Mittwoch, 10. Oktober 2012

Das ist eine Neiddiskussion

Da wird auf allen Kanälen Stimmung gemacht. Etwas über 1 Milliarde Euro sollen die Ärzte mehr bekommen. Da werden Leute auf der Straße befragt, ob die das als zuviel empfinden, da werden Patienten in den Arztpraxen befragt und ... und ... und ... Tenor: Die Ärzte sollen sich endlich mal bescheiden.

Was sagen mir persönlich etwas über eine Milliarde mehr an Euros für Ärzte? Nichts! Was bleibt meiner Hausärztin z.B. am Monatsende übrig von dem Honorar, welches sie zur Zeit bekommt? Wieviel mehr wird sie dann erhalten? Bleibt genügend für die Arzthelferinnen? Bleibt genügend, damit die Raten für die Geräte, die Miete, die Versicherungen usw. usf. bezahlt werden können? Ich kenne die wirtschaftliche Situation meiner Hausärztin nicht. Ich will nur, dass sie für ihre verantwortungsvolle Arbeit, die mit einem langen Studium begonnen hat und Weiterbildung beinhaltet, angemessen bezahlt wird. Nichts gegen eine Putzfrau, aber meine Ärztin sollte schon sehr viel mehr an Einkommen haben. 

Die Ärzte wurden in die Selbständigkeit gezwungen und zu Wirtschaftsunternehmen gemacht, die gewinnbringend produzieren müssen.  Sie wurden ökonomische Einheiten. Es gibt Gesundheitsökonomen heutzutage, die den Ärzten erzählen, wie sie gewinnbringend arbeiten können.

Produzieren? Was kann ein Arzt denn produzieren? Gesundheit? Kann man Gesundheit produzieren und das mit ökonomischen Kennziffern? Nichts anderes ist in meinen Augen das Punktesystem. 

Man hält den Ärzten vor, dass sie zu viele Röntgenaufnahmen machen. Das kann ja sein. Nur, wenn ich dafür mehr Geld erhalten, als mich intensiv mit dem Patienten zu beschäftigen, dann bin ich schon wirtschaftlich dazu gezwungen, Röntgenaufnahmen zu machen, um ein längeres Patientengespräch, was irgendwann nicht mehr bezahlt wird, zu kompensieren. Gespräche mit dem Patienten sind aber das A und O der ärztlichen Tätigkeit. Ärzte machen keine Small Talk, sondern müssen die Lebensumstände ihrer Patienten erforschen, wenn sie es denn mit ihrem Beruf ernst nehmen. Nur wird das nicht richtig honoriert. Ärzte werden im Gesundheitssystem eben wie Klempner behandelt, die ein Heizungsrohr reparieren müssen.

Was regen wir uns denn dann auf, wenn manche Ärzte nur ihre Einkommenssituation im Auge haben und den Patienten aus eben diesem verlieren? Nicht alle sind mit Leib und Seele bei ihrem Beruf.

Im Behandlungszimmer meiner Ärztin bin ich manches Mal eine halbe Stunde. Da wird dieses oder jenes angesprochen, an die Vorsorge erinnert, keine IGeL mir angedreht, über gesunde Ernährung und Alternativen wird gesprochen. Manches Mal frage ich mich schon: Bekommt sie das überhaupt bezahlt? Und es passiert schon, wenn ich am Monatsende ein teures Medikament bekommen soll, dass ich auf den nächsten Monat vertröstet werden. Selten, aber es kommt schon mal vor. Oder mir wird ans Herz gelegt, zu dem Facharzt zu gehen, da dessen Budget höher wäre.

Und an dieser Stelle liegt der Hund begraben. 

In den Moderationen im Fernsehen wird der Neid geschürt. Immer wieder wird nach dem unterschwellig anklingendem Motto gefragt, ob die Ärzte denn nicht zu gierig seien. Schließlich klingt 1 Milliarde Euro viel. Wer kann schon von sich sagen, dass er 1 Milliarde Euro Gehaltserhöhung erhält. Da wird nicht gesagt, wieviele Arztpraxen sich das Geld teilen müssen und welchen Anteil jeder davon erhält.

Warum wird nicht über die Verteilung gesprochen? Und in dieser Beziehung sind die Ärztevereinigungen selbst gefragt. Es kann doch wohl nicht sein, dass derjenige, der am lautesten kräht auch das meiste Geld erhält, dass Lobbyvereinigungen unter der Ärzteschaft sich gegenseitig das Geld abspenstig machen.

Ein Journalist heute morgen sagte, dass Röntgenpraxen sehr viel mehr Geld zur Verfügung hätten und dass es nicht angehen würde, dass bei Rückenschmerzen immer ein Röntgenbild gemacht werden würde. Vielleicht wird dort zuviel geröntgt, aber nun frage ich wiederum, wie will man Schäden an der Wirbelsäule von außen sehen oder wie will man bei schmerzendem Knie von außen wissen, was wirklich drinnen los ist. Das ist natürlich wieder die andere Seite der Verteufelung von Arztleistungen. Alles hat seine Berechtigung, aber im rechten Maß.

