Mittwoch, 22. August 2012

Wollen wir in einer gerechteren Gesellschaft leben?

Ich weiß es nicht. Ich schon. Aber andere? Da bin ich mir nicht so sicher. 

Die DDR ist nicht nur an ihrer Wirtschaftspolitik und ihrer Gängelung von Menschen zugrunde gegangen. Sie ist auch durch uns selbst kaputt gegangen. Sehr viele Menschen missverstanden, dass die Betriebe ihnen gehörten. Sie schleppten sehr viel privat heraus. Es wurde gelogen, betrogen ... für kleine Vorteile. Sicherlich, die Konsumgüterproduktion war ein Graus, es gab zwar fast alles, man wusste nur nicht an welchem Ort und zu welcher Zeit. Das nervte sicherlich. Kein Fleischer kam je auf die Idee, dass er auch zum Geschäft einen Imbiss eröffnen könnte, obwohl man es ihnen ans Herz legte. Kein Bäcker wollte mal ein paar Stehtische oder Kaffee ausschenken, obwohl man ihn bat, das anzubieten. Wieso auch? Dienst am Kunden? Wir haben uns gegenseitig schlecht behandelt. Vor der Ladentheke war man Bittsteller. Warum? Kundenfreundlichkeit macht doch das Leben leichter. Aber man hatte Macht hinter der Ladentheke, weil man da Schweinelende gegen Fliesen eintauschen konnte. Oft waren die Fliesen auch geklaut, aus dem Betrieb, wo ein Verwandter z.B. arbeitete.

Er scheiterte auch daran, dass man Geld, was einen indirekt gezahlt wurde, lieber in der eigenen Hand haben wollte plus dessen, was indirekt gezahlt wurde durch die Subventionen von Wohnungen, Wasser, Strom, Grundnahrungsmittel, ohne zu begreifen, dass so etwas nicht möglich ist. 

Seit 1990 wurde das allen Ostdeutschen schmerzlich klar gemacht. 

Man wollte damals an den Stammtischen auch gerne Arbeitslose wieder haben, ohne zu begreifen, dass bei Öffnung dieser Schleuße, diese nicht wieder verschließbar ist. Den neuen Menschen, den man erziehen wollte, gab es nicht. Man scheiterte aus objektiven und vor allem auch aus subjektiven Gründen daran. Der Mensch blieb klein, eigennützig, egoistisch und gierig. Auch daran scheiterte der real existierende Sozialismus. Nicht mal heute begreifen das viele.

Nun könnte er heutzutage Fliesen en masse kaufen, ohne Bittsteller zu sein. Aber die meisten können es nicht, weil ihnen das Geld dafür fehlt. 

Und was sagen sie? (O-Ton) Deutschland wird uns nicht im Stich lassen. Da muss man doch wohl zweimal hinhören und danach denkt man immer noch, dass man sich verhört hat. Deutschland wird uns nicht im Stich lassen. Liebe Niedriglöhner, man hat euch schon im Stich gelassen.

Das ist die Hauptsache-Arbeit-Generation so um die 30/40. Die rackert und schuftet für nichts. Die verrichtet Sklavenarbeit  und meint, dass sie irgendeinen Aufstieg wohin auch immer schaffen werde. 

(O-Ton) Ich habe jetzt einen Führerschein gemacht und damit werde ich es schaffen. Was auch immer, sage ich dazu.

Der O-Toner wird es sicherlich schaffen, von einem befristeten Niedriglohnjob zum nächsten mit Stolz in der Brust, weil er arbeitet. Es lebe der neoliberale, protestantische Geist.

In der gleichen Gruppe schwadroniert man darüber, dass Reiche ihre Steuern außer Landes bringen. Nein, man schimpft nicht, man bewundert sie. Ich würde das auch so mache. Ich will auch keine Steuern zahlen.

Hoppla! Otto Normalo will keine Steuern zahlen und bewundert die reichen Steuerflüchtlinge. 

Will Otto Normalo keine Straßen in seiner Stadt? Will er keine Straßenbeleuchtung? Will er kein Schwimmbad, keine Bibliothek, keine Schulen, keine Lehrer, keine Kindergärten, niemanden, der ihm das Aufstockergeld zahlt? Will Otto Normalo keine Parks, keine Parkbänke, keine Spielplätze, keine bezahlbaren Mietwohnungen? Will Otto Normalo keine Stadt, die funktioniert, keine Straßenbahnen, Busse, die ihn von A nach B bringen?

Das es keine Steuergerechtigkeit in Deutschland gibt, steht dabei auf einen ganz anderem Blatt.

Bewundert Otto Normalo, dass andere, die es können, egoistisch raffen? Will er das auch? Will er ohne Bedenken gierig nur SEINE Geldbörse im Auge behalten?

Macht sich Otto Normalo klar, dass ohne Steuern kein öffentliches Leben funktioniert? 

Warum tritt er nicht lieber dafür ein, dass JEDER nach seinem Können Steuern abführt? Und warum tritt Otto Normalo nicht dafür ein, dass seine Steuergelder nicht in Prestigeobjekte verbraten werden?

Diese ganzen spießbürgerlichen Raffkes, gleich ob sie können oder nur wollen, sind der Tod für eine neue gerechtere Gesellschaft. Schlimm ist es, dass man sich diejenigen zum Vorbild nimmt, die kein Gewissen für soziale Zusammenhänge in der Gesellschaft haben, die kurz gesagt - ohne diese Zivilgesellschaft gut überleben können, vielleicht hinter Stacheldraht, kaschiert durch begrünte Wände und Wachpersonal, aber sie könnten. Man bräuchte nur noch ein paar Sklaven zum persönlichen Wohlbefinden. Und es ist noch schlimmer, das diese Allesbesitzer so asozial sind und so ein schlechtes Vorbild abgeben.

Ken Follett in "Sturz der Titanen" sagt das bei mir im eBook auf S. 116 so: "... Die Arbeiterklasse ist zahlreicher als die besitzende Schicht und sie ist stärker, denn die Besitzenden sind auf die Malocher angewiesen. Wir sorgen für ihr Essen, bauen ihnen ihre Villen und schneidern ihnen ihre Kleidung. Ohne uns müssten sie sterben. Sie können gar nichts tun, wenn wir sie nicht lassen. Vergiss das nie."

Sehr vielen ist das immer noch nicht klar, obwohl es doch vor unseren Augen klar sichtbar ist. 

Sind wir wirklich Lemminge, die mit denen in den Abgrund stürzen wollen?