Donnerstag, 4. Oktober 2012

22 Jahre

Solange dürfen wir als Ostler nun schon an den Segnungen der bundesdeutschen Demokratie teilhaben.

Nein, ich schaue nicht zurück. Wer möchte schon eine DDR zurückhaben, so wie sie war. Das wollte niemand, der 1989 auf die Straße gegangen war.

Das was jetzt ist, wollte damals sicherlich auch niemand. Mancher bewusst, die meisten sicherlich unbewusst.

Es lockte damals Nivea, Autos, Autos, Autos bis zum Abwinken, ferne Länder, volle Geschäfte und freie Wahlen, keine die mit 99,9 % Zustimmung ausfallen.

Was ist davon geblieben? 

Zuerst einmal wurden wir Ostler enteignet. All unsere Werte, die wir erarbeitet hatten, wurden verramscht. Unsere Löhne waren nicht so hoch, weil die Gewinne der Betriebe dazu genutzt worden sind, das Gemeinwesen zu stärken. Sicherlich, die Krankenhäuser waren nicht so toll. Die Polikliniken waren nicht der Hit (obwohl vom Prinzip her richtig), ganz zu schweigen von der Infrastruktur in allen Bereichen. Es war aber alles UNSER Eigentum. Die Betriebe, Kombinate - alles UNSER Eigentum. Wir haben sie aufgebaut, am Leben gehalten (was manches Mal gar nicht so einfach war) und vorangebracht, mit UNSERER Arbeitsleistung. Wir waren in der Regel eine verschworene Gemeinschaft in den Betrieben, haben zusammen gearbeitet und gefeiert und - ich gebe es ja zu - auch manches Mal betriebliches Eigentum geklaut.

Was nützt es mir, wenn ich in eine tolle Arztpraxis gehen kann, modern eingerichtet, super anzusehen, wenn ich Eintrittsgebühr zahlen muss und der Arzt ökonomisch denken und Gewinn generieren muss. Was nützt mir ein hypermodernes Krankenhaus, wenn ich nicht ausgeheilt nach Hause geschickt werde, weil das Krankenhaus ebenso Gewinne scheffeln muss, vielleicht schon privatisiert worden ist und deren Aktienbesitzer ihr Geld vervielfacht sehen wollen. Habe ich etwas davon? Wenn ich arm bin - sehr wenig.

Was nützt es mir, wenn ich in supercleanen Werkshallen am Band arbeite? In einem Werk, was mir nicht gehört, wo eine ausfallende Bemerkung gegenüber dem Chef für mich ein Punkt auf der Schwarzen Liste ist? Wo neben mir der Leiharbeiter schuftet, das gleiche macht für sehr viel weniger Verdienst? Was nützt es mir, wenn ich arschkriecherisch im Büro auf meine Kollegen herumtrampeln muss, nur um bei der nächsten Prämie ein bisschen abzubekommen als Nasengeld? Es sichert in irgendeiner Form meinen Lebensunterhalt oder einen Teil meines Lebensunterhaltes. Befriedigen? Nein das tut es nicht. 

Was haben Kinder davon, dass sie nun in Schulen mit keinem Frontalunterricht gehen dürfen? Lernen sie etwa mehr? Besser? Meine Erfahrungen zeigen, dass sie weder mehr noch besser lernen. Der Unterricht ist dürftig, viele Lehrer überfordert und unengagiert, Klassen mit 30 Kindern. Okay, ein bisschen lesen ein bisschen rechnen - das reicht um einen angelernten Niedriglohnjob übernehmen zu können. Die guten Jobs, die vielleicht nicht ganz so schlecht bezahlt werden, gehen an diejenigen, deren Eltern die Beziehungen dazu haben. Deutschland ist es lieber, Chinesen für den Pflegedienst anzuheuern, als hier lebende Menschen anständig bezahlt einzustellen. 

Sicherlich, unsere Städte haben ein schöneres Aussehen. Auch abgewrackte Häuser erstrahlen wieder im neuen Glanz. Eigentlich. Dagegen verfallen andere Häuser in immer schnellerem Tempo. Okay, das will ich jetzt niemanden vorhalten. Es geht halt nicht alles.

