es nur den Menschen erklären müssen. Ob sie es verstanden hätten, glaube ich zwar nicht, aber ein Versuch wäre es schon wert gewesen.

Nein, ich habe nicht neben der Mauer oder der Grenze gelebt und somit war sie mir auch egal. Ich habe gewusst, dass es gefährlich war, abzuhauen. Jeder hat das gewusst. Aber wer eben unbedingt Konsum bis zum Erbrechen haben wollte und eine sogenannte Freiheit, der musste halt auch damit rechnen, dass er sie nie erreichte. Aber, das wussten auch diejenigen, die über die Mauer flüchteten. Sie mögen ihre Gründe gehabt haben, ich verstand sie nie. Nur, sie jetzt als Helden hoch zu stilisieren, die ihren Tod billigend in Kauf nahmen, nur um in Freiheit zu leben, scheint mir denn doch zu übertrieben und falsch. Ich hatte Nachbarn, die noch 1989 über Prag oder Ungarn flüchteten, die ihre Wohnung wie einen Saustall hinterließen, die alles in der DDR hatten, die mit ihren vielen Kindern gefördert wurden bis zum geht's nicht mehr, aber dennoch meinten, ihnen würde es woanders besser gehen. Ich bezweifle, ob sie im vereinten Deutschland ihr Glück gefunden haben. Man mag hier keine kinderreiche Arbeiterfamilien.

Und ja, ich habe auch das Grenzregime erlebt. Damals war Schierke im Harz nur als Urlauber zu erreichen. Man benötigte eine Einreisegenehmigung. Kurz vor Schierke hielt der Bus und ein Polizist überprüfte die Einreisegenehmigung. In Wernigerode erhielt man keine Busfahrkarte nach Schierke, ohne seine Einreisegehnehmigung vorzuweisen. Das war zwar Spinne, weil man spätestens vor Schierke aus dem Bus rausgeschmissen worden wäre. Mein damaliger Hinweis darauf wurde dann auch dementsprechend beantwortet: Wir können auch ganz anders. Wir können Sie auch auf der Polizei festhalten.

Irgendwie erinnert mich dass an Sachbearbeiter in den Argen. Menschen, die Macht ausüben dürfen gegenüber Mitmenschen, die selbst nichts mehr Menschliches an sich haben, weil sie Gesetze buchstabengenau ausführen ohne Erbarmen, ohne Mitgefühl und ohne selbst den Kopf einzuschalten. Man kann sich so wunderbar hinter Gesetze verstecken: Ich habe nur Befehle/Gesetze ausgeführt, heißt es dann. Dahinter verstecken sich entmenschlichte Sachbearbeiter der Argen, entmenschlichte Stadträte und Personen in ähnlichen Positionen sowie Soldaten und Offiziere.

In Schierke konnte man bis zu dem Zaun laufen, der 5 km vor der eigentlichen Grenze zur BRD war. Im Wald hockten, oft hinter Büschen, Grenzsoldaten mit ihren Schäferhunden. Letztendlich wusste man dann irgendwann, wo die Soldaten waren und mied diese Stellen, obwohl die jungen Kerlchen wirklich sehr nett und hilfbereit waren und sich ob der Abwechslung freuten und gern ein kleines Schwätzchen mit uns hielten. Eines Tages war im Urlauberheim helle Aufregung. Ein junger Kellner verschwand - Sippenhaft. Jemand aus seiner Familie hatte einen Ausreiseantrag gestellt, raunte man unter den Urlaubern. Mir wurde auch gesagt, dass ich mich nicht aufregen solle, weil schon mancher Urlauber Schierke verlassen musste, der seinen Mund zu sehr aufgerissen habe. Ob das stimmte? Ich weiß es nicht. Zuzutrauen war es der Bagage schon, die immer und überall sich als Zuträger profilieren wollten.

In Schierke wurde mir vor Augen geführt, wie wahnsinnig die Grenze war. Sie mag historisch notwendig gewesen sein. Das finde ich auch und dazu stehe ich. Sie war unmenschlich gegenüber den Menschen in der DDR selbst. Dieses Grenzregime, ob nun direkt an der Mauer oder an der grünen Grenze offenbarte die Kleingeister an der Regierung. Jeder wurde verdächtigt, ein Klassenfeind zu sein.

Das kommt einen doch heute wieder sehr bekannt vor. Kleingeister in der Regierung. Unser Innenminister führt das tagtäglich vor. Heutzutage ist es nicht der Klassenfeind, sondern der Terrorist, der Aufwiegler, der Antifaschist, der linke Chaot und was weiß ich nicht noch alles. Heutzutage gelten 3 Personen schon als kriminelle Vereinigung, falls sie sich gemeinsam für eine Protestaktion verabreden. Heutzutage soll das Internet flächendeckend abge"horcht" werden. Soziale Netzwerke für potenzielle Störer (wer ist das?) gesperrt werden, wie man aus Großbritannien hört. In Sachsen ermittelt man immer noch gegen Menschen, die im Februar in Dresden an einer Gegendemo gegen Rechts teilgenommen haben. Sogar die Büros von Jugendpfarrern sind nicht mehr sicher und werden durchsucht. Das erinnert so arg an die DDR in ihren letzten Zügen. Damals wurden Jenaer Pfarrer bespitzelt und heute durchwühlt man das Büro wieder von einem Jenaer Pfarrer. Man will den normalen Einwohner von Deutschland von vorn und hinten bespitzeln und das im Namen der Freiheit - pervers.

