Montag, 1. Oktober 2012

Tiefe Verunsicherung

Ich bin also von gestern! Total veraltet! Ich liebe es Bücher in die Hand zu nehmen, mich auf das Sofa zu fläzen und zu lesen. Es muss nicht mal ein Buch aus Papier und Pappe sein. Nein, es kann auch eins aus Nullen und Einsen sein, was mir Buchstaben vor die Augen "zaubert". Aber vielfach ist es mir - trotz Platzmangel - lieber ein Buch so richtig in der Hand halten zu können. Von Gestern! Von Vorgestern! Alt! Veraltet! Bin ich ein Anachronismus? Ich bin asozial! Ich!

Wie komme ich zu solch einer Ansicht? Der Berliner "Litflow-Kongress" hat es erzählt. 

Naja, der kann viel erzählen. Die Literatur mit hohem Anspruch ist für die ebenso out. Literatur - neu und aufregend - würde in "World of Warcraft" und Ähnlichem produziert. 

Also Haudrauf und töte den Feind! Das soll die Zukunft sein? Wer meinen anderen Blog kennt, weiß, dass ich gerne Rollenspiele spiele, vor allem "Skyrim". Ich mag das. Ich liebe das. Nur, Literatur ist das nicht. Ja, es ist eine nette Geschichte, garniert mit schöner Grafik, tollen Höhlen und schaurigen Burgen, mit Drachen und mit den Jenseitsvorstellungen von einer immerwährenden Met-Halle, die nordischen Sagen entsprungen ist. Mit Aussprüchen, die vom "Herrn der Ringe" geklaut worden sind. Es muss auch nicht immer eine epische Geschichte sein. Ein Hack-und-Slayer-Spiel kann es hin und wieder auch mal sein.

Aber Literatur ist das nicht.

Die Dialoge sind meist dünn, wenn es überhaupt welche gibt. Sie müssen auch nicht besser sein, es ist ein Spiel aus Nullen und Einsen. Aber von Literatur erwarte ich etwas ganz anderes!

In welcher Welt lebe ich eigentlich?

Nachdem geisteswissenschaftliche Studien als nutzlos bezeichnet werden, weil sie nicht in ökonomischen Kennziffern abgerufen werden können, soll der Literatur das gleiche Schicksal ereilen? Oder wie soll ich das verstehen, was der Kongress erzählt, mit unseren Steuergeldern gefördert, da die Kulturstiftung des Bundes federführend war.

Es ist ja nicht so, dass "Word of Warcraft" mit einem Einmalspielekaufbetrag abgetan wäre. Da muss immer gelöhnt werden. Bei "Diablo 3" wurde schon ein Einkaufstempel eingebaut, wo man richtiges Geld loswerden kann, wenn man denn will. Das soll die Zukunft sein?

Muss alles in Communitys verwurstet werden? Sind wir nichts? Sind wir als Mensch nur etwas, wenn wir in Facebook auftauchen, uns dem Geotagging stellen, wollen, das jeder weiß, wo wir sind und wo wir leben? 

Sind wir erst etwas, wenn wir als Schafherde lammfromm jeder elektronischen Neuerung nachtrotten? Wenn wir verlernt haben, uns unserer Individualität in der Gemeinschaft bewusst zu werden?

Literatur als Event?

Müssen wir Menschen heutzutage jeden Event nachlaufen? 

Ein neuer Einkaufstempel wird eröffnet. Wir eventen!
Ein neues Smartphone kommt auf den Markt. Wir eventen!
Die "neuen" Herbstfarben kommen in den Handel. Wir eventen!
Die Königin - aus welchem Land auch immer - kommt nach Deutschland. Wir eventen!
Merkel reist durch die Landen. Wir eventen!
BILD ruft - egal wozu. Wir eventen!

Warum? Wieso? Was hat Merkel, was wir nicht selbst in uns haben? Vielleicht sogar noch besser. Vielleicht hat die Mehrheit der Menschen im Gegensatz zu Merkel noch ein Gewissen. Wieso leben wir unser Gewissen nicht?

Wieso lassen wir uns von anderen vorschreiben, in welcher Form wir lesen, essen, trinken möchten? Wieso lassen wir uns zu einer Schafherde degradieren? Wir haben doch einen Kopf auf den Schultern und der ist nicht nur für das Haare schneiden da. Im oberen Teil des Kopfes sitzt ein Hirn, was arbeiten kann, wenn man es denn lässt. Die grauen Zellen müssen bewegt werden, damit sie nicht vor Langeweile einschlafen und uns zu willenlosen Objekten machen. Objekten, die nachplappern, was andere vorgedacht haben. Nachplappern ist einfach. 

Wir sind aber Subjekte (im richtigen Sinn des Wortes) - keine Objekte. 

Ich denke, also bin ich, sagte einmal Descartes. Wieso machen wir das nicht? 

Wieso lassen wir uns uniformieren? Denken, was Bertelsmann und BILD vorgedacht haben? Quatschen einem Journalisten das nach, was er - von wem auch immer - aufgetragen bekommen hat, uns das zu verklickern.

Geotagging als neue Ästhetik, wie die Veranstaltung in Berlin meinte. Man sollte ganz viele Fragezeichen dahinter setzen. Arme Welt. Arme Kultur. Geistig verarmte Menschen.

Das kennzeichnet unsere jetzige Welt. Geistig verarmte Menschen, die zunehmend auch materiell immer mehr verarmen. 

Das ist auch die Gefahr unserer jetzigen Welt. Geistig verarmte Menschen und materiell verarmte Menschen können die dünne Zivilisationschale unserer menschlichen Entwicklung abwerfen. Man kann auch sagen, dass das die Grundlagen einer Verrohung der Menschen sein kann.

Wieso bin ich asozial, nur weil ich ganz allein auf meinem Sofa lesen will? Selbstbestimmt. Einfach so allein. Auf meinem Sofa.

Ich tue niemanden etwas. Ich nehme niemanden etwas weg. Ich verarme nicht ganze Länder, ganze Gesellschaften. Ich stehle den Arbeitnehmern kein Geld, indem ich es mir selbst in die Tasche stecke. Ich zahle meine Steuern, im Gegensatz zu vielen Reichen BGangstern. Ich habe kein Konto in der Schweiz oder Liechtenstein. Ich bestehle nicht die Kommunen. Ich raube keine Steuergelder. Ich lasse es mir nicht auf Kosten anderer gut gehen. Ich raffe keine öffentliche Daseinsvorsorge in meine privaten Taschen. Ich beute keine Leiharbeiter oder Werksvertragsarbeiter aus. Ich führe keine Kriege, nur um mir die Rohstoffe dieser Welt unter den Nagel zu reißen. Ich töte keine Ureinwohner, nur um an ihr Land zu kommen. 

Ich sitze nur still auf meinem Sofa und lese. So ganz für mich allein. Schmunzle hin und wieder oder werde wütend, ganz so wie die Hauptfigur der Romane, die ich lese. Ich tue damit niemanden etwas und ich bin auch nicht asozial.

Wieso wird asozial so umgedeutet?