Montag, 6. Februar 2012

Wertgutschein Deutschland

Ich las gerade "Mein Politikblog" und dort drinnen, dass Lidl den Verkauf nur auf Lidl-Produkte auf den Gutschein eines H4-Beziehers beschränkt hat. HIER

Ich wollte deshalb an dieser Stelle noch einmal meine Kurzgeschichte "Wergutschein Deutschland" einstellen, die ich für einen österreichischen Literaturwettbewerb schrieb, der mit mich unter die erste 10 brachte. Es war ein Wettbewerb der Arbeiterliteratur. Ich glaube, dass die Kurzgeschichte sehr aktuell ist.

Wertgutschein Deutschland

Müller steht an der Wohnungstür, Müller, Hilde und Egon. Beide wohnen seit 15 Jahren in diesem großen Mietshaus in der 5. Etage. Sie sind nicht mehr die Jüngsten, schon jenseits der Fünfzig. Hilde sitzt am Küchentisch, etwas zusammengesunken, mit nachdenklichem Blick. Sie hat ihre karierte Schürze um, ihre abgearbeiteten Hände liegen hilflos in ihrem Schoß. Aus dem geöffneten Kühlschrank gähnt ihr Leere entgegen. Leere, die gefüllt werden muss. Ihre Gedanken kreisen um das Abendessen, sie weiß nicht, was sie auf den Tisch bringen soll. In der kleinen Kammer nebenan stehen noch zwei Konserven, einmal Gulasch, einmal Linsen. Draußen klappert es, die Tür geht auf, Egon tritt herein. Er hängt seine einfache braune Jacke an den Garderobehaken. Die Bewegung drückt Hoffnungslosigkeit aus. Seine Schultern hängen nach unten. Die Falten in seinem Gesicht scheinen gefurchter als sonst. „Egon, hat die Arbeitsagentur über deinen Antrag entschieden?“ fragt Hilde ängstlich und hoffnungsvoll aus der Küche. „Er ist nicht aufzufinden“, antwortet Egon mürrisch. „Hier, ein Gutschein, das ist alles, was ich bekommen konnte.“ Er wirft ihn mit einer heftigen Handbewegung auf den Küchentisch und verschwindet schnell ins Wohnzimmer, versteckt sich hinter seiner Zeitung.

Egon ist verzweifelt. 35 Jahre hatte er dem Unternehmen geopfert, war mit ihm tief verbunden, fühlte sich dort wohl, war immer da, wenn es sein musste, hat hart gearbeitet, war kaum krank. Er gehörte zu den Besten und Erfahrendsten. Jetzt ist sein Arbeitsplatz irgendwo im Osten. Den Ort kann er nicht aussprechen, er weiß nicht wo er ist, nur sehr weit im Osten. Egon will nicht mit seiner Frau darüber sprechen. Er versteht es selbst nicht, wie es soweit kommen konnte. Er fühlt sich ausgenutzt, weggeworfen und ohnmächtig. Egon zieht sich in ein Schneckenhaus zurück, will nichts sehen und hören.

Hilde steht auf, bindet ihre karierte Schürze ab, wirft sich ihren schon etwas schäbigen blauen Mantel über, nimmt diesen Gutschein, sie hat keine Wahl, der Kühlschrank ist leer. Ihre Gedanken drehen sich um den Einkauf. In den Supermarkt an der Ecke kann sie nicht gehen. Die an der Kasse kennt sie. Das wäre ihr zu peinlich. Ein Stückchen weiter ist auch noch einer; dort war sie noch nie.

Etwas gelöster nimmt sie ihre Einkaufstasche, schleppt sich langsam die Treppe hinunter. Im Supermarkt schaut sie sich erst einmal um. Sie weiß nicht, wo die Sonderangebote stehen, nimmt hier und da eine Käsepackung in die Hand, dann eine Wurstpackung, schaut auf den Preis. Zögerlich packt sie alles in ihren Einkaufswagen, etwas Gemüse dazu, ein paar Eier, Nudeln, etwas Hackfleisch und ein paar Scheiben von der Mortadella, die Egon so mag. Sie beobachtet die Kasse. Dort stehen zu viele Menschen. Jetzt kann sie noch nicht dorthin. Hilde ist verunsichert. Das Gefühl ist neu für sie und gefällt ihr nicht. Sie schlendert ziellos zwischen den Regalen umher, immer die Kasse im Blick. Sie tut harmlos, obwohl der Gedanke an den Gutschein in ihrer Tasche sie innerlich zittern lässt. Sie wirft noch einmal verstohlen einen Blick zur Kasse. Jetzt steht dort niemand mehr. Hilde stürzt hin, packt den bescheidenen Wageninhalt auf das Laufband. Die Kassiererin scannt alles ein.

„12,95“, macht das.

Hilde stockt der Atem. Das ist der Augenblick, den sie so gefürchtet hat.

„12,95“, hört sie wie durch einen Schleier. Sie fingert in ihrem Portemonnaie, ihre Hände flattern, sie legt den Gutschein zögerlich der Kassiererin auf den Tisch, blickt dabei nach unten. Ihre Gestalt scheint eingefallen, ganz klein zu sein. Nur nicht in die Augen dieser Frau blicken.

Die Kassiererin mustert das Papier: Wertgutschein Deutschland. Sie liest es zweimal, ist erstaunt, fragt, ob sie damit bezahlen wolle.

Hilde klopft das Herz bis in den Hals, ihre Wimpern zittern, ihr kullern die Tränen über die Wangen, die Röte steigt ihr ins Gesicht, der Mund ist trocken, sie hat einen Kloß im Hals. Sie könnte vor Scham in den Boden versinken. Was haben wir falsch gemacht? Diese Frage wendet Hilde im Kopf selbstquälerisch hin und her. Egon war immer so fleißig, so pünktlich, so zuverlässig und nun diese Demütigung.

Trotzig bäumt sie sich auf: Oh nein, dass kann man nicht mit mir machen! Ein Ruck geht durch ihren Körper, sie richtet ihn auf, hebt den Blick, die Tränen sind getrocknet. Nein, es ist nicht ihre Schuld. Mit viel Selbstbewusstsein schaut sie der Kassiererin in die Augen: „Ja, damit bezahle ich!“