Dienstag, 8. November 2011

Novembergedenken

Hilda Stern-Cohen (eine Überlebende)

Genagelt ist meine Zunge
an eine Sprache, die mich verflucht,
hineingehämmert
in meine Ohren
mit den Tönen der Liebe,
und des fressenden Hasses.
(1. Strophe)


Zwischen dem 7. November und dem 13. November 1938 lag der Auftakt zum Völkermord. Menschen jüdischer Abstammung wurden ermordet oder in den Selbstmord getrieben. Eingebrannt hat sich in unser Gedächtnis (ich hoffe in aller!) vor allem die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938. Ab dem 10. November wurden 30.000 jüdische Mitbürger in die KZs gebracht und ermordet. Viele kennen diese Nacht unter dem verniedlichenden Begriff "Kristallnacht". Die Schaufensterscheiben von jüdischen Läden wurden eingeschlagen, überall lag Glas auf den Straßen. Meine Mutti erzählte mir, dass im nachhinein eine Arbeitskollegin nicht mehr zur Arbeit kam. Sie sah etwas südländisch aus. Man hatte sie als Jüdin verhaftet. Später wurde sie wieder freigelassen, weil sie keine war. Sie hatte Glück. Viele andere Leipziger nicht. Das Grauen begann. Der VÖLKERMORD! Und die deutschen Nachbarn wandten sich mehrheitlich ab. Viele, weil sie Angst hatten, aber auch an den Stellen, wo sie nichts zu befürchten hatten. Ich las vor längerer Zeit einen Auszug aus einem Buch. In einem Haus lebten deutsche und jüdische Leipziger einträchtig beeinander. Die jüdische Familie bekam sonntags ihre Brötchen an die Türklinke, wie ihre deutschen Nachbarn. Dann war Schluss damit und der jüdische Junge der Familie musste mit anhören, wie die deutsche Nachbarin dem Brötchenjungen sagte, dass er keine Brötchen mehr an diese Türklinke hänge sollte, da es dreckige Juden wären. Alle schauten zu und nicht nur in Deutschland, sondern die Welt.

Was bedeutet Völkermord? Er ist definiert durch die Absicht, „eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe ganz oder teilweise zu zerstören“. So sagt das Völkerrecht.

In der Geschichte der Menschheit gab es schon viele Völkermorde.

Erinnert sei hier an die größten:

Anfang des 20. Jahrhunderts. Das Volk der Hereros wird von den Deutschen in die Wüste getrieben und soll dort verdursten und verhungern. Wasserstellen wurden von deutschen Kolonialtruppen besetzt und jeder wurde erschossen, der sich ihnen näherte.

Den Aghet. Während des 1. Weltkrieges trieben die Jungtürken die armenische Bevölkerung zusammen und schickte sie in die Wüste. Die Armenier wurden ermordet, verhungerten, verdursteten, die Frauen wurden vergewaltigt. Nur wenige überlebten. Der Völkermord wird von türkischer Seite bis heute verleugnet.

Die Shoa. 6 Millionen Juden wurden ermordet.

1965 und 1972 Völkermord in Burundi an der Volksgruppe der Hutu.

1994 Völkermord in Ruanda an der Volksgruppe der Tutsi.

Völkermord kann sich auch gegen das eigene Volk richten, wie die Roten Khmer zeigen. Sie ermordeten systematisch alle Intellektuellen. Das begann schon bei den Brillenträgern. Sie entvölkerten die Städte und vernichteten die Stadtbewohner durch Arbeit auf dem Lande unter schlimmen Umständen.

Wir sollten das Andenken an die Opfer der Genozide ehren. 

Wir setzen ihr Andenken herab, wenn wir den Inhalt des Wortes "Genozid" auf alles anwenden, was mit Krieg zu tun hat. Jedes Kriegsopfer ist eins zuviel. Jedes menschliche Leben, was gewaltsam durch Krieg zu Tode gebracht wird durch wem auch immer, ist ein sinnlos geopfertes Leben für zweifelhafte Ziele. 

Nur vergessen wir nicht, dass Völkermord eine andere Dimension hat. Das Wort Völkermord impliziert es eigentlich. Ein ganzes Volk soll dahin gemordet werden nach einer vorherigen Einteilung, wer zu diesem Volk gehört.

Wir setzen auch das Andenken an den Völkermord herab, wenn wir z.B. in Buchenwald auch der Toten gedenken, die nach dem 2. Weltkrieg im sowjetischen Straflager dort starben. Sehr viele dieser Insassen hatte große Schuld auf sich geladen, waren für den Völkermord an den jüdischen Menschen mittelbar oder unmittelbar mit verantwortlich. Sicherlich starben nach dem Krieg dort auch völlig unschuldige Menschen. Wenn wir aber die Gesamtheit dieser nach Buchenwald verbrachten ehren, ehren wir auch Mörder an der jüdischen Bevölkerung und den Widerstandskämpfern gegen den Faschismus. Das sollten sich die Umdeuter der Geschichte in den Ämtern vor Augen halten. Sie machen sich gemein mit Verbrechern. 

Unser Ziel muss es sein, im Gedenken an die Verbrechen, dass wir den Begriff Völkermord - wie er heutzutage oft benutzt wird - nicht inflationär verbraten. Wir beschmutzen damit das Andenken an die Hereros, an die Armenier, an die Juden, an die Hutu, an die Tutsi. In diesem Jahr gab es noch keinen Genozid und hoffen wir, dass es so bleiben möge.



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