Montag, 6. August 2012

Ach sind wir wieder mal scheinheilig

Heute Morgen habe ich "Hauptsache billig" gesehen. Muss eine Wiederholung sein, ist aber immer noch genauso aktuell. Es geht um Gemüse bei Lidl und Co. und um die Arbeitsbedingungen derer, die es uns ermöglichen Gemüse zu kaufen. Ich konnte es mir nicht bis zum Schluss anschauen, weil mein Adrenalinspiegel wieder bedenklich in die Höhe schoss.

Scheinheilig werden wir Verbraucher zu den eigentlichen Sündenböcken gestempelt. Nur weil wir billig einkaufen wollen, müssen andere Menschen noch billiger produzieren.

Warum wollen wir billig einkaufen? Die meisten von uns wollen nicht, die müssen. Im Zeitalter von HartzIV, Leiharbeit, Niedriglohn und Aufstockern haben Millionen Menschen kein Geld, sich vielleicht bei einem Bauern direkt eindecken zu können. Mal ganz davon abgesehen, dass ihnen das Geld fehlt, überhaupt dorthin zu kommen. Millionen von Menschen fehlt das Geld, um sich überhaupt kontinuierlich mit Obst und Gemüse eindecken zu können.

In Spanien ist deshalb die Misere noch größer. Wir Deutschen haben zu wenig Geld und die Produzenten müssen das natürlich ausbaden. Denen werden die Preise diktiert von den Großeinkäufern für die Discounter. Damit die Produzenten überhaupt überleben können, müssen wieder andere Menschen dran glauben. In der Regel sind das Afrikaner aus Nord und Süd, Osteuropäer und im Zuge der Bankenkrise auch vermehrt Spanier selbst. Diese Menschen sind Tagelöhner. Sie werden tageweise für fast nichts angeheuert, um zu ernten. Die Bedingungen werden immer schlechter, weil immer mehr Menschen in die Armut fallen und dringend auf ein paar Euros angewiesen sind. Solche Menschen arbeiten für jeden Lohn, auch wenn er noch so niedrig ist.

Also noch einmal von vorn. Deutschland brüstet sich damit, den größten Niedriglohnsektor Europas geschaffen zu haben, um dadurch wettbewerbsfähig wie noch nie in der Welt geworden zu sein. Die Beschäftigten im größten Niedriglohnsektor Europas haben kaum Geld, ihre Bedürfnisse an Nahrung realisieren zu können. Discounter wollen aber verkaufen und wie können sie das? Über den Preis. Da wir wenig Geld in der Masse zur Verfügung haben, muss der Preis niedrig sein, damit der Handel sein Zeugs losbekommt und wieder einkaufen gehen kann. Unser Niedriglohnsektor initiiert eine Abwärtsspirale in anderen Ländern und Kontinenten, eine Abwärtsspirale bei Produzenten und letztendlich bei Arbeitskräften. Die sind die letzten in der Kette und die beißen dann die Hunde. 

Uns Konsumenten wurde vom Moderator dieser Sendung vorgeworfen, dass sich nichts ändern würde, weil wir nicht auf die Arbeitsbedingungen dort schauen, wo unser Gemüse produziert wird. Wir könnten ja auch den Kauf verweigern.

Wie scheinheilig ist das denn!

Spielen wir das mal durch. Wir kaufen z.B. keinen spanischen Paprika mehr, weil uns die Arbeitsbedingungen dort nich gefallen. Was passiert? Verbessern sich nun die Arbeitsbedingungen der Arbeiter dort? Haben kleine Gemüsebauern nun ein besseres Einkommen, weil die Einkäufer ihnen bessere Preise bieten, damit der Paprika wieder gekauft wird? Schöne heile Welt. 

Die Antwort in dieser Gesellschaftsordnung, die auf Höchstprofit basiert, ist ganz einfach. Der Paprika wird gar nicht mehr dort eingekauft. Die Gemüsebauern können ihre Betriebe schließen. Die Arbeitskräfte haben nun nicht mal mehr die paar Cent Einkommen und werden in der Folge sicherlich verjagt werden. 

Die Karawane der Einkäufer zieht in andere Regionen oder Länder weiter. Es findet sich immer jemand, der noch billiger ist oder genauso billig wie der Vorgänger vorher. Ausgangspunkt ist, dass die Ware verkauft werden muss und bei Niedriglöhnern an den Mann/Frau gebracht werden muss.

Unser von Rot-Grün geschaffener Niedriglohnsektor verschärft die Armut in der Welt. Und dieser größte Niedriglohnsektor soll jetzt auch zwingend auf andere EU-Länder ausgeweitet werden. Die Spirale nach untern soll sich schneller drehen. 

Nein, wir Konsumenten sind machtlos dagegen. Ohne einen Systemwechsel kann man keine Änderung erreichen. Es ist egal, ob wir ein Produkt boykottieren oder nicht. Vielleicht gibt es mal kurzzeitig ein Gewinn dadurch, solange, bis wir es vergessen haben und dann ist alles so wie es immer war. Das ist das Gesetz des Kapitalismus. 

Sicherlich ist meine Handlungskette sehr vereinfacht dargestellt, aber letztendlich funktioniert es in groben Zügen so. Nur die Scheinheiligkeit und das Sklaventum unserer Medien verschleiern gern die Funktionsweise und wenn Staaten abstürzen, sind die dann eben selbst dran schuld. So einfach ist das dann. Keine Zusammenhänge werden deutlich gemacht, Zusammenhänge, die auch in Deutschland ihren Ursprung haben.