Es muss endlich davon abgekommen werden, Arztpraxen als Wirtschaftseinheiten zu sehen. Ärzte können nicht ökonomisiert werden. Der Mensch ist keine Maschine und er muss endlich wieder im Mittelpunkt der Gesundheitsfürsorge stehen. Der Kranke muss umsorgt werden und nicht als Profitgeber missbraucht werden! 

Davon abgeleitet, haben die Hausärzte das Primat der Versorgung zu tragen und gleichzeitig das meiste Geld zu beanspruchen.  Sie stellen die Erstdiagnose, sie kennen den Patienten, sie wissen um seine häusliche Situation (zumindest sollten sie das). Sie führen die Anamnese durch! Sie unterhalten sich mit dem Patienten, nehmen ihn vielleicht seine Ängste und erklären die Behandlung. Sie halten den menschlichen Kontakt und das ist wohl der wichtigste.

Röntgenärzte sind "nur" Zuarbeiter der Hausärzte, wichtige, aber eben Zuarbeiter. Auch andere Fachärzte, sei es der Orthopäde oder wer auch immer, ist ZUARBEITER. Der Facharzt vertieft die Erstbehandlung und er sollte die so vergütet bekommen, dass das Gespräch mit dem Patienten mehr abwirft, als wenn er ihn nur unter das Röntgengerät stecken würde. Apparate sind gut und richtig. Sie sind aber Hilfsmittel, nicht mehr und nicht weniger. 

Das Gespräch und die Anamnese ist das allerwichtigste in der Beziehung Patient - Arzt. Und genau das, muss sich in den Honoraren widerspiegeln.

Und hier ist es ein Unding, wenn Lobbygruppen die Ärztevereinigungen unterwandern zu ungunsten von Hausärzten, die eben schlechtere Lobbyarbeit machen. Lobbyarbeit sollte unwichtig wie ein Kropf sein, weil viel mehr auf dem Spiel steht - und zwar unser aller Gesundheit, unser aller Geld und wie es verteilt wird.

Gesundheit - Krankheit - beides darf nicht den stärksten Lobbygruppen innerhalb der Arzteschaft zum Fraß vorgeworfen werden.

Nur, ändern wird sich nichts. Diejenigen, die das Geld am nötigsten brauchen, werden sicherlich wieder mit Brosamen abgespeist. Landärzte sind sowieso die letzten im Glied, die werden weiter am unteren Ende der Einkommensskala stehen. Kurz darüber die Hausärzte in den Städten je nach Verteilung des Reichtsums der Bevölkerung und deren Altersdurchschnitt. Je danach, ob sie genügend Patienten haben, die sich eine IGeL leisten können oder nicht. 

Das angeblich weltweitbeste Gesundheitssystem ist ein 3-Klassen-System, aber das will man nicht hören. Wie man in Deutschland nie hören will, dass man nicht das Beste was auch immer hat. Wie man in Deutschland nie hören will, dass es auch anders gehen könnte. Hier wird der Wettbewerb durchgezogen, die Ökonomisierung ALLER Bereich, ob nun sinnvoll oder nicht. Das ist egal. Hauptsache Profit. Der Patient als Mensch ist dabei nur störend.



Kommentare:

  1. In meinem Bekanntenkreis hat niemand einen "Hausarzt". Mit Rücken- und Gelenkbeschwerden gehts zum Orthopäden, mit Augenleiden zum Augenarzt, mit Kreislauf/Herz/Magen-Beschwerden zum Internisten.
    Sogar meine Eltern haben das vor 40 Jahren schon so gehalten. Von daher wundert es mich, wenn soviel vom "Hausarzt" die Rede ist!

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    1. Nun dafür kann ich ja nichts. Ich habe eben - wie viele andere auch - als Schaltstation einen Hausarzt, wo ich zuerst hingehe. Bei vielen Sachen muss man auch gar nicht zum Facharzt gehen. Ich setze mich doch nicht stundenlang zum Orthopäden z.B., wenn ich es nicht muss, ganz zu schweigen davon, dass es oft bis zu 2 Monaten dauert ehe man einen Termin erhält, vor allem, wenn man keine Überweisung hat. Schmerzsprechstunden beim Orthopäden z.B. garantieren nicht, dass man wirklich dran kommt, dass habe ich bei meinem schon oft bemerkt. Der Hausarzt verschreibt einen das gleiche Physiotherapierezept mit weniger Aufwand und der ist gleich 5 Minuten entfernt im Gegensatz zum Facharzt, wo ich die offentlichen Verkehrsmittel benutzen muss. Und beim Internisten sind die Wartezeiten ja noch gravierender. Aber das kann jeder halten wie er will. Warum schweres Geschütz auffahren, wenn es eine Tablette/Nahrungsumstellung genauso tut, wie z.B. bei Magenbeschwerden. Ganz davon abgesehen, kann es auch heikel werden, wenn man keinen zentralen Anlaufpunkt hat, z.B. beim Zusammenspiel von unterschiedlichen Arzneimitteln. Meine Hausärztin kennt alles von mir und dort fühle ich mich gut aufgehoben. Die macht auch einen Hausbesuch, der Facharzt wohl kaum. Übrigens, ich z.B. kenne niemanden, der keinen Allgemeinarzt hat.

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