Sicherlich, wir können ferne Länder sehen. Ich genieße das. Nur, was bringt es vielen? Oft schauen wir nicht den Menschen in den anderen Ländern ins Gesicht, beobachten nicht, wie sie leben, sondern räkeln uns am Strand herum. Das hat zwar auch seine Berechtigung, aber es bringt uns neuen Erkenntnissen nicht näher, die für uns heutzutage zwingend notwendig wären. Ein großer Teil der Deutschen in Ost (sicherlich auch West) würde sonst nicht der BILD nachplappern und vom faulen Südländer sprechen. Wer mit offenen Augen dort war, weiß, dass die Menschen nicht faul sind. Ganz davon abzusehen, dass es sich schlichtweg nicht so viele Menschen leisten können, überhaupt ins Ausland zu fahren. Erst eingesperrt von einem Staat, dann eingesperrt durch ein System, was einen nicht das Geld zu Verfügung stellt - sprich den gut bezahlten Arbeitsplatz - um seine Träume verwirklichen zu können.

Freiheit. Freiheit ist gut. Wir Ostler haben jetzt wirklich mehr Freiheiten als vorher. Ich glaube nicht, dass ich in der DDR solch einen Blog hätte führen können, schon gar nicht, dass ich überhaupt hätte ins Internet gehen können, will sagen: zu moderaten Preisen. Wir hatten ja nicht mal alle ein Telefon.

Nur Freiheit an sich ist auch etwas einseitig. Ich kann reden was ich will. Das ist gut so. Hören will es niemand. Freiheit der Medien? Da sieht es schon ein bisschen anders aus. Die Firmen, die Werbung schalten, bestimmen, was wir hören sollen und was nicht. Die Regierung, die an den Fäden von stinkreichen Besitzern von allem baumelt, verbildet uns und lässt uns nur übermitteln, was sie wollen, dass wir es wissen sollen. Wer wirklich etwas zu sagen hat, was nicht zum gerade herrschenden Mainstream gehört, hat es schwer. Deshalb bin ich froh, z.B. die Nachdenkenseiten  und andere Blogs gefunden zu haben. Ohne Internet, würde ich wie ein blindes Huhn in dieser Gesellschaft hin und her irren. Ich hätte zwar ein Gefühl von Ungerechtigkeit, aber ich könnte es nicht mit Beispielen untermauern. Ich wüsste auch nicht, dass es viele andere gibt, die genauso oder ähnlich wie ich denken.

Die Kultur bauen wir ja gerade ab. In der DDR hat der Staat Zensur geübt, jetzt ist es das Geld. Übrig bleiben Blockbuster mit viel Action. Welche jungen Leute gehen schon in ein gefördertes Kino, wo etwas anderes gezeigt wird? Wenn es überhaupt solche Kinos überall gibt. Die meiste Literatur ist alles über einen Leisten. Man liest Krimis oder Mittelalterbücher und Biographien von A-Z-Promis sowie Bücher à la Rosamunde Pilcher. Damit wird man überschwemmt. Alles das, was Frauen lesen, wie man so sagt. Andere Bücher - in der Regel Fehlanzeige. Bücher müssen vor allem eins - Profit abwerfen. Man muss schon andere Wege im Internet suchen, wo auch nicht dem Mainstream entsprechende Literatur zu finden ist, meist in Eigenregie. Gut. Das ist auch so eine Art Freiheit, die es in der DDR nie gegeben hätte. Nur ist diese Freiheit den Oberen ein Dorn im Auge. Wir könnten diese Freiheit, die uns noch verblieben ist, auch gegen sie nutzen.

Freie Wahlen haben wir jetzt. Okay, die war mir nie so wichtig, aber wir haben sie eben. Ich fand Kreuzchenmachen schon immer albern, wenn dann die Gewählten offiziell nur noch ihrem Gewissen verantwortlich sind und NICHT mehr dem Wähler. Ein Gewissen ist dehnbar und dass es käuflich ist, wissen wir längst alle. Auch wird es immer schwieriger, überhaupt eine Kreuzchen irgendwohin zu setzen. Ich sehe keine Unterschiede zwischen den Parteien. Auch die LINKE hat nicht gehalten, was ich mir von ihr versprochen habe. Einmal ein Pöstchen, dann immer ein Pöstchen und wenn man auch mit den Wölfen heulen muss. Die Regierungsbeteiligungen in den Ländern sprechen Bände.

