Freitag, 7. Oktober 2011

7. Oktober

Das war mal Feiertag. Heute möchte ich an etwas erinnern, was ich skandalös fand und noch immer finde. Man mag über die DDR-Literatur denken, was man will. Es gab sehr gute Literatur und weniger gute. Das ist eben so, genau wie heute, nur überwiegt jetzt die weniger gute Literatur.

Ich beginne im März 1933. Damals verbrannte Hitlerdeutschland Bücher, die sie als missliebig empfanden, die kommunistisch oder jüdisch oder irgendwie so waren, dass sie den Nazis nicht gefielen:

1. Rufer: Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky. 2. Rufer: Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner. 3. Rufer: Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Friedrich Wilhelm Foerster. 4. Rufer: Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Sigmund Freud. 5. Rufer: Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Emil Ludwig und Werner Hegemann.
6. Rufer: Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortungsbewusste Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Theodor Wolff und Georg Bernhard.
7. Rufer: Gegen literarischen Verrat am Soldaten des Weltkriegs, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Erich Maria Remarque. 8. Rufer: Gegen dünkelhafte Verhunzung der deutschen Sprache, für Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes!
Ich übergebe der Flamme die Schriften von Alfred Kerr. 9. Rufer: Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist!
Verschlinge, Flamme, auch die Schriften von Tucholsky und Ossietzky!
(aus Wikipedia)
Nach der Wende wurden in Deutschland ein 2. Mal Bücher vernichtet. 

Die DDR-Literatur wurde auf den Müll geschmissen und als Abfall definiert. Man wollte keine Hedda Zinner mehr haben, keine Eva Lippold, keinen Tschingis Aitmatow. Nichts mehr. Man lechzte nach Massenware, die zu Bestseller stilisiert wurden. Man gab sich zufrieden mit irgendwelchen Mittelalterromanen (nur ein kleiner Teil ist gut davon), mit Frauenromanen, Liebesromanen, mit Rosamunde Pilcher.

Gottseidank gibt es auch vernünftigere Leute, die noch Literatur schätzen und viele Kostbarkeiten aus dem Müll gerettet haben. Hier ein kleines Dankeschön an das Bücherdorf Mühlbeck bei Bitterfeld.
 
Ein Dorf voller Bücher, ein Himmelreich. Bücher sind wie lebendige Wesen. Bücher bedeuten Nachdenken über Geschichte, über unser Sein, über unsere Wünsche. Bücher halten einen den Spiegel vor’s Gesicht. Sie sind Wissende. Alle Bücher in diesem Dorf hatten schon ein Vorleben. Viele Hände blätterten in ihnen, Widmungen und Worte der Auszeichnung finden wir, als sie verschenkt wurden. Die meisten Bücher führten damals ein gutes Leben, oft in einer Bibliothek, die Stempel verraten es mir. Als der Staat entsorgt wurde, erlitten seine Bücher das gleiche Schicksal, dabei sind doch Bücher wie lebendige Wesen. Wegwerfen ist, wie Bücher verbrennen! Kann man seiner Vergangenheit so einfach entfliehen, in dem man die Wissenden auf den Müll wirft? Sie fanden im Bücherdorf ihr Gnadenbrot. Ob sie wieder unsere Freunde werden könnten?






Kommentare:

  1. Ach ja, Christa Wolf und Maxie Wander hab ich noch.
    Aber auch ausser Büchern waren manche Sachen eben nicht so schlecht, wie sie seither geredet werden.

    Ach ja, und dann noch vielen Dank für den Platz in deiner Blogliste!

    LG Holger

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  2. @H.B.: Stimmt, es gab vieles, was ich heute vermisse. Keine Ursache. Du bist ein fleißiger Kommentator und da war es Ehrensache für mich, dich in meine Blogliste mit aufzunehmen, auch wenn ich keine Goldfreundin bin ;) Ich schaue aber jeden Tag in deinen Blog.

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  3. Als DDR-Kind hab ich Stanislaw Lem sehr geliebt und Alexander Wolkow. Weiss eigentlich noch jemand wer Robert Merle war?

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  4. @apache: Damals habe ich auch etwas von Robert Merle gelesen. Ich kann dir nicht mal mehr sagen, was es war. Lem gibt es ja noch. Ich weiß nur nicht, ob alle Romane noch erhältlich sind. Ich hüte meine Lem-Bücher wie meinen Augapfel.

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