Donnerstag, 20. September 2012

Kann man Gedanken lesen?

Das habe ich mich heute im Wartezimmer meiner Ärztin gefragt. 

Woher weiß z.B. eine Mitwarterin (ca. 60 Jahre als plus/minus), dass die Jugendlichen in ihrem Wohngebiet nur zu faul sind, um zu arbeiten?

Woher weiß sie, dass die alle keinen Schulabschluss haben?

Woher weiß sie, dass die anderen, die nicht arbeiten, alles faule Hunde sind?

Woher will sie wissen, dass man immer eine Arbeit findet, wenn man nur will.

Auf meine Antwort, dass ich auch nicht irgendwelchen Mist arbeiteten würde, den ich gar nicht will, kommt ein Kopfschütteln und die Antwort, dass sie wüsste, wovon sie spräche.

Ja, woher denn?

Vielleicht, indem sie von ihrem Balkon nach unten sieht? 

(Das kann sie natürlich, da sie soviel in ihre Wohnung (Anm.: die ihr gar nicht gehört, da eine Mietwohnung in Bankbesitz) investiert hat und nur deshalb nicht ausziehen will, weil sie eben soviel Geld in die Wohnung gesteckt hat.)

Natürlich nicht! Ich weiß nicht, woher sie das alles wissen will, wenn sie die Menschen gar nicht kennt.

Alles wird gestohlen in ihrem Wohnviertel. 

Okay in Großstädten laufen eben Diebe herum. Da kann man wahrscheinlich in jedes Viertel kommen. Uns wurde aus dem Keller auch schon mal etwas gestohlen, auch schon in der DDR, wo alle Arbeit hatten und keiner arbeitslos war. Diebsgesichter gibt es überall.

Steht es vielleicht den Menschen wie eine große Titelzeile auf der Stirn geschrieben: Ich will nicht arbeiten, ich will nur shoppen?

Woher will sie wissen, dass es nur schlechte Menschen (in ihrem Sinne) in ihrer Wohngegend gibt?

Wieso rümpft sie die Nase über andere Menschen, mit denen sie noch nie ein Wort gewechselt hat? Sie muss sie nicht lieben, sie nicht auf eine Tasse Kaffee einladen, aber sie sollte schon fair sein.

Sicherlich gibt es immer solche und solche Menschen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch freiwillig mit Freude und Juchzerrufen sein H4 nimmt und sich freut, wenn er in den Arbeitsdienst gesteckt wird oder auf das Amt betteln gehen muss.  Der Mensch an sich ist nicht faul, sondern muss nur an der richtigen Stelle gefordert werden (okay, es gibt auch Faulpelze, aber das ist normal und zu vernachlässigen).

Ist es dieser Patientin vielleicht entgangen, dass es nicht mehr soviel Arbeit gibt? 

Nein, das ist auch falsch. Es gibt mehr Arbeit als man sich vorstellen kann, aber niemand will für Tätigkeiten, die verrichtet werden sollen/müssen, die vielleicht auch wirklich Spaß machen, Geld bezahlen. Ist es die Schuld der Menschen, die aussortiert worden sind?

Wieso verleumdet sie die Menschen in ihrer Wohngegend? Sie kennt nicht deren Schicksal. Sie weiß absolut nichts über diese Menschen. Wieso erhebt sie sich über ihre Mitbürger?

Ist sie besser oder hatte sie nur etwas Glück? Das Glück der frühen Geburt dieses Mal, so wie ich es hatte. 

Was weiß sie überhaupt über die Lern- und Arbeitsverhältnisse heutzutage, außer dass sie die Vorurteile der BILD pflegt und weiterverbreitet?

Doch wohl eher nichts! Sie will auch nichts darüber hören. Sie weiß, was sie weiß. Basta!