Aber wir haben nun grenzenlosen Konsum. Nur dumm, dass wir kein Geld für grenzenlosen Konsum besitzen. Der Einzelhandelsumsatz stagniert bzw. geht zurück. Und wenn ich jetzt in die Geschäfte gehe und etwas haben möchte, komme ich mir wie in der DDR vor. Damals gab es zwar viel, viel weniger und ich habe meist nicht gefunden, was ich wollte, weil es eben nicht da war. Heutzutage sind die Geschäfte voll, voller, am vollsten. Nützt es mir etwas? Jeder Laden hat z.B. die gleichen T-Shirts in irgendwelchen Farben und Mustern, wo auch immer irgendjemand gemeint hat, dass wir die nun alle anziehen müssten. Ich bin nicht schlank und wenn mir wirklich irgendetwas gefällt, was ziemlich selten vorkommt, dann ist es nur höchstens bis Größe 42 da. Das wird zwar meist zum Landenhüter, weil ja jeder weiß, dass die Deutschen immer dicker werden, aber man muss sein Angebot ja nicht der Realität anpassen. Da wird produziert, produziert, meist unter unsäglichen Bedingen, nur um dann einen großen Teil wegzuwerfen oder mit den Abfällen den einheimischen Markt in Afrika tot zu machen. Das nennt sich dann Marktwirtschaft. Ist doch mehr als schräg. Wenn ich mir die Nahrungsmittel anschaue, bekomme ich das große Kotzen: Zucker, Maltodextrin, getarnte Geschmacksverstärker, viele E's, das ist in jedem Lebensmittel drinnen, kaum eins ohne der Chemie, sogar die Wurst ist voller Zucker. Und da wundert es noch jemanden, dass wir alle dicker werden. Sicherlich, in der DDR waren auch im Nahrungsmittelsektor viele Produkte Mangelware. Es gab z.B. selten Rouladen oder gar Schweinelende. Nur wollte ich so einen Konsum wie er jetzt ist? Mit Sicherheit nicht. Weniger wäre mehr, bringt aber leider nicht soviel Gewinn. Man könnte jetzt einwerfen, dass es doch Bio gäbe. Da bekomme ich das große Lachen. Bio bei Real z.B.? Ich traue in diesem Land NIEMANDEN. Für Profit wird alles gemacht, auch sich selbst verraten.

Wachsen wir wenigsten zusammen - wir Deutschen? Es gibt ein Tarif- und Rentengebiet Ost und West und das nach 22 Jahren. Zusammenwachsen sieht anders aus. Ich verallgemeinere mal jetzt, was eigentlich nicht statthaft ist. Wer anders denkt, sollte sich jetzt bitteschön nicht angesprochen fühlen. Die ältere bzw. mittlere Westgeneration denkt über die Ostler als Schmarotzer, die nur Geld haben wollen und ihre Städte und Dörfer nun sogar schöner als westdeutsche herausgeputzt haben. Ostler stehen unter dem Westler, in der Denkungsart vieler von dort. Die Ostler merken das, können sich nicht wehren und stellen nun den Ausländer unter sich. Ein bequemes System. Auf der Strecke bleibt bei uns Ostlern der Zusammenhalt und die gegenseitige Freundlichkeit, die nicht nur etwas mit Mangelwirtschaft zu tun hatte. Wir konnten auf andere Menschen mit offenen Armen zugehen. Sie waren nicht unsere Konkurrenten, sondern unsere Mitmenschen. Jetzt wissen wir nicht, ob uns der andere nicht verrät, nur um einen Vorteil uns gegenüber ergattern zu können. Eine ungute Entwicklung. Die menschliche Seite zeigt, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse auf unsere Gemeinschaft wirken. Sie machen uns roh und gewaltbereit, zumindest viele von uns. Wer sich nicht mit den Ellbogen durchsetzen kann, bleibt auf der Strecke und wird noch verlacht. Das ist es nicht, was ich wollte. 

Meine Humanität für Profit und Konsum aufgeben? 

Viele andere machen das. Sie hetzen gegen andere, die eine andere Auffassung vom Leben haben oder eine andere Kultur. Sie wollen diese Menschen am liebsten vertreiben, nur weit weg von ihnen. Sie gieren nach jeden Groschen, den ein anderer bekommt und meinen, dass er ihnen zustehen würde. Sie vergessen, dass sie diesen Groschen nicht bekämen, auch wenn die anderen nicht mehr da wären. Davor stünden schon die Besitzenden. 

Meine Humanität für so etwas aufgeben?

Meine Humanität, meine Menschenwürde ist das einzige, was mir noch geblieben ist in der Restzeit, die ich noch hier auf Erden verbringe. Viele Menschen aus dem Osten in meinem Alter sagen mir, dass sie froh seien Rente zu erhalten, dass sie nicht mehr diesen Raubtierkäfig zum Fraß vorgeworfen werden können. Ganz bestimmt wollten wir das 1989 SO nicht. Auch wenn es sehr viele Ostdeutsche gibt, die sich darüber überhaupt noch keine Gedanken gemacht haben.

22 Jahre danach. Selten sind Lebensentwürfe unter den neuen Verhältnissen in Erfüllung gegangen.


Noch ein Link dazu zu Egon Kreutzer: HIER