Dienstag, 21. Februar 2012

Zu simpel, zu schlicht, zu sehr ausgrenzend

Das ist wirklich schade. Mein Stadtviertel wird sicherlich der zukünftige Bundespräsident Gauck niemals betreten. Er mag, nach seinen Bekundungen, keine Stadtviertel, die mit allzuvielen Zugewanderten und allzu wenigen Altdeutschen bewohnt sind. 

Okay, das ist jetzt die Frage. Was versteht ein Herr Gauck unter Altdeutschen? Meint er damit Rentner mit deutscher Staatsbürgerschaft. Unter dieser Gruppe sind vielleicht noch nicht so viele mit anderen Nationalitäten. 

Zählt er vielleicht Russlanddeutsche unter Altdeutsche? Sie sind schließlich Heim ins Reich zurückgekehrt. Wenn er Russlanddeutsche als Altdeutsche zählt, dann - ja dann - würde er sicherlich sehr gern in mein Stadtviertel kommen. Es sei denn, die andere Auflage wäre, dass Altdeutsche auch richtig gut deutsch sprechen müssen. Dann sehe ich etwas schwarz, er würde sicherlich nicht zu uns kommen wollen. Russischsprachige Zeitungen in den Kiosken, russischsprachige Geschäfte ... 

Aber vielleicht würde er eine Ausnahme machen, schließlich hat er der DDR auch verübelt, dass sie die Oder-Neiße-Grenze anerkannt hat und deshalb altdeutsche Gebiete nicht mehr altdeutsche Gebiete sind.   

Die Frage ist aber, was versteht ein Herr Gauck überhaupt unter Altdeutsche? Diejenigen, die ihren Stammbaum bis zur Urzeit auf das Gebiet zurückführen, was heutzutage Deutschland genannt wird. Nein, das kann auch wiederum nicht sein. Auf dem Gebiet wo ich jetzt lebe, haben slawische Stämme früher gewohnt, bis sie vertrieben worden sind, von ... ? Was weiß ich, wird irgendein Stamm gewesen sein, denn die Römer unter die Germanen einordneten. 

Altdeutsch? Deutsch bedeutete eigentlich: zum Volk dazugehörig. Gehöre ich nun zum Volk? Ich weiß es nicht. Ich kenne meine Wurzeln nicht. Vielleicht sind meine Vorfahren mal irgendwann aus südlicheren Ländern eingewandert, Haar- und Augenfarbe ließe darauf schließen. Nach meiner Geburtsurkunde gehöre ich zum Volk. Na und? Das war purer Zufall. 

Bin ich vielleicht Altdeutsch, weil ich seit über 60 Jahren auf dem Gebiet von Deutschland lebe und eine deutsche Nationalität habe? Aber, was wird dann aus den Russlanddeutschen? Die kommen von der Wolga, aus Kasachstan, aus Sibirien. Meine Balkonnachbarn kommen z.B. aus Sibirien. 

Altdeutsche aus Sibirien. Vielleicht wäre das der Traum von Gauck. Altdeutsche wohin man auf der Welt schaut. Altdeutsche wieder zurück nach Ostpreußen oder in die Sudetengau. 

Altdeutsch sind sicherlich nur solche Menschen, die sich nicht in der Hängematte ausruhen. Die mag er nämlich auch nicht. "Die Leute müssen aus der Hängematte der Glückserwartung durch Genuss und Wohlstand aufstehen. Sie dürfen nicht erwarten, dass andere für sie agieren." Sicherlich gibt es Menschen, die genauso sind. Mit denen müssen wir auch leben, auch sie sind Menschen, die unserer Achtung bedürfen. Mit dem Wohlstand habe ich dagegen schon meine Zweifel. Vielleicht käme Gauck ja wirklich mal in mein Stadtviertel und sich mal über den nicht mehr vorhandenen Wohlstand zu informieren. Vielleicht sollte er sich die Geschäfte ab Monatsmitte mal anschauen. Nichts mit Wohlstand und Genuss oder gar Konsumboom. Nichts! Nothing! Niente! Nichts!

Sie dürfen nicht erwarten, das andere für sie agieren! Fein gesagt Herr Gauck. Nur, wie sollen die Menschen, die keinen Job mehr haben, von Arbeit ganz zu schweigen, das machen? Wenn in der Umgebung niemand genügend Geld hat, stirbt auch die beste Idee in eine Lücke zu stoßen und in der Selbständigkeit seinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Wer immer vom Staat durchgefüttert worden ist, kann das natürlich nicht verstehen. Erst hat die DDR ihn gut durchgefüttert und gleich in der Nachfolge das vereinte Deutschland - ohne Riss!

