Freitag, 14. Oktober 2011

Brief einer Familie

Heute erreichte mich folgende eMail, die ich gern hier veröffentliche, weil mir diese Fragen auch auf der Seele brennen, obwohl ich nicht am Rande des Existenzminimus lebe. Nur jeder Mensch sollte auf das Ganze schauen, ob er nun dasselbe erleben muss oder nicht. Wir müssen Gemeinsamkeiten finden und uns nicht mehr alles gefallen lassen. Keiner sollte erwarten, dass es ihm eines Tages nicht ebenso geht. Bei dem Brief kam mir noch ein anderer Gedanke. Die Bundeswehr lobt überall in ihren Werbespots die Kameradschaft. Die hört wohl auf, wenn man nicht mehr im aktiven Dienst ist? Wofür hat Maik seine Knochen hingehalten, doch nicht für Deutschland?

Hier der Brief.


Maria  & Maik Senninger
Meyenburger Tor 66
16928 Pritzwalk

Bundespräsidialamt
Spreeweg 1
10557 Berlin


Pritzwalk den 12.10.2011

Offener Brief an den Bundespräsidenten Herrn Christian Wulff !

Was ist der Bürger noch Wert in dieser Gesellschaft?

Sehr geehrter Herr Wulff,
wir möchten grundsätzliche Fragen stellen, auf die Wir keine Antworten finden. Millionen von Menschen in Deutschland stellen sich die gleichen Fragen.

Wir Maria Giuseppina Senninger geb. Maiolini und Maik Senninger, wohnen in der kleinen Stadt Pritzwalk, im Nordwesten Brandenburgs. Meine Frau wurde in Siegen /NRW geboren und musste nach der Geburt Deutschland verlassen um mit ihrer Familie nach Italien zurückzukehren. Als junges Mädchen kehrte sie Jahre später wieder zurück nach Deutschland und erlernte in einem Jahr die deutsche Sprache und erlernte einen Beruf. Also eigentlich ein Musterbeispiel an Integration. Ich stamme aus Pritzwalk, und bin einer von Millionen „Ostdeutschen“ welche die DDR, die Nachwendezeit und das derzeitige Chaos miterleben darf. 

Die familiären Strukturen werden systematisch zerstört. Nach meiner 23monatigen Dienstzeit in der Bundeswehr kam für mich das Aus. Das Arbeitsamt legte mir Nahe, meine Heimat zu verlassen. Ich ging nach Baden-Württemberg um als gelernter Bäckergeselle zu arbeiten.

Ich war kaum drei Jahre dort und erlebte das erste Mal, was  Insolvenzverschleppung Insolvenz und fristlose Kündigung mit erfundenen Gründen bedeuten. Es folgten endlose Kämpfe bei Arbeitsgerichten. Monatelang habe ich nur von Nudeln mit Ketchup oder Fallobst gelebt und mich nicht getraut, die Familie in der Heimat davon zu berichten. Ich war drauf und dran betteln zu gehen und das in der Bundesrepublik Deutschland.

Aber ich glaubte noch lange an das Grundgesetz. Aber die Realität sieht anders aus.  Mit dem Gesetz Hartz IV wurden folgende Paragraphen außer Kraft gesetzt oder wurden diese schon abgeschafft? Auf diese Frage hätte ich gerne von Ihnen eine Antwort Herr Wulff.

Grundgesetz Art 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Grundgesetz Art 11
(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.

Grundgesetz Art 12
(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausübung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.
(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.

Wir kennen Hartz IV, denn wir leben mit diesem menschenverachtendes Gesetz. Da stelle ich mir natürlich als Mitglied des VdRBw (Verbandes der Reservisten der Deutschen Bundeswehr e.V.) die Frage, was soll ich im Ernstfall noch verteidigen?

Meine Frau lernte schon als Auszubildende was Insolvenzverschleppung, Insolvenz fristlose Kündigung und den Kampf beim Arbeitsgericht bedeuten. Ich investierte tausende von Euros für einen LKW-Schein. Aber das half mir auch nicht weiter.

Als wir endlich begriffen haben, dass wir in den alten Bundesländern auch keine Perspektive haben, kehrten wir in meine Heimat, die auch für meine Frau eine Heimat wurde, in die  Prignitz zurück. Aber diese Welt bestand nur noch aus Niedriglohn- und Zeitarbeitern, ALG I sowie ALG II Empfängern und Rentnern.

Ohne die Erlaubnis vom Jobcenter haben wir nun ein Kind gezeugt, aber das wird ja hoffentlich noch erlaubt sein? Durch dieses noch ungeborenes Kind übernehmen wir aber auch in Kürze eine große Verantwortung.

Wir haben schon keine Perspektive und kämpfen zusätzlich jeden Monat gegen die Bürokratie im Jobcenter. Für jede Kleinigkeit müssen wir um Erlaubnis fragen. Wurden wir ALG II – Empfänger schon ganz offiziell entmündigt, oder warum ist das so? Vielleicht können Sie mir Herr Wulff eine Antwort darauf geben.

Herr Bundespräsident geben  Sie mir doch bitte einmal einen Tipp, wie ich in Zukunft meine Familie ernähren soll? Was sage ich in Zukunft mein Kind? Wie erziehe ich mein Kind? Soll ich es vorsorglich schon auf Hartz IV vorbereiten, oder soll ich die Illusion erwecken dass es alles besser wird, oder alles gut ist? Ich kenne keine Antworten mehr, aber Sie als Staatsoberhaupt doch sicherlich?

Mit freundlichen

Maria & Maik Senninger



Kommentare:

  1. brutale Realität in der Bunten Republik Deutschland. ich befürchte nur, diesen Brief (wie schon x1000 andere) wird unser Bundeskasperl niemals zum lesen bekommen ..

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  2. @Eismann: Damit wirst du wohl Recht haben - leider. Und wenn er es zu lesen bekäme, weiß ich nicht, ob es ihn überhaupt interessiert. Aber nichts desto trotz, man muss es immer wieder versuchen.

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  3. Helge Mannteuffel15. Oktober 2011 um 21:13

    Ja , es stimmt:"Die Würde des Menschen ....!"

    Genau deswegen hat man aus Menschen Humankapital gemacht. Kapital braucht keine Würde. Kapital ist gefühllos. Es rentiert sich oder es rentiert sich nicht.

    Dank an alle Consultingschwätzer, die uns beigebracht haben, daß alles durchökonomisiert werden muß.

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  4. @helge: Wir müssten uns mal alle dagegen wehren, aber leider interessiert es nicht alle und ein anderer Teil unterstützt die Entwicklung, weil sie alternativlos wäre.

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