Donnerstag, 31. Mai 2012

Uns geht es so richtig gut

Dieser Überschriftensatz wurde mehrmals sehr bekräftigend gesagt. Uns geht es wirklich soooo RICHTIG gut.

Das sagte mir ein junger Mann, der Apotheker ist, als ich meine Medikamente auf Rezept abholte. Sie waren teurer - trotz Rezept - als ich dachte. Ich meinte irgendwie so schlicht: Gut das ich nicht arm bin! Ich habe dabei in der Erinnerung zum Medikamentenzuzahlungspreis noch die IGL-Leistung addiert, die dann aber doch herausgefunden hat, dass ich mir nicht nur etwas einbilde, die Ärzte wirklich kein Geld von den KK rauspressen wollen, sondern, dass ich definitiv nicht gesund bin. Und die Medikamentenzuzahlung kommt nun aller Vierteljahre plus Eintrittsgebühr.

Irritiert schaute ich den jungen Mann an: "Geht es uns wirklich so unverschämt gut?"

"Ja, schon", meinte der, "unsere Regierung hat das alles mit der Zuzahlung und den Freibeträgen clever gelöst."

Clevere Lösung. Clever schon. Man kann auch alternativlos dazu sagen - zumindest aus der Sicht der Herrschenden. Clever ist aber nicht gleichbedeutend mit menschlich. Und ich lege schon Wert darauf, in einem menschlichen Staat leben zu müssen. Das mag naiv sein - gebe ich zu. Nur, was habe ich von einem cleveren Staat? Was heißt "clever sein"? Zu "clever" gibt es folgende Synonyme: listig, ausgefuchst, schlau, einfallsreich, ausgekocht, findig, diplomatisch, gewitzt, geschäftstüchtig, klug, lebenstüchtig, pfiffig und raffiniert. Das alles sind Synonyme, die ich mit einem sozialen Staat NICHT in Verbindung bringen kann. Und das Synonym "klug" trifft das Wort "clever" nicht ganz. 

"Wussten sie eigentlich, dass arme Leute die Medikamente erst Vorfinanzierungen müssen?"

"Ist doch kein Problem. Entweder man sagt es vorher (was meines Wissens NICHT geht) oder man sammelt alle Quittungen. Und es sage mir doch niemand, dass man nicht 60 EUR (woher er die hat, weiß ich nicht) im Jahr zahlen kann, auch mit H4, falls sie das Geld nicht in Alkohol umsetzen."

Ach ja, da ist wieder das üble, hetzerische und ausgrenzende Moment: arme Menschen qualmen und saufen und kommen nur deshalb nicht mit dem Geld, was ihnen zugebilligt wird, über die Runden.

"Also ich käme nicht mit H4 über die Runden."

"Dann schauen Sie doch mal, wie es anderen geht. Da geht es uns doch so richtig, richtig gut."

Bums, da war es wieder: das Totschlagargument! Vergleiche dich mit Afrika, vergleiche dich mit Lateinamerika, vergleiche dich mit Griechenland und es fänden sich sicherlich noch viele anderen Länder.

Okay! Warum sollte ich mich aber mit Afrika vergleichen? Sollte ich mich als Deutschland nicht lieber mit Norwegen vergleichen? Sind nicht die skandinavischen Länder näherliegend, um einen Vergleich zu starten? Sind deren Wirtschaftsleistungen nicht eher mit den unsrigen zu vergleichen als die mit dem Sudan oder Tschad?

"Junger Mann, wenn Sie nicht kapieren, wie es hier zugeht, werden Sie ganz schön dumm aus der Wäsche schauen, wenn Sie älter werden."

Aber Diskussion beiseite. Ist es nicht schlimm, dass junge Leute so gar keine Ahnung haben, in was für einen Staat sie leben? Meinen sie, sie könnten der Zeitung glauben? Einer Frau Merkel? Geht es uns so richtig gut, wenn immer mehr Menschen in die Armut rutschen? Der Reichtum unseres Landes durch Niedriglöhner erwirtschaftet wird, die absolut nichts davon haben?

Sicherlich, der junge Mann quatscht die PR der Grauen Eminenzen nach. Sicherlich geht es uns viel besser als einer Arbeiterin China, einem Bauern in Indien oder gar Familien in der Sahelzone. Das stimmt schon. Nur, müssen wir erst auf die Stufe der 3. Welt sinken, um zu merken, wie wir ausgeplündert werden?

Schade, er ist ein freundlicher, junger Mann, sehr engagiert als Apotheker ... nur er lebt in einer anderen Welt als die meisten seiner Mitmenschen. Gewollt. Und nicht hinterfragt. 

Das lässt mich vor unserer Zukunft erschauern.