Die Hoffnung, dass wir durch Konsum allein glücklich werden und die Bürgerexistenz vernachlässigen können, die trügt. Damit hat er nicht Unrecht. Nun kommt aber das große ABER. Er wurde erst Freiheitskämpfer in der DDR, als es nicht mehr gefährlich war. Sein Konsumstreben war sicherlich eine große Antriebsfeder, wie bei sehr vielen Freiheitskämpfern in der DDR. Ich habe in der ganzen Zeit noch niemals gehört, dass er für seine Überzeugung ins Gefängnis der DDR gegangen wäre. Nein, er hat in aller Ruhe sein Abitur gemacht, studiert, ist in den Westen gereist - hat also seinen Frieden mit dem System DDR gemacht und alles ausgenutzt, was es auszunutzen gab. Als der Wind aus dem Westen wehte, hängte er sein Mäntelchen genau in den Wind. 1989 nannte man diese Menschen: Wendehälse. Es waren eben Menschen wie Gauck, Merkel und Tillich und viele kleinere, die nun begannen abzusahen. Oder wie nannte man das auch? Fettaugen schwimmer immer oben. 

Was ist nun eine Bürgerexistenz? Zu Existieren als Bürger, ist noch kein Wert an sich. Auch in Afghanistan gibt es Bürgerexistenzen oder im Sahel-Gebiet. Was meint er also mit Bürgerexistenz? Wie kann die jemand so richtig leben, ohne dass man sich einen Straßenbahnfahrschein leisten kann? Ohne, dass man Kulturveranstaltungen besuchen kann. Okay, die wird es sowieso bald nicht mehr geben, da wir ja sparen müssen. Aber die Reste, sind dann nur noch von einigen Wenigen besuchbar. Vom Essen ganz abgesehen, was viele Bürger sich in diesem Land von den TAFELN erbetteln müssen. Das soll dann eine Bürgerexistenz sein? Sicherlich. Man existiert! Mehr nicht! Und das will Gauck?

Ich setze große Hoffnungen auf die nachwachsende Generation - dass sie aus diesem phasenweise negativen Nationalismus, also unbedingt kein Deutscher sein zu wollen, etwas Besseres macht. Er setzt Hoffnung auf die junge Generation. Es wird eine Generation sein, die ihren Platz im Leben nicht finden wird. Eine Generation, die keinen richtigen Beruf erlernen kann, die sich dann von einem Zeitarbeitsvertrag zum nächsten hangeln muss, wenn sie überhaupt jemals in den Genuss eines unbefristeten Arbeitsvertrages kommt. Welche Hoffnungen will er mit dieser Generation verbinden? Einer Generation, die ihre Nase an den Fenstern des Konsums platt drückt und ihn dann einfach stiehlt? Eine Generation, die einen positiven Nationalismus, was immer das sei entwickeln soll? Das geht wohl nicht. Sie werden Hass entwickeln. Und nur das. 

Negativer Nationalismus - positiver Nationalismus. Herr Gauck, Nationalismus ist Nationalismus! Er engt ein, er grenzt aus. Nationalismus ist eine Bindekraft für große Gruppen, die sich gegenüber anderen abgrenzt - eigentlich nach außen. Da aber alle Länder der Welt mit vielen Nationalitäten gesegnet sind, grenzt man sich auch nach Innen ab. Das Wort Nationalismus gibt es nicht in der negativen oder positiven Form. Es steht für sich allein als Begriffsbestimmung. Wir Deutschen haben es nicht wegen der Weltkriege schwerer mit diesem Wort als andere. Wir haben es schwerer, weil es eine deutsche Nation in dem Sinne selten gab. Es gab immer die deutsche Kleinstaaterei. Deutschland entstand nur durch Blut und Eisen. Und heutzutage gibt es wieder die deutsche Kleinstaaterei. Frankreich war schon im Mittelalter anderes organisiert wie Deutschland. England war ein großes Imperium. Das sind ganz andere Voraussetzungen, um national - nicht nationalistisch - zu denken. Die USA waren und sind ein Einwanderungsland, deshalb fühlen sich die Menschen dort vor allem erst einmal als Amerikaner. Das ließe sich fortsetzen. Und jetzt? Worauf sollten wir stolz sein? Dass wir wieder der Welt unseren Stempel aufdrücken? Das in Europa wieder mehr deutsch gesprochen wird? Ist es das Herr Gauck? Und soll das nach ihrer Lesart positiver Nationalismus sein? Ich schäme mich z.B. vor den südlichen Euroländern wegen unserer Politik. Ich bin wirklich nicht stolz darauf, dass unser Land der Vorreiter des Lohndumpings wurde, den größten Niedriglohnsektor in Europa hat, das dämlichste Bildungssystem ... Soll ich darauf stolz sein? Nur weil ich zufällig in Deutschland lebe? Das soll reichen, um auf ein Land stolz zu sein? Damit ich auf Deutschland stolz sein kann, das muss ich dieses Land erst noch bei mir erarbeiten. Von selbst läuft das nicht. Wenn sie das anders sehen, Herr Gauck, ist das ihre Sache. Das spricht nur von Obrigkeitshörigkeit und ganz wenig Erwartungen. Sorry.

Ein Herr Gauck ist mir gar zu simpel, als dass er mich als Bundespräsident vertreten könnte.


Dazu auch: Wendiger Pastor

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