Freitag, 27. Januar 2012

Wir dürfen nicht vergessen

Heute ist der Tag der Befreiung des KZs Auschwitz. 

Eine Umfrage in der Altersgruppe 18 - 30 Jahre hat ergeben, dass knapp über 20 % nichts mit dem Begriff Auschwitz anfangen können. Nungut, ich weiß jetzt nicht, wer befragt wurde. Ausländische Mitbürger, die aus einem völlig anderem Kulturkreis kommen, werden kaum etwas darüber wissen. Deutsche Mitbürger, die vorgeben Auschwitz nicht zu kennen, lügen entweder oder deren Lehrer legen bewusst keinen Wert auf die Vermittlung von Kenntnissen über diese Tötungsmaschinerie. Generell wird verschwiegen, dass große deutsche Unternehmen gerade in dieser Zeit Megaprofite einfuhren, weil sie KZ-Häftlinge im großen Stil ausgebeutet haben. Es gibt wohl kaum ein großes Vermögen in der Bundesrepublik, was sich nicht ohne Blutgeld angehäuft hat.

Eine andere Umfrage sagt, dass die Deutschen in großer Zahl antisemitisch eingestellt wären. Okay, ich weiß nicht, wie die Umfrage zustande gekommen ist. Heutzutage wird ja oft Kritik an Israel als antisemitisch eingestuft, was völliger Blödsinn ist.

Wenn aber ein Großteil der Deutschen wirklich antisemitisch eingestellt sind, dann ist das auch der Politik in diesem Land geschuldet. Eine immerwährende Verarmung der Bevölkerung einhergehend mit Hetze gegen andere Kulturen und andere Mitbürger in diesem Land, lässt auch den Antisemitismus wachsen. 

Es ist ja so leicht, anderen ihr Anderssein vorzuwerfen, ohne sein eigenes Handeln, was vielleicht auch etwas skuril ist, zu hinterfragen. Ich denke dabei an: 12:00 Mittags muss das Essen auf dem Tisch stehen und 18:00 Uhr das Abendbrot. Ich denke da an Kehrtage und Mülltrennungsschnüffelei. Ich denke an Kontrollgänge in Gartenvereinen, ob deren Mitglieder auch wirklich so und so viel Prozent Gemüse angebaut haben und nicht nur Blumen und Gras im Garten haben und ähnliche Schnüffeleien im Alltagsleben der Menschen. Das ist schon Blogwartmentalität. Ich denke auch an Antiraucherkampagnen (ich bin Nichtraucherin) und an die Hetze gegen Fleischessen. Das ist der Nährboden, der ganz schnell auch Menschen anderer Hautfarbe und anderer Kulturen flächendeckend zum Ziel hat. Da muss nur jemand mit Charisma kommen und dann kippen die Verhältnisse. 

Die Ansätze sind ja dazu schon da, wenn wir an die rassistischen Morde denken, die einfach so ein Deutschland stattfinden konnten unter wahrscheinlicher Duldung des Verfassungsschutzes. 

Okay, der hatte schließlich keine Zeit, sich mit wirklichen Verfassungsgegnern zu beschäftigen, der musste ja einen Gregor Gysi und viele andere Mannen und Frauen ausspionieren. Das war ja wichtiger, als menschenverachtende Praktiken der rechten Szene zu beobachen und zu bekämpfen. Rechts ist der Modetrend, wenn ein Sarrazin vor vollen Sälen seinen Schmutz ausbreiten kann und wenn sein Buch Bestsellerstatus erreicht hat. Da ist es völlig egal, wenn man friedliche Demonstranten gegen Rechts flächendeckend ausspioniert, wie in Sachsen z.B. Und diese Ausspioniererei wird wieder bei der nächsten Demo gegen Rechts im Februar in Dresden angekündigt.

Da passt ein Glied in das andere. Desinteresse, ein blindes rechtes Auge, bewusst vergessen wollen, um dann hinterher wieder sagen zu können: Das haben wir ja gar nicht gewusst. 

Auch damals hätte man es wissen können, was geschah, wenn man es denn gewollt hätte. Die Zerstörung jüdischer Geschäfte geschah mitten in unseren Städten. Die Rauswürfe jüdischer Lehrer, Dozenten und Forscher aus den Universitäten und den Schulen konnte jeder beobachten. Und als die Wohnungen der jüdischen Mitbürger geräumt worden sind und die Menschen abtransportiert wurden, war das auch nicht im luftleeren Raum, sondern mitten unter uns. Ich kann verstehen, dass Menschen Angst hatten und deshalb nichts gesagt haben, aber sich hinzustellen und zu meinen, dass man nichts gewusst habe, ist wohl eine glatte Lüge.

Deshalb darf Auschwitz, Buchenwald, Treblinka, Theresienstadt, Maidanek und alle anderen KZs nicht vergessen werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass Millionen von Menschen einfach ermordet wurden, weil sie Menschen waren und nicht dem Bild entsprochen haben, was man von Menschen erwartet hat. Gerade in dieser Verallgemeinerung sieht man, wie schnell es gehen kann, dass man selbst zum Opfer gestempelt werden kann. 

Wehren wir uns also vor der Verharmlosung dieser ungeheuerlichen Verbrechen. Setzen wir sie nicht gleich mit dem, was im Verhältnis dazu einigen wenigen Deutschen aus Rache angetan worden ist, so schlimm das auch war. Auch sie waren "nur" Menschen, die wenigsten davon mit Eigenschuld beladen, auch einfach nur verängstigt vor der Mordmaschinerie dieses Regimes, was sich Tausendjähriges Reich nannte. Sie mussten dafür büßen, was andere für sie eingebrockt hatten.

Jeder Mensch, der wegen seiner Rasse, seines Glaubens, seiner Andersartigkeit, seiner Krankheit ermordet wird oder auch "nur" gedemütigt, ist einer zuviel. Vergessen wir das nicht.