Montag, 21. Mai 2012

Albanien - ein weißer Fleck auf der Landkarte


Und dieser Fleck wurde mit Informationen nicht ganz gefüllt. Ich kam mit mehr Fragen aus Albanien zurück, als ich hingefahren bin. Andere Fragen, die sich mir stellten, als ich eine Rundreise Südalbanien mit etwa Mittel Albanien absolvierte.

Albanien war abgeschlossen. Enver Hodscha, der albanische Machthaber, war der letzte Stalinist, der sich von allen anderen, dem damaligen sozialistischen Lager angehörenden Ländern, verraten fühlte. Er war derjenige, der die Flagge des "Kommunismus" als einziger hochhielt. Es ist hier müßig zu sagen, dass das, was dort als Kommunismus bezeichnet wurde, keiner war. Alle - auch Kampfgefährten - die nicht so wollten wie er, die andere Meinungen vertraten wurden ermordet, sagte man uns. Ich kann das nicht nachprüfen und übernehme das mal so. 

Interessant ist, was aus diesem Land 20 Jahre nach der Wende - die wird auch dort Wende genannt - geworden ist. Aller Orten tönt der Ruf: Wir sind jetzt frei.

Gut. Das kann ich verstehen. Nur, bei allem Verständnis, Freiheit an sich ist kein Wert, wenn Freiheit nicht so untersetzt ist, dass man auch in Freiheit LEBEN kann. 

Freiheit wird in Albanien - mal ganz platt gesagt - so verstanden: Mercedes und Häuschen mit Werkstatt, Laden oder Fremdenzimmer. Sehen wir, was daraus geworden ist. 

Vorerst noch einige Worte über das damalige Wirtschaften. Albanien hat unter Hodscha eine Schwer- und Leichtindustrie aufgebaut. Man tat viel, dass die Bodenerosion gestoppt werden konnte. Als sogenannte Jugendobjekte wurde viel Land terrassiert. Auf den Terrassen wurden Obstbäume, Zitrusbäume und Olivenbäume angepflanzt. 

Das war der Ausgangspunkt. Dann kam die Wende und - das ist ja das Mandra des Kapitalismus - alles wurde privatisiert mit ganz fatalen Folgen. In der Landwirtschaft wurde der Boden aufgeteilt in handtuchgroße Felderchen, wo Mensch davon nicht leben, aber auch nicht sterben kann. Produziert wird vor allem für den Eigenbedarf mit ein bisschen Überhang zum Verkauf. Die Terrassen sind zwischenzeitlich verkommen und die Bodenerosion setzt sich fort, weil sich niemand mehr dafür verantwortlich fühlt. Von den Obst- und Zitrusbäumen ist nichts mehr zu sehen. Sie sind verschwunden - wohin auch immer. Nur die pflegeleichten Olivenbäume haben Hodscha überlebt. Das Land ist fast völlig deindustrialisiert. Es gibt ein paar letzte Reste von Kleinindustrie, die nicht der Rede wert sind.

Auf die Frage, wovon denn die Menschen eigentlich lebten, bekam unsere Reisegruppe keine richtige Antwort.

Und da kommen wir zum albanischen Traum des Häuschens usw. 

Woher das Geld nehmen und nicht stehlen. Der Zins beträgt 15%. Angeblich haben die Familienmitglieder, die im Ausland leben, soviel gespart, dass sie den in Albanien verbliebenen Familienteilen soviel Geld zur Verfügung stellen können, dass diese Häuser, Hotels und Restaurants erwerben bzw. bauen können.

Ich habe in meinem Leben noch nie soviele Hotels gesehen, wie in Albanien. Hotel auf Hotel, fertig, halbfertig, halb schon wieder Ruine, schwarz gebaut, Landschaft zugebaut, scheußlich anzusehen. Im Zuge der Hotels gibt es so viele Restaurants und Cafés, wie ich auch noch nirgends in der Welt gesehen habe. In Sarande z.B. gibt es mehr Hotelbetten als benutzbarer Strand überhaupt da ist, der außerdem noch dreckig und nicht einladend ist. Genau in dieser Stadt - und nicht nur dort, Sarande steht nur stellvertretend für alle Städte - gibt es so viele Cafés und Restaurants mit genau den gleichen Speisen: Fastfood. Man geht die Straße entlang: Fastfood - Fastfood - Fastfood - und nichts anderes. In den Cafés gibt es nur Café und Bier und Schnaps. Das war's. Kein Gebäckstückchen, kein nichts, gar nichts. 