Ja, ich bin froh, dass es eine DDR, wie sie es gab, heute nicht mehr gibt. Aber ich wollte keine BRD, sondern eine reformierte DDR und bin dafür auf die Straße gegangen. Nicht für das was heute ist. Das erinnert viel zu stark an die repressiven Seiten der DDR.

Und Freiheit? Freiheit ist wiederum geteilt. Die oberen 10% haben sie für sich requiriert. Wir anderen sollen im Gegenzug mit Konsum ruhig gestellt werden und wer sich den Konsum nicht mehr leisten kann und auf staatliche Hilfe angewiesen ist, für den wurde die Freiheit vollständig abgeschafft. Das ist wesentlich schlimmer, als sämtliche Mauern auf dieser Welt. 

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Bullshit-Index :0.09
Ihr Text zeigt keine oder nur sehr geringe Hinweise auf 'Bullshit'-Deutsch.

Kommentare:

  1. Petra, ich sage jetzt einfach mal Petra (ich bin Frank) Du sprichst mir sowas von aus dem Herzen, dass ich nichts mehr zu diesem Jubiläum schreiben werde.

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  2. Ich bin der Volker :-)

    Schreibe weiter über deine eigene Sichtweise der Dinge.
    Das ist nötig, weil selbst Typen wie ich eingestehen müssen, dass sie nichts wissen.

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  3. Ja, ich habe es zwar von der BRD aus erlebt, und ich war gerade mal 12 Jahre alt, als die Mauer gebaut wurde, aber...
    Ich durfte nicht mehr zu Tante Mariele in den Osten reisen, was ich durchaus als Verlust empfand. Tante Mariele wollte nicht in den Westen, obwohl sie gekonnt hätte, was mir zu denken gab.
    Später bereiste ich kurzfristig doch noch den Osten, und auch für einige Tage Moskau, und es gab viel zu staunen.

    Über alle die Widersprüche, das Erstaunliche, das Unstimmige konnte aber im Westen nicht geredet werden.
    Tabus gab es also schon immer, und diese hielten sich - denn, was nicht sein durfte, das konnte auch ganz einfach nicht sein. Danach wurde gehandelt, geredet, gelebt, und das ist immer noch so.
    Danke für den Artikel.

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  4. Vielen Dank ihre Beiden für den Zuspruch. Heute geht es doch nur noch darum, alles zu entschichtlichen. Und unsere Kinder und Enkel sollen ja niemals auf die Idee kommen, dass es auch noch etwas anderes geben könnte, als das was jetzt ist. Sicherlich haben andere andere Erfahrungen gemacht, aber ich habe mich im Prinzip - eben mit Abstrichen über die man stundenlang reden könnte - damals wohl gefühlt, wohler als jetzt.

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  5. "... das es noch etwas anderes geben könnte, als das was jetzt ist"
    Und genau das ist der Kern aller Propaganda !
    Niemals sollen die Menschen wieder auf die Idee kommen etwas selbst in die Hand zu nehmen. Das eigene Schiksal selbst gestalten wollen.
    Auch ich habe mich nicht mit der DDR-Realität in absoluter Übereinstimmung gefunden. Doch es gab Möglichkeiten etwas zu bewegen.
    Und heute in diesem ach so "guten" System ??
    Mir hat man eines mit Sicherheit gelehrt. Einen
    unerschütterlichen Hass auf diese Brut. Und mit Sicherheit wird der Tag kommen, an welchen die Menschen begreifen werden, wofür es sich zu kämpfen lohnt.

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  6. @anonym: Meine volle Zustimmung. Wir müssen nur unseren Kindern und Enkeln das weitergeben, was wir erlebt haben. Wir müssen ihnen unbedingt erzählen, dass es nicht so war, wie es allen erzählt wird. Leider gibt es auch viele Ossis, die mit den Wölfen heulen. Die DDR war auch nicht dazu angetan, dass man mit ihr absolut übereinstimmen konnte. Die Richtung war aber richtig. Menschen irren sich und Menschen machen Mist, Menschen sind oft kleingeistig und diese Enge versuchen sie auf alles zu übertragen. Auch das müssen wir unseren Kindern und Enkeln übermitteln und sie vor Kleingeistigkeit warnen.

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  7. Naja man sollte aber auch nicht vergessen, dass die DDR eine reine Scheinwelt war, die so niemals lange existiert hätte. Durch die Planwirtschaft war das Land vollkommen bankrott und ein Staat, unabhängig von seiner Gesinnung, hat niemals eine Legitimation, wenn er seine Bürger einsperrt und nichts anderes hat die DDR gemacht.

