Montag, 8. August 2011

Zynisch

Kurze Aufregung - nichts gewesen. Nur eine Frau auf HartzIV mit Kind verhungert. Mehr nicht. Ich habe das erst im Netz erfahren und nicht irgendwann als Schlagzeile in den Nachrichten.

»„Zum ersten Mal ist im Saarland ein Hilfebedürftiger trotz Sozialsystem verstorben und dabei ein Kind möglicherweise verhungert“, erklärt Dagmar Trenz, jugendpolitische Sprecherin der LINKEN. „Jetzt müssten alle hellwach sein und Lehren aus dieser Tragödie ziehen.“ In Speyer z.B. würden mittlerweile Hilfebezieher nach massiven Leistungskürzungen grundsätzlich persönlich aufgesucht.«

(Anm.: Es geht nicht aus dem Artikel hervor, ob Frau Trenz das Beispiel Speyer gebracht hat. Ich will ihr das nicht unterstellen. Der Satz steht außerhalb der wörtlichen Rede.)

In Speyer verhungerte 2007 ein junger Mann und seine pflegebedürftige Mutter, nur noch einmal zur Information.

Aber das nur nebenbei. 

Ich frage mich ernsthaft, wie man es als Fortschritt werten kann, wenn in Speyer nun leistungsgekürzte Familien persönlich aufgesucht werden. 

Wie soll ich so etwas verstehen? Will man nun wöchentlich, monatlich oder in welchen Abständen auch immer die Hungerkur mit eigenen Augen beobachten? Wird daraus eine wissenschaftliche Studie: Was halten HartzIV-Empfänger aus, denen die Leistungen gekürzt/gestrichen werden? 

Oder ist das nun ein neues Diätangebot, was später in der "Brigitte" verbreitet werden soll? Hungern auf HartzIV-Niveau unter Aufsicht? Somaliaschlankheit garantiert!

Oder: Wie kürze ich HartzIV, ohne dass das Subjekt (oder Objekt?) stirbt?

Menschenverachtender geht es doch wohl nimmer.

Wie wäre es denn, wenn nicht sanktioniert werden würde?

Wie wäre es, wenn man den Menschen Perspektiven böte?

Ihnen Teilhabe am Leben oder doch wenigstens ausreichend Nahrung nicht verweigert werden würde?

Wie wäre es, das Grundgesetz Artikel 1 zu achten?





Kommentare:

  1. Das sind unsere christlichen Werte, auf die wir so mächtig stolz sind.
    Ist schon komisch, dass man darüber nichts erfährt...
    Wir haben ein Sozialsystem und ein Grundgesetz, das Menschen verhungern lässt!
    Ich möchte nicht wissen, wie die Dunkelziffer aussieht, wenn die Ernährung nicht mehr stimmt und der Mensch krank wird.
    Und, wie sieht es mit der seelischen Nahrung aus, wenn Menschen vereinsamen, da sie keine gesellschaftliche Teilhabe mehr haben?
    Sie sterben schon, obwohl sie noch leben.
    Was sind das für Sachbearbeiter, die ohne Gewissen eine gewissenlose Politik ausführen?

    AntwortenLöschen
  2. Ja, das frage ich mich auch: Was sind das für Sachbearbeiter. Vieles ist ja in ihrem Ermessen. Sind sie schon so abgestumpft gegenüber ihre Mitmenschen? Oder quälen sie mit Freude?

    AntwortenLöschen
  3. Ja, ich weiß: das faschistische Regime ist mit keiner anderen Untat vergleichbar. Allerdings ist auch der deutsche Beamte unvergleichlich. Und ich kann mir nicht helfen, wenn ich bei solchen Tatsachen immer an die Tagebücher von Victor Klemperer erinnert werde. Damals, als der deutsche Beamte die Rassengesetze durchsetzte. Diese Gesetze waren zwar unmenschlich und ein Verbrechen, aber rechtens.Hinterher ist es nie einer gewesen...

    AntwortenLöschen
  4. ... und hinterher hat nie jemand von etwas gewusst. Der Faschismus hat auch nicht 1933 begonnen. Er begann in den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderst schleichend. Und irgendwie erinnert mich das daran, wie ich es einmal in so einem alten deutschnationalen Buch gelesen hatte. Wer nicht die sogenannten deutschen Tugenden lebte, sollte ausgegrenzt werden. Die hatten dann so etwas igittigit "Zigeunierisches" an sich. An der Stelle, wo Menschen diskriminiert werden und das ganz offen und mittels Gesetze, an der Stelle beginnt der Faschismus.

    AntwortenLöschen
  5. . An der Stelle, wo Menschen diskriminiert werden und das ganz offen und mittels Gesetze, an der Stelle beginnt der Faschismus.

    stimmt - und diese stelle (bzw. grenze) ist längst überschritten, zumindest in deutschland.

    AntwortenLöschen
  6. Da muss ich dir Recht geben lieber landbewohner.

    AntwortenLöschen

Ich freue mich, dass du kommentierst. Nur beachte bitte:

Kommentare, die rassistisch sind, Hetze gegen bestimmte Personengruppen verbreiten und im Gossenjargon angefertigt werden, sind Spam und werden von mir nicht veröffentlicht. Außerdem mache ich bei unsachlichen und nicht zur Sache gehörenden Kommentaren sowie doofem Gelabere von Trollen von meinem Hausrecht gebrauch.