Dienstag, 11. Oktober 2011

Kopftuch tragen

Fortsetzung von HIER

Nein, in Istanbul sieht man wenige Frauen, die ein Kopftuch tragen. In bestimmten Stadtteilen sind mehr von ihnen zu finden, in anderen weniger. Man trägt vor allem westlich, aber nicht nur. 

In der Moschee trägt man es. Da gehört es zum Respekt des Glaubens gegenüber, auch wenn man - wie ich - nicht religiös ist. Wer das nicht will, besucht keine Moschee.

Übrigens gehört das Kopftuch nicht nur in die Moschee. Christliche Kirchen kennen auch das Kopftuch. Mir fällt das besonders in den orthodoxen Kirchen auf.

Das Kopftuch. Viele meinen, dass das Kopftuch die Unterdrückung moslemischer Frauen zeigt. Das ist völliger Quatsch. Im Koran steht, dass die Frau nur anständig angezogen sein sollte. Der ältere Bruder des Korans, die Bibel, schreibt auch, dass die Frau sich entweder das Haar bedecken  oder kahl geschoren werden sollte. 

In der Geschichte, egal wo, trugen Frauen meist einen Schleier. Haar wird als erotisch empfunden und deshalb sollte es bedeckt werden. Viele Werbeclips unserer Tage in unserer Welt spielen mit dieser Erotik, die eher im Unterbewusstsein funktioniert. Dabei sollte hinterfragt werden, ob heutzutage junge Menschen überhaupt noch wissen, was Erotik ist. Meist werden plumpe Sexdarstellungen oder andere plumpe Freizügigkeiten damit verwechselt. Freizügigkeit ist keine Erotik. Womit sollte Frau denn noch überraschen, wenn sie sofort und gleich alles zeigt. 

Zurück zum Kopftuch. Das Kopftuch soll in unserer heutigen Lesart also die Unterdrückung der Frau dokumentieren, vornehmlich der Korangläubigen. Wir im Westen benötigen dazu kein Kopftuch. Unsere Kultur schafft das ohne. Bis fast Ende des 20 Jahrhunderts war es z.B. Frauen im Westen von Deutschland verboten, ohne Einwilligung des Mannes ein Konto zu eröffnen oder arbeiten zu gehen. Ich glaube nicht, dass die Frauen im Westen von Deutschland ein Kopftuch oder Schleier getragen haben. Also, die Äußerlichkeit sagt nichts darüber aus, wie geachtet Frau in der Gesellschaft ist. 

Viele beschimpfen Musliminnen, weil sie Kopftuch tragen. Bis ca. Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts gehörte das Kopftuch zur Mode. Ich habe auch eins getragen und sehnsüchtig in den Westen geschaut, weil bei denen eine ganz besondere Art Kopftuch Mode war, das es in der DDR nicht gab. 

Der Islam benachteiligt Frauen. So kann man das nicht stehen lassen. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass der Papst Frauen besonders in sein Herz geschlossen hat. Katholikinnen werden auch benachteiligt.  Nicht anders sieht es in der Orthodoxie aus. 

Wir brüsten uns doch mit unseren jüdisch-christlichen Wurzeln. Streng gläubige Jüdinnen haben immer ein Kopftuch auf und leben genau in dieser - für uns altmodischen - Welt der Arbeitsteilung. Sie dürfen auch nicht studieren. Über den unsinnigen Begriff der jüdisch-christlichen Wurzeln habe ich schon geschrieben. Das Christentum und ebenso der Islam stammen beide vom Judentum ab. Mohammed hat in einer jüdischen/christlichen Welt gelebt.

Vieles, was wir im Islam als unzumutbar für Frauen empfinden, steht so nicht im Koran oder nicht nur im Koran. Die Bibel gebietet auch, dass die Frau Untertan gegenüber dem Mann zu sein hat. Also so weit auseinander sind unsere Kulturen nicht.  In den islamischen Ländern ist die Arbeitsteilung, die bei uns auch vorherrschte, immer noch präsent. Sie hat in den meisten Fällen nichts mit der Missachtung der Frau zu tun. Ausnahmen bestätigen hier, wie überall auf der Welt, die Regel. Es gibt genügend deutsche Männer, die ihre Frauen misshandeln.

Wie regen wir uns über arrangierte Ehen auf und nennen das Zwangsheirat. Arrangierte Ehen gibt es auf dem Globus heutzutage vielleicht mehr als Liebesheiraten. Das beginnt in einem hochentwickelten Industrieland wie Südkorea und endet in der afrikanischen Savanne. Auch in Europa wurde die meiste Zeit arrangiert geheiratet. Frauen dienten dazu, Einflussbereiche zu erweitern, Land zu gewinnen oder Handwerksbetriebe zu erweitern. Ärmere Frauen wollten vor allem versorgt sein. Wir kennen alle noch die Einstellung, dass Frauen nicht großartig lange in die Schule gehen sollten oder auch nicht studieren bräuchten, da sie ja sowieso heirateten, um versorgt zu sein. Also, sind wir wiederum nicht soweit in unseren Kulturen auseinander.

Was uns Frauen geholfen hat, war die Industrialisierung Europas. Wir wurden als Arbeitskräfte gebraucht. Nur dadurch und wirklich nur dadurch konnten wir Frauen uns viele Rechte erkämpfen. Aber im Herzen vieler Männer sind sie nicht wirklich angekommen. In den Köpfen vieler herrschen immer noch die alten Verhaltensmuster und die gewohnte Arbeitsteilung vor. Die Werbeclips der Industrie sind das Spiegelbild dessen. Keiner denkt sie sich einfach nur so aus. Sie basieren auf das Denken sehr vieler Menschen, da sie sonst nicht funktionieren würden. 

Ja, auch ich habe in der Türkei ein Kopftuch in den Moscheen getragen. Ich habe es mir übergezogen, aus Respekt vor den religiösen Glauben anderer. Gegenseitiger Respekt, auch wenn man nicht das glaubt oder nicht so denkt wie der andere, gehört m.E. zum Menschsein dazu. Wir sollten uns öfters daran erinnern. Und nicht nur wir, auch die gewählten "Volks"vertreter sollten sich an ihr Menschsein erinnern.

Auf das Kopftuch kommt es nicht an, nur auf das, was darunter ist.

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