    Das die BRD nach dem Mauerfall die DDR verkauft hat und Kohl an dieser Tatsache die Hauptschuld getragen hat, wird leider viel zu oft vergessen und dafür gehört er eigentlich vor Gericht.

    Aber ich bin der Meinung, die schöne heile Welt die dort vorgegauckelt wurde, rechtfertigt in keinster Weise das Staatssystem.

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  8. @anonym: Scheinwelt würde ich dazu nicht sagen. Eine heile Welt wurde auch nicht vorgegaukelt. Sicherlich, wenn man Zeitung gelesen hat, aber heute wird da genauso gelogen wie in den damaligen Zeitungen. Es war eine Welt sowohl als auch. Eine Welt, die die Planwirtschaft bis zum Exzess getrieben hat und dadurch in Schwierigkeiten kam, weil man nicht alles und jedes planen kann. Es gab auch andere Ideen und auch ein Umdenken schrittweise. Das war aber alles schwierig und oft mit Geld verbunden, was nicht da war. Und nein, die DDR war nicht völlig bankrott. Das ist so ein Märchen, was von Wissenschaftlern längst widerlegt ist, was aber nur selten publiziert wird. Die DDR hat ihre Bürger aus ideologischen Gründen eingesperrt. Das jetzige Deutschland macht es ökonomisch. Nichts anderes ist es, wenn wohlverhalten ökonomisch erzwungen wird. Das eine ist schlimm, das andere ebenso. Das macht den einen Staat nicht schlechter als den anderen. Es gleicht sich einfach viel zu viel.

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  9. zum heutigen, allgemeinen Geschichtsbild der DDR kann ich nur sagen: das ist das Ergebniss der tausendmal wiederholten Lügen. Sie werden eher geglaubt als eine Wahrheit. Das es der DDR ökonomisch nicht gut ging steht außer Frage. Jedoch sollte man sich auch die Mühen machen und nach Ursachen suchen. Frage 1: Haben sich die ach so mitfühlenden Bürgen der ehemaligen BRD auch mal gefragt, warum all die Waren aus dem Osten so billig waren. Ein kleiner Denkanstoß : Vielleicht weil die so menschenfreundlichen Kapitalisten genau um die Abhängigkeit der DDR von Deviseneinnahmen wussten und dies aus lauter Menschenliebe skrupellos ausnutzten. Und dies in fast allen Handelsbeziehungen mit der DDR. Frage 2: Wer hat die Rüstungsspirale ständig angeheizt?
    Waren es vielleicht dieselben Leute, die heute andere Länden mit erlogenen Begründungen überfallen und bis in die Steinzeit zurück bombardieren. Dabei Millionen Menschen ermorden.
    Ja, ich weiß, die toten an der Grenze.Es ist schlimm und ich wünschte mir, niemand wäre an dieser Grenze umgekommen.
    Ich wünsche mir aber auch, das niemand auf dieser Welt durch amerikanische, deutsche, israelischen und sonst welche Granaten, Raketen und Bomben umkommt.
    Wir Menschen haben eine Seele. Diese sollten wir rein halten und bewahren. Aber wir müssen auch das Wesen der Gesellschaftsordnung in der wir leben hinterfragen und hinterfragen dürfen.
    Und nun noch einmal zurück zum Beginn dieser Zeilen.
    Mein Leben in der DDR empfand ich nicht als Scheinwelt. Ich war mir bewußt, dass die Berichterstattung oft der Realität vorbeigig. Doch ich durfte auch sachlich Kritik anbringen ohne in Bautzen zu landen. In der heutigen Zeit ist es nicht einfach seine ehrlich Meinung öffentlich zu äußern. Sehr schnell landet man in den vorgefertigten Schubladen und läuft Gefahr zerrieben zu werden.
    Hat man Euch jemals erzählt, wieviele Existenzen in diesem "Staat" BRD auf subtile Weise durch Entzug der materiellen Lebensbasis zustört wurden?

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  10. Danke @anonym für die Ergänzung, die mir aus dem Herzen sprach. Als Beispiel für den letzten Satz: Als wir noch in RP wohnten, hatten wir einen evangelischen Pfarrer als Nachbarn, der Berufsverbot als Pfarrer in der Kirche hatte, weil er mal in der DDR war und sie nicht in Bausch und Bogen verurteilte.

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  11. US-Präsident Kennedy wußte vom Mauerbau: http://www.jf-archiv.de/archiv09/200933080747.htm

    BND wußte vom Mauerbau: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/warum-der-bnd-vom-mauerbau-wusste-und-die-politik-weghoerte/4465216.html

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  12. Thema Maueropfer:
    Man soll zwar nicht gegenrechnen und schon gar nicht relativieren, aber ich finde nirgendwo in DE einen ähnlichen Aufschrei zu den mehr als 14.000 Menschen die seit 1988 an den EU-Außengrenzen ums Leben gekommen sind. Man mag dagegen halten, dass diese ja nicht erschossen wurden, unterlassene Hilfeleistungen, die ja ebenfalls hierzu dokumentiert sind, machen das aber nicht besser.

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