Ich habe viel darüber nachgedacht, was das alles soll, da Albanien seinen Tourismus als Standbein entwickeln will. Mal angenommen, ich will als Tourist nach Saranda. Zuerst habe ich einige Mühe, überhaupt dorthin zu gelangen. Hohe Fahrkünste sollte ich schon bei den schlechten Straßen mitbringen, wo 30 km/h schon schnelles Fahren bedeutet. Dann bin ich vielleicht noch nicht ganz entnervt in Saranda angekommen. Wenn es nach den Intensionen der Albaner gehen würde, müssten nun die Hotelzimmer gut gefüllt sein. Okay, ich bekomme noch ein Zimmer, aber an den Strand kann ich nicht gehen, da nur ein paar winzige Stückchen am Wasserrand noch nicht be- oder überbaut sind. Diese winzigen Stückchen sind außerdem übersät mit Plastikflaschen, Zigarettenstummel und Hundekacke. Bei bewegter See oder gar - wie wir erlebt - Regen, wogt der Schmutz im Wasser ca. 1 m breit gegen den Strand. Ein Flaschenrückgabesystem gibt es nicht und Abfallbehälter auch nicht. Aber vielleicht bin ich hungrig. Dann sollte ich schon ein Fan von Mikrowellenessen sein. Pizza oder Pasta - sonst nix. 

Zurück zu den Auslandsalbanern. Wir haben eine Familie kennengelernt, die ein 5-stöckiges Hotel gekauft hat. Der 1. Stock ist fertig, die anderen sind im Rohbau. Der Albaner war Schuster, ist nach Deutschland gegangen, da war natürlich nichts mit Schuster. Danach hat er in einer Autowerkstatt gearbeitet, dann in der Gastronomie als Koch. Also, kein gelernter Koch. Nun lasse jeder seine Fantasie walten, woher dieser Mann legal sein Geld zusammengekratzt haben soll für ein großes Hotel, bei 15-prozentigen Kreditzinsen. Das Essen bei ihm war auch nicht sehr schmackhaft - ich schätze die Mikrowelle war im Einsatz. 

Welche Touristen sollen eigentlich nach Albanien kommen? Das ist doch hier die Frage. Zur Zeit kommen vor allem Albaner aus allen heutigen Ländern des damaligen Jugoslawiens. Mehr nicht.

Ein Land im Umbruch. Ein Land, wo jeder nur schnelles Geld machen will. Nichts Nachhaltiges wird entwickelt. Ein Land der Hotels und Cafés. Kann so etwas auf die Dauer funktionieren?

Die Menschen scheinen dort sehr arm zu sein. Die Sozialhilfe beträgt umgerechnet 40 EUR im Monat. Wir haben nicht ermitteln können, was Lebensmittel wirklich kosten. Gesagt wurde uns, dass diese zwar billiger als in Deutschland, aber nun auch nicht immens billiger wären. Das Benzin ist auch nicht so viel billiger als bei uns. Immerhin werden auch 1,30 EUR umgerechnet fällig. Der Autoverkehr in Tirana ist übersichtlich. Die Mehrheit der Menschen fährt Bus. Es gibt sehr viele Straßenhändler und viele kaufen Zigaretten nicht schachtelweise sondern einzeln. Das ist immer ein Indiz großer Armut, da die Zigaretten für unsere Verhältnisse eigentlich spottbillig sind. Albanien hat früher seine eigenen Zigaretten produziert. Auch diese Industrie ist weg. Es gibt nur amerikanische Zigaretten.

Was man als normaler kleiner Bürger, falls man wirklich so etwas wie Arbeit hat, verdient, konnte nicht ermittelt werden. Lehrkräfte in Universitäten erhalten umgerechnet ca. 800 bis 1000 EUR im Monat. 

