Mittwoch, 9. November 2011

Zum Gedenken

»Pastor Niemöller: ,,Als sie die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen - denn ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialisten und Gewerkschafter geholt haben, habe ich geschwiegen - denn ich war ja keins von beiden. Als sie die Juden geholt haben, habe ich geschwiegen - denn ich war ja kein Jude. Als sie mich geholt haben, hat es niemanden mehr gegeben, der protestieren konnte." « 


© PeWi Im Waldstraßenviertel
 
Rund um das Waldstraßenviertel
(Artikel für die Zeitung "Kippe")

Der Bürgerverein Waldstraßenviertel e. V. bietet Führungen unter verschiedenen Gesichtspunkten durch das Waldstraßenviertel an. Das Waldstraßenviertel - zu DDR‑Zeiten war es geprägt von oft recht bröckeligen, grauen Fassaden. Renovierte Häuser mit fein gearbeitetem Fassadenschmuck, Erkern, bunten Friesen kurz unter dem Dach, so zeigt sich heute das größte, zusammenhängende Gründerzeitviertel Deutschlands, dessen Geschichte Ende des 19. Jahrhunderts begann. Berühmte Architekten gestalteten Häuser, wie z. B. Paul Möbius, dessen Markenzeichen geschwungene Formen des Jugendstils waren. Persönlichkeiten, wie die Fotografin Berta Wehnert-Beckmann, Albert Lortzing oder Georg Trexler lebten viele Jahre in diesem Viertel. Definiert wird das Waldstraßenviertel im Norden durch die Leutzscher Allee, dem Zöllnerweg und der Emil-Fuchs-Straße, im Osten durch die Pfaffendorfer Straße und dem Goerdelerring, im Süden durch die Käthe-Kollwitz-Straße und im Westen durch Friedrich-Ebert-Straße (einschließlich ihrer Westseite).

Das Waldstraßenviertel war aber auch der Wohn- und Arbeitssitz vieler Leipziger jüdischer Herkunft. Ungefähr 2 % lebten in Leipzig, im Waldstraßenviertel 10 %. Die Zuwanderung setzte im 19. Jahrhundert mit der Erlangung der vollen Bürgerrechte ein. Vor allem jüdische Pelzhändler und Kürschner aus Osteuropa wurden in Leipzig sesshaft. Dazu kamen mit der Zeit weitere Handwerker, Händler und andere Gewerbetreibenden. Sie nahmen vornehmlich im Waldstraßenviertel ihren Wohnsitz. Der Volksmund bezeichnete es auch als Klein‑Jerusalem. Im Jahre 1925 lebten in Leipzig rund 12600 Bürger jüdischer Abstammung.

Der Rundgang beginnt am Haus Hinrichsenstraße 10 des Bürgervereins. Hier lebte der Rabbiner Israel Friedmann von 1919 – 1934. Im Haus gab es neben der Wohnung einen Gebetsraum. Rabbi Friedmann war sehr angesehen. Als 1933/34 die ersten antijüdischen Gesetze in Kraft traten und die Hetze und Ausgrenzung dieser Leipziger Bürger einsetzte, emigrierte Rabbi Israel Friedmann nach Palästina. Vor 1 ½ Jahren kamen 50 Rabbiner aus aller Welt zurück in das Haus ihres berühmten Rabbis und beteten im ehemaligen Gebetsraum.

Die Hinrichsenstraße 14 ist das Ariowitsch-Haus. Die Familie Ariowitsch war eine reiche Pelzhändlerfamilie. Louise Ariowitsch gründete nach dem Tod ihres Mannes die Stiftung für ein Altenheim. Es wurde 1931 eingeweiht. Das Haus umfasst 66 Zimmer und einen Gebetsraum. Es hat eine ungewöhnliche Außenfassade: Schuppen. Diese Schuppen sollen die Borke von Bäumen symbolisieren, da der Baum im jüdischen Glauben heilig ist, das Leben versinnbildlicht. Frau Ariowitsch emigrierte 1937 nach Paris, wo sie 1939 starb. Nachdem Hitler die Endlösung der Judenfrage auf die Tagesordnung gesetzt hatte, wurden am 19. September 1942 alle Bewohner und Angestellten des Ariowitsch-Hauses in das Konzentrationslager Theresienstadt verschleppt und ermordet. Eine von ihnen war die Schriftstellerin Clara Caroline Schachne. Ein Stolperstein vor ihrem Wohnhaus erinnert an ihr Schicksal. Am 1. Oktober übernahm die Gestapo das Haus, 1945 zuerst die US-Army, gefolgt von der Roten Armee. Die Rückübereignung an die Israelitische Gemeinde erfolgte auch 1945. Im Jahr 2000 wurde es Jüdisches Kultur- und Begegnungszentrum und bietet für alle Leipziger Veranstaltungen an.

Nicht vergessen werden darf der Rabbiner Dr. Ephraim Carlebach, der nach seinem Rabbinerexamen in Leipzig sesshaft wurde. 1912 eröffnete er die Höhere Israelitische Schule. Sein Schulkonzept war fortschrittlich und tolerant, so dass noch heute ehemalige Schüler bei der Nennung seines Namens glänzende Augen bekommen. Die Schule war offen für alle. Während der Naziherrschaft wurde sie als Judenhaus missbraucht. In jedem Klassenzimmer mussten mehrere Familien ihr Leben fristen. Dr. Carlebach erlebte das nicht mehr. Er übersiedelte 1936 nach Palästina und verstarb dort im gleichen Jahr. Heute beherbergt das Haus die Deutsche Zentralbücherei für Blinde. Seine Nachfahren haben Leipzig schon mehrere Male besucht.

