Donnerstag, 23. August 2012

Da irrt er

Ich habe erst heute Volker Pispers " Jetzt sagen se nicht, es ist schon wieder Dienstag" gehört. Ich schätze Volker Pispers sehr, nur - ich denke, sein Ansatz ist dieses Mal falsch.


Es geht um die Medien und den Journalismus. Er meint, dass die Zeitungen eigentlich teurer sein müssten, aber da würde sie kein Mensch kaufen. Deshalb schalten sie Werbung und: Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe." Letzteres unterstreiche ich. 

Nur, dass bei den Zeitungskäufern wieder fest zu machen, ist falsch. Da geistert diese Geiz-ist-geil-Mentalität durch den Beitrag. Da wird unterstellt, nur weil wir im Internet kostenlos Informationen erhalten, nur deshalb und wirklich nur deshalb, würden die Zeitungen ihren eigentlichen Auftrag nicht erfüllen können und nur deshalb wären sie auf Werbeeinnahmen angewiesen und nur deshalb, ... siehe oben ... Wessen Brot ... Uns Menschen wird unterstellt, dass wir nur noch reißerische Überschriften und Beiträge lesen würden und nur noch solche Zeitungen kauften.

Sicherlich, bei manchen Menschen ist das so. Nur, ist das der Grund der Krise der Zeitung? Ist das der Grund, warum immer weniger Zeitungen gekauft werden?

Hier irrt m.E. Volker Pispers und sieht das Ganze zu oberflächlich.

1. Reden wir über die Geiz-ist-geil-Mentalität. Diese Mentalität kann man nur haben, wenn man zu der Mittelschicht gehört, die noch Einnahmen hat, nicht die gefühlte Mittelschicht, sondern die Wirkliche. Millionen von Deutschen haben gar keine andere Möglichkeit, als geizig zu sein. Sie werden dazu gezwungen. Bei Stundenlöhnen von 3,50 EUR und ein bisschen mehr, was soll bitteschön die Frau und der Mann anders machen? Millionen Deutsche sind Hartz-IV-Empfänger, Aufstocker, Armutsrentner oder fallen gar überhaupt durch das System. Können diese sich etwa eine Zeitung leisten, auch wenn sie es wollten? Ist ihnen nicht das Brötchen lieber, als der SPIEGEL*?

2. Die JUNGE WELT bietet andere Informationen, hat sich nicht an das 1-Besitzer-Prozent angebiedert. Sie erwirtschaften wenig Gewinn und können ihre Journalisten gerade so bezahlen. Das ist nicht schön, zeigt aber, dass es geht, wenn man will.

3. Warum soll ich mir eine Zeitung kaufen, die von Reuters abschreibt ohne eigene Meinung? Warum soll ich mir eine Zeitung kaufen, die rassistisches Gedankengut verbreitet, die Griechenbashing betreibt, Muslime verachtet und Langzeitlose? Warum sollte ich die noch mit meinem Geld unterstützen?

Warum soll ich mir eine Zeitung kaufen, die neoliberales Zeugs verklickert? Warum eine Zeitung kaufen, die mich nur als ökonomischen Faktor wahrnimmt, mich unter Verwertungsprinzipien betrachtet und nicht als Mensch, eine Zeitung, die nicht hinter dem Grundgesetz steht, sondern alles hochleben lässt, was Otto Normalo schädigt? Warum sollte ich?

Warum soll ich eine Zeitung kaufen, die Kriegspropaganda betreibt? Andere Staaten verunglimpft, nur weil sie anders denken, Politiker anderer Staaten falsch oder nur so auszugsweise zitiert, wie es in ihren Kram passt? Warum, frage ich mich, warum soll ich das Zeugs gar noch kaufen?

Wieso unterstellt man, dass ALLE nur noch reißerische Schlagzeilen lesen wollen? Gibt es nicht genügend andere, die gerade das kritisieren? Gibt es nicht genügend Menschen, die wirklich informiert werden wollen, umfassend und vor allem kritisch?

Gibt es nicht genügend Menschen, die das Wort Reformen und alternativlos hinterfragen und den Finger auf die Wunden unserer Fast-nicht-mehr-Demokratie legen?

Wieso sollten all diese Menschen, die merken, dass sie belogen und betrogen werden, eine Zeitung des Großkapitals kaufen? Einer Klasse, der sie gar nicht angehören?

Dass das Internet so eine große und eine immer größere Rolle spielt, hat nichts oder sehr wenig mit kostenlos zu tun. Das hat etwas mit dem Informationshunger, der durch die Zeitungen NICHT gestillt wird, zu tun.

Wieso beginnen die Medien nicht beim Fernsehen, beim Radio das Rad zu drehen? Wir sind alle mehr oder weniger Zwangsmitglieder der GEZ. Also diese Medien bekommen Geld von UNS, könnten somit auch ihre Dokus und Nachrichten so gestalten, dass WIR aufgeklärt werden. Sie machen es nicht. Sie verbraten unser Geld, um Inhalte von Bertelsmann und Co an den Mann/Frau zu bekommen - um uns zu verbilden. Sie machen Hofberichterstattung, nur dass wir keinen Kaiser oder König haben, sondern eine Mutti, die uns wie kleine Kinder behandelt. Sie könnten endlich mal die Regierung massiv kritisieren, da diese unterirdisch ist, nicht lernen will, nicht hören will, sich nicht weiterbilden will und nur ihre eigene im Weltmaßstab unmaßgebliche Meinung durchdrücken will. Ach was sage ich: Ihre doch wohl nicht, sondern die Meinung einer Friede Springer oder Liz Mohn. Sie selbst haben sicherlich nicht mal eine eigene Meinung. Sie sind in meinen Augen nur ungebildete Emporkömmlinge, die froh sind, am Katzentisch der wirklich Reichen zu sitzen und diesen Platz keinesfalls einbüßen wollen, da der lukrativ ist. Man verbiegt sich zwar bis zur Unkenntlichkeit, aber was solls, Hauptsache dabei.

Wundert es noch jemand, dass somit diese Medien an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen?

Ich schätze Volker Pispers, sogar sehr. Nur - was hat ihn geritten, den Ausgangpunkt seiner sonst  richtigen Betrachtung so falsch zu setzen? Einem Schramm wäre das nie passiert.

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* Also SPIEGEL war nur als Beispiel gedacht. Er ist heute ja auch nicht mehr das, was er mal wahr und mir wäre das Geld wirklich zu schade für dieses herabgesunkene Magazin, was eben auch nur das schreibt, was alle schreiben.