Unis: Es gibt in Tirana sagenhaft viele private Unis. Die staatliche Uni hat einen Numerus clausus, weil die Infrastruktur fehlt. Es gibt ein Punktesystem. Wer keinen Studienplatz an der staatlichen Uni erhält, kann an eine private Uni gehen, falls er denn 3000 bis 6000 EUR im Studienjahr an Gebühren leisten kann. Ergo gibt es Studienplätze nur für die Mafia- und die Spekulantenkinder. Man kann dort sein Diplom auch schon mal bezahlen, ohne die Regelstudienzeit absolvieren zu müssen. Priorität: zügelloses Profitdenken!

Der Kitt, der dort alles noch zusammenhält ist der Nationalismus. Ich habe eigentlich niemanden gefunden, den man mag. Buhmann Nr. 1 sind die Griechen. Man freut sich zwar über das Geld, was aus Griechenland z.B. in die orthodoxen Kirchen fließt, aber man ist wahnsinnig empört, dass ein Grieche Oberhaupt der albanischen orthodoxen Kirche ist, obwohl in Albanien viele Griechen leben. Man kauft diesen Griechen außerdem ihre Herkunft nicht ab. Die Zahl dieser Minderheit soll gedrückt werden. Nordalbaner mag man eigentlich auch nicht und Kosovo-Albaner - nunja, sind eben doch keine richtigen Albaner. Man mag dann wohl eher den albanischen Stamm, der sich in Italien vor Zeiten mal angesiedelt hat.

Ihr Volksheld Skanderbeg wird hochgehalten. Er ist der Kämpfer gegen die bösen Osmanen. Dabei haben die Osmanen "nur" eine Steuerherrschaft in Albanien gehabt. Es wurden Beys eingesetzt, denen das Steuerrecht verkauft wurde und ein Teil mussten diese Beys dann an die Hohe Pforte abführen. Skanderbeg war so ein Bey. Ich denke, dass er es einfach leid war, einen Teil seiner Einnahmen an die Osmanen abzuführen. Er wollte sicherlich alles selbst behalten. Das klingt jetzt zwar nicht sehr heldenhaft, aber wird der Wahrheit wohl am nächsten kommen. Skanderbeg gehörte einer wohlhabenden Familie an. Er war das "Kopfgeld", was nicht muslimische Familien an die Hohe Pforte zu leisten hatten. Die erstgeborenen Söhne mussten dorthin geschickt werden und wurden zu Janitscharen ausgebildet. Wenn sie intelligent waren, konnten sie den Titel Bey oder Pascha erhalten. Als Skanderbeg zurück in seine Heimat kam, sagte er sich von den Osmanen los, nahm den orthodoxen Glauben wieder an und tötete in seinem Einflussbereich alle, die muslimisch bleiben wollten. Er wurde genauso wie heute schon unter Hodscha verehrt und das Mueum für ihn wurde zu Hodschas Zeiten gegründet und hat die Zeitenwende unverändert überdauert. 

Albanien - ein Land in Europa, was sehr starke Drittweltzüge aufweist. Die totalen Verlierer in dieser Gesellschaft sind die Romas. Viele von ihnen leben auf der Straße: Frauen, Kinder, Babys ... Schlimm ist es, Säuglinge im Straßendreck dahinvegetieren zu sehen. Verlierer dieser Gesellschaft von Spekulanten sind außerdem Behinderte. Wir haben viele Bettler am Straßenrand gesehen, denen man die Trisomie oder die geistige Behinderung ansah. Ich denke, dass ein Land des schnellen Geldes, der Hotels und Restaurants - mehr gibt es ja dort nicht - für diese Menschen keine "Verwendung" findet. 

Albanien - ein trauriges Land. Für viele oberflächliche Mitreisende aus unserer Gruppe ein prosperierendes Land. Nur - kann man ein neues Land nur mit Hotels aufbauen? Kann ein Land sich entwickeln, wenn nur auf Investitoren von außen gewartet wird, die aus irgendwelchen Gründen bis jetzt einen riesengroßen Bogen um Albanien herum geschlagen haben? Und was ist eine Freiheit wert, die Armut en masse gebiert? Die den Menschen ein Leben in Würde verwehrt?