Der Rabbiner der Großen Synagoge, Dr. Felix Goldmann, wohnte in der Tschaikowskistraße 17. Er starb 1934. Sein Grab befindet sich auf dem Neuen Israelitischen Friedhof.

Denken wir des Weiteren an Chaim Eitingon. Er stiftete 1920 ein Krankenheim. 1928 wurde das Krankenhaus eröffnet. Es stand jeden Patienten offen, ob er nun jüdische Wurzeln hatte oder nicht. Das Krankenhaus war für die damalige Zeit sehr modern ausgestattet und vermied große Krankensäle. Seit den 1950er Jahren bis 1992 beherbergte das Haus die Städtische Frauenklinik. Viele Leipziger Frauen haben hier ihr Kind zur Welt gebracht. Heute nutzen verschiedene soziale Einrichtungen das Gebäude.

Nicht vergessen sollen aber auch die nicht so berühmten Leipziger sein. Stellvertretend für die große Gruppe der Handwerker und Händler steht Josef Kober, der ein Lebensmittelgeschäft mit Delikatessen und anderen koscheren Speisen im damaligen Ranstädter Steinweg 14 führte.

Der Rabbiner Dr. Carlebach schrieb 1931 im Gemeindeblatt: Unser Judentum ist eine Religion der Tat. Die Israelitische Religionsgemeinschaft schuf deshalb Fürsorgeabteilungen, die ärmere Mitbürger unterstützten und gründete Kindereinrichtungen. In der Pfaffendorfer Straße 4 befand sich z.B. ein Kindergarten, der hebräische Kindergarten. Der lehnte sich an die pädagogischen Erkenntnisse einer Maria Montessori und eines Friedrich Fröbel an.

Ein großer Einschnitt in die Geschichte des Waldstraßenviertels war die Naziherrschaft. Geschäfte wurden „entjudet“. Leipziger jüdischer Herkunft wurden aus ihren Ämtern gejagt, durften keine Lehrkräfte und Wissenschaftler an Universitäten und Schulen sein. Sie mussten ihre Wohnungen verlassen, wurden in Judenhäuser gedrängt sowie nach und nach deportiert und ermordet. Am längsten existierten im Waldstraßenviertel noch die Judenhäuser in der Humboldstraße 10, der Gustav-Adolf-Straße 7 (Carlebachschule) und der Leibnizstraße 20.

Der 9./10. November 1938 ging als Pogromnacht in die Geschichte ein. Synagogen wurden geschändet, die Schaufensterscheiben der jüdischen Geschäfte eingeschlagen und jüdische Mitbürger misshandelt. Ein Augenzeuge formulierte im Gästebuch der Ausstellung „Juden in Leipzig“, 1988: „Exakt vor 50 Jahren musste ich – damals ahnungslos als 13-jähriger Schüler – mit ansehen, wie im Zoo zwischen Ufer- und Parthenstraße Hunderte von jüdischen Männern, Frauen, Greisen und kleinen Kindern in das Parthebett hinunter getrieben und dann von oben beschimpft und bespieen wurden … (H.G.Gl.Taucha)“. Am 14. Februar 1944 verließ der letzte Deportationszug Leipzig in Richtung Theresienstadt. Nach dem Krieg weilten nur noch 24 Menschen jüdischer Herkunft unter uns. Im Buch „Menschen ohne Grabstein – Die aus Leipzig deportierten und ermordeten Juden“ wurden von Ellen Bertram Namen von fast 2000 Leipziger jüdischer Mitbürger zusammengetragen und deren Schicksal dokumentiert.

1948 wählte der Literaturwissenschaftler Hans Meyer, jüdischer Herkunft, aus dem Exil kommend, Leipzig zu seiner Heimatstadt. Er wohnte in der Tschaikowskistraße 23 in der linken Erdgeschosswohnung. Leuchter stehen heute im Fenster und an der Eingangstür erinnert eine Tafel an ihn. Er wurde Professor für Kultursoziologie und Literatur an der Leipziger Universität. Seine Vorlesungen waren legendär. 1963 verließ er die DDR.

Heute leben wieder rund 1.200 jüdische Mitbürger in unserer Stadt. Sie kommen vor allem aus der ehemaligen Sowjetunion nach Leipzig.

Zum Schluss möchte ich mich bei Frau Haß für ihren informativen Rundgang bedanken und darauf aufmerksam machen, dass der Bürgerverein einen Kalender für das Jahr 2012 über das Waldstraßenviertel veröffentlicht hat. Er ist für 17,00 EUR dort im Büro erwerbbar.

Bürgerverein Waldstraßenviertel e.V.: www.waldstrassenviertel.de, Tel.: 0341-9803883

Jüdisches Leipzig mit einem Hörrundgang: www.juedischesleipzig.de/

Ephraim-Carlebach-Stiftung e.V.: www.carlebach-stiftung-leipzig.de/

Anne-Frank-Shoa-Bibliothek: www.d-nb.de/sammlungen/sondersammlungen/ anne_frank_shoah.htm

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