Dienstag, 18. September 2012

Teile und Herrsche

In der Latschari-Platz-Community spielen die Demos und der Aufruhr gegen den Westen in den arabischen Ländern auch eine Rolle. Ich konnte mich nicht zurückhalten und habe einen Kommentar zu einem Artikel geschrieben.

Ich zitiere: "Ich habe es schon des Öfteren erwähnt, dass der tiefe Glaube an den alleinigen Gott den Menschen seit Bestehen der Menschheit geholfen hat Liebe, Freude, Vertrauen, aber auch Trauer und Verzweiflung, zu tragen. Auch wenn es für manche Atheisten oder Agnostiker unwahrscheinlich klingt, aber es ist die reine Wahrheit." LINK

Das mag für Sie so sein. Reine Wahrheit ist es nicht, weil Wahrheit an sich nicht objektiv ist, sondern subjektiv. Jeder empfindet sie anders. Ich wurde Atheist, weil ich nicht an irgendetwas Imaginäres glaube. Ich finde, wenn der Mensch es will, kann er all die Gefühle von Liebe, Freude, Vertrauen, Trauer und Verzweiflung selbst tragen, weil sie zum menschlichen Leben einfach dazugehören und uns stärker machen und unsere Gedanken oft in eine andere Richtung lenken. Das können wir Menschen auch - wenn wir es wollen - ohne Umweg über eine Glaubens"krücke".

Es mag sein, dass es viele Menschen gibt, die ohne diese "Krücke" denken, sie könnten vieles im Leben nicht ertragen. Aber, Glauben bringt unweigerlich Fanatiker und Dogmatiker auf den Plan, die allen anderen vorschreiben wollen, wie sie zu leben haben. Das hat zwar nichts mit Jesus, Mohammed oder anderer Götter zu tun, sondern mit Machtausübung gegenüber anderen. Fakt ist, dass in der Geschichte der Menschheit der Glauben als Vehikel für viele Kriege benutzt wurde. Man stachelte die Menschen auf, die man Bewusst in Unwissenheit gelassen hatte, um seine Machtgelüste zu befriedigen.

Nicht viel anderes findet jetzt statt. Hier wird ein Machtkampf von z.B. der Hisbollah und anderen gegen den Westen ausgetragen, der diesen aber auch zu viele Angriffpunkte in seiner Überheblichkeit geliefert hat. Überheblichkeit: Hier meine ich, die Ausbeutung von Rohstoffen und die Übertragung westlicher Denkmodelle in Regionen mit anderer Sozialisierung.

Ich bin froh, dass ich - bei allen Widersprüchlichkeiten, die man benennen muss und auch dagegen ankämpfen muss - in einen pluralistischen Staat leben kann. Spinnern ist nicht mit Blasphemie-Gesetzen und Ähnlichem beizukommen. Fanatiker und Dogmatiker muss man einfach ertragen, weil kein Gesetz der Welt und kaum ein Argument ihre Einstellungen ändern könnten. Wir müssen mit Wirrköpfen gemeinsam leben. Die Alternative habe ich in der DDR erlebt, wo Zensur herrschte und natürlich die Verbreitung so eines Filmes undenkbar gewesen wäre. Aber es gab unliebsame Filme, unliebsame Literatur (Anm.: unliebsam im Sinne der DDR-Gewaltigen)  - im Untergrund. So etwas will doch wohl niemand mehr. Oder?

Man kann es den einfachen Menschen in den arabischen Ländern nicht übel nehmen. Sie wissen es nicht anders. Kaum Schulbildung - das ist der Bodensatz, wo Fanatiker und Dogmatiker sowie Machtbesessene Rekrutieren und Aufwiegeln. Viele wissen nicht einmal, warum sie durch die Straßen ziehen. Einige meinen immer noch, dass es um die vernichteten Korane der US-Army gehe. Die Menschen sind schuldlos. Sie sind nur die nützlichen Idioten für die Strippenzieher. Hinzu kommt, dass diese Menschen ihr ganzes Leben NUR in Diktaturen gelebt haben, von der Stammeskultur eines Häuptlings bis zu staatlichen Diktatur. Sie wissen nicht, was freie Meinung äußern heißt.

Was wir machen könnten, wäre, dass unsere Schulbildung immun gegen Rassismus machte. Was wir weiterhin machen könnten, wäre den Rassismus gegen Andersartige im eigenen Land zu bekämpfen. So geht es nicht an, dass von Regierungsspitze bis zu den klassischen Medien rechtes Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft gerückt worden ist. Im Mittelpunkt unseres Rassismus steht der Langzeitarbeitslose, der Grieche, der Südländer, der Muslim. Auf die Sprache - auch bei uns - muss man achten. Solange eine BILD Rassismus in Deutschland schüren kann, sind auch wir nicht soweit von den arabischen Ländern entfernt. Wir denken vielleicht kühler als diese, aber weiß man es? Und das alles hat überhaupt nichts mit Religion zu tun. Mit Humanismus schon. Und solange wir den Humanismus im Alltagsdenken durch das Denken in ökonomischen Kategorien aushebeln, solange sind auch wir nicht vor Ausbrüchen gefeit, wie sie zur Zeit in den arabischen Ländern stattfinden.