Montag, 27. August 2012

Wann habe wir endlich ausgeträumt

Kürzlich gab ich in einem Post den O-Ton eines armen Menschens wieder. Deutschland wird uns nicht im Stich lassen, tönte der.

Da frage ich mich dann, welches Deutschland meinte dieser Mann?

Doch nicht das Jetzige.

Die "Welt am Sonntag" fabulierte davon, dass wir uns - damit sind wir kleinen Leute gemeint - am Riemen reißen sollten, damit wir nicht hinter dem zurückfallen was ist und unsere Erfolge verschenken, die wir jetzt erreicht haben.

Die Worte waren an uns Deppen gerichtet, meinten uns aber eigentlich nicht. 

Ich frage nur mal so am Rande: Welche Erfolge haben wir denn erreicht? Wertet die "Welt am Sonntag" millionen Arme, Verarmte als deutschen Erfolg? Meint die "Welt am Sonntag" vielleicht, dass die Abwertung von Berufserfahrungen, Qualifikationen von den Menschen ein deutscher Erfolg wäre? Oder meint sie, dass der deutsche Erfolg darin bestünde, Millionen von Menschen zu gängeln, ihnen hinterherzuspionieren, sie als Zwangsarbeiter zu verpflichten und deren Kinder kürzer als kurz zu halten? Oder ist es erhaltenswert, dass in Deutschland eine TAFEL nach der anderen aus dem Boden schießt, weil die Menschen kein Geld mehr haben, sich in den Supermärkten einzudecken? Ist es gar erhaltenswert, dass viele ihren sonstigen Bedarf nur noch in Sozialkaufhäusern decken können. Ist es das, was wir erhalten wollen? Ein deutscher Erfolg?

Okay, es ist ein deutscher Erfolg - ein Negativerfolg!

Müssen wir uns nun am Riemen reißen und unseren eigenen Untergang als Erfolg feiern? 

Welche Erfolge haben wir nicht zu verschenken - wir als Lieschen Müller und Hans Jedermann? Wo ist der Erfolg?

Heißt Erfolg haben nicht: Vorwärts kommen? Besser zu leben als die Generationen vorher?

Wir leben ja nicht mal besser als unsere Oma/Opa-Generation. Und das ist es, was wir schützen müssen/sollen? Deshalb sollten wir den Gürtel noch einmal enger schnallen?

Die "Welt am Sonntag" möchte z.B., dass das Rentenalter stetig erhöht wird. Warum sagt sie nicht, dass sie die Rente völlig abschaffen will? Und gleichzeitig auch noch das Gesundheitswesen, was eh schon abgespeckt worden ist. Alt zu werden, Krank zu werden, alles privates Risiko, was auch privat abgesichert sein muss. Wo kämen wir denn sonst hin. Auch Millionäre und Milliardäre werden alt und/oder krank. Haben wir sie schon mal jammern gehört, dass ihre Altersbezüge nicht reichen würden? Seht ihr? Nein! Sie machen nicht andere für unsere Gebrechen verantwortlich. Sie krempeln die Ärmel hoch und handeln! Alle sollten dem Nacheifern!?

Ist es ein Erfolg wieder im 19. Jahrundert aufzuwachen, so eines Morgens:  

Guten Morgen, hier spricht das 19. Jahrhundert mit Ihnen. Hoffentlich haben Sie gut geschlafen. Jetzt geht es anders herum. Arbeit von Morgengrauen bis zum dunkel werden. Pack, wofür seid ihr sonst da! Und eure vermaledeiten Kinder könnt ihr gleich mitbringen. Wir haben aus der 3.Welt genügend Erfahrungen mit Kinderarbeit. Wer sagt, dass es drei Welten geben muss. Habt ihr nicht auch Eine-Welt-Läden? Also jetzt üben wir - wir erleben EINE WELT. Die Welt von euch, abgelauscht in Indien, Mexico, Albanien, in Afrika, auf den Philippinen, in Tunesien, Ägypten ... Alle sind gleich, zumindest alle Euresgleichen. 

Für wen zahlt sich der "Exportweltmeister" aus? Für Otto Normalo? Viele der Produkte, die wir als "Made in Germany" verkaufen, sind überhaupt gar keine deutschen Produkte im strengen Sinne mehr, also sind bei deren Herstellung auch kaum Inländer beteiligt. Ist das ein Erfolg?

Ist es ein Erfolg, dass man kaum noch von einen Binnenmarkt in Deutschland sprechen kann?

Ist es ein Erfolg, dass hier der kleine Mittelstand ausgehungert wird?

Ist es ein Erfolg, dass viele Menschen in eine Scheinselbständigkeit gedrängt werden?

Ist es ein Erfolg, dass viele Menschen versuchen, mit i.d.R. hoffnungslosen Sachen einen Handel aufzuziehen?

Ist es ein Erfolg, dass - wie ich las - z.B. Unilever seine Arme-Käufer-Erfahrungen auf Europa ausdehen will, sicherlich dann auch auf Deutschland?

Ist es das, was schützenswert in Deutschland ist? Oder: Wie meinen "Welt am Sonntag"?

Eigentlich hat sich der Artikel doch nur an die Vermögenden gewandt, die wirklichen Vermögenden und nicht nur die gefühlten. Die haben viel zu verlieren. Wir Normalos in der Regel nicht mehr sehr viel.

Denkt nun Deutschland an seine Armen? Lässt es sie nicht in Stich? Oder wie? "Welt am Sonntag" schreibt nicht in den luftleeren Raum. Sie setzt sich auf eine sogenannte Agenda 2020, die schon länger herumgeistert. "Welt am Sonntag" ist auch ein Hampelmann der Besitzenden, wie die Regierung.

Da frage ich mich natürlich, welches Deutschland meinte dieser Mann? Meint er eins, was noch erstehen soll, im Sinne der NSU und Co.? Nur, das 3. Reich hat seine armen Leute auch in den Arbeitsdienst gesteckt, hat auch mit den Besitzenden gekungelt. Ohne die Besitzenden wäre es nie an die Macht gekommen. Das 3. Reich hat seine armen Leute auch asozial genannt und sie dementsprechend behandelt. Darüber sollte man sich mal kundig machen. Es gab lebensunwertes Leben im 3. Reiche und nicht nur "Deutschland über alles". Mit "Deutschland über alles", waren nicht die gesamten Deutschen gemeint. Wenn man nicht nach deren Defintion dazugehörte, hatte man - gelinde gesagt - schlechte Karten, beginnend bei der Ausgrenzung, endend mit dem Tod. Diese nationalistische Hoffnung kann doch keinesweg unsere Hoffnung sein. Das sollten alle diejenigen erkennen, die dieser nationalistischen Hoffnung nachhängen. Ihnen wird es keinen Deut damit besser gehen, da das Großkapital dort bleibt, wo es ist und das macht, was es bisher immer gemacht hat. 

Nur, ich vermute, irgendwann wird diese nationalistische Lösung leider über uns alle kommen und wir alle, ob wir wollen oder nicht, müssen sie ertragen. Für die einen wird dann Deutschland wie Phönix aus der Asche emporsteigen und für die anderen untergehen. Die anderen werden recht behalten, da aus solchen Stimmungen Deutschland NIE wie Phönix aus der Asche emporgestiegen ist. Geschichte wiederholt sich nicht deckungsleich, etwas anders, dennoch kommt hinten Ähnliches raus.