Samstag, 17. März 2012

Geschichte für Ahnungslose

Der Leipziger Oberbürgermeister - aus dem Westen stammend, studierter Theologe - hat  Plaketten an verschiedene Leipziger Häuser anbringen lassen, so z.B. an die Nikolaikirche und an die Runde Ecke, wo früher die Staatssicherheit zu Hause war. Diese Häuser sind jetzt Kulturerbe! Damit verbunden meinte er sinngemäß, dass an die ersten Proteste erinnert werden sollte, wo Leipziger ihre Ausreise aus der DDR gefordert hätten.

Da hat er wohl etwas durcheinandergebracht. Die meisten anfänglichen Proteste standen unter dem Banner "Wir bleiben hier", abgesehen von der ersten.

Die Montagsdemos hatten andere Zielstellungen. Die Plakate und Sprechchöre wollten einen andere DDR, eine demokratischere. 

In den Betrieben gab es Diskussionsrunden. Man wollte z.B. keine durch die SED eingesetzten Betriebsdirektoren, sondern - das Schlagwort dieser Zeit - legitimierte und zwar vor der Betriebsbelegschaft. 

Es fanden sich Hausgemeinschaften zusammen, die gemeinsam Häuser übernehmen und renovieren wollten, als Gemeinschaftseigentum.

Die Menschen wollten einfach nur mitreden in ihrem Umfeld, eine Demokratie von unten. Sie wollten im wahrsten Sinne - Demokratie. 

Es wurde in dieser Zeit der Montagsdemos nicht von Bananen gesprochen, sondern von dem Aufbau der Demokratie. Es ging nicht um Autos, sondern um die Verwirklichung von Ideen. 

Überall fanden sich Menschen zusammen - auch im Leipziger Gewandhaus - um darüber zu diskutieren, welche Schritte eingeleitet werden sollten, um die DDR zu einen besseren Staat zu machen.

Ich arbeitete z.B. in einen Kreis mit, der sich um die musische und künstlerische Erziehung in den Schulen kümmerte. Wir machten uns Gedanken, um den - DDR-deutsch - allseitig gebildeten Menschen, den wir in unseren Diskussionen und erarbeiteten Programmen abbildeten. 

Kein Wort fiel in dieser damaligen fruchtbaren Zeit der Ideen über die Wiedervereinigung. 

Das es dann ganz anders kam, ging ganz schnell. In Dresden jubelte man Kohl wie verrückt zu. Alles war gelaufen. Am Rande der Demos verteilten CDU und NPD/Republikaner Propagandaschriften. Aus! Vorbei!

Wenn ich zurückdenke, glaube ich nicht, dass irgendjemand mit klarem Verstand das haben wollte, was wir dann bekommen haben. Sicherlich gibt es immer welche, die an nichts anderes denken, als an Konsum und die die jetzige Gesellschaft als Himmelreich empfinden und es nur leid sind, nicht so richtig in den Konsumrausch zu verfallen, weil sie nicht mehr das nötige Kleingeld dafür haben. Sicherlich. Das ist wahr.

Aber unser Oberbürgermeister ist nur auf der Seite derer, die Bananen wollten und suggeriert den Nachwachsenden ein völlig falsches Bild der damaligen Zeit. So erzieht man Menschen auf BILD-Niveau. 

Nein, kein Plakat forderte im September/Oktober 1989 ein einig Vaterland, nicht in Leipzig. Wir sind Lichtjahre von dem entfernt, was damals gewollt war. Lichtjahre von den Forderungen damals entfernt.


PS: Kurze Frage: Welcher Unternehmensboss ist vor seiner Belegschaft legitimiert?