Samstag, 8. Dezember 2012

Für jetzt und heute

Den dazugehörigen Artikel in der heutigen "Jungen Welt" habe ich nur diagonal gelesen, weil mich das Thema nicht so sehr interessierte. Als ich das Gedicht dann richtig las, wurde ich etwas stutzig. Hatte der Dichter nicht in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts gelebt? Oder war es gar nicht von ihm? Nur sozusagen "in memoriam"? Das ist doch ein Gedicht, gerade jetzt geschrieben!

Jura Soyfer: Von der Käuflichkeit der Menschen

Ins Himmelblau die Rohstoffpreise steigen,
Als holde Boten junger Konjunktur.
Der Markt belebt sich schon, und schamhaft zeigen
Sich zarte Triebe börslicher Natur.
Und nur ein Kurs hält mit der Hausse nicht Schritt,
Nur eine Ware geht im Preis nicht mit
Und bleibt die Billigste in jedem Land:
Das ist die Ausschußware, »Mensch« genannt.

Der Mensch kommt heutzutag im Durchschnittspreise
Auf zehn Pfund Sterling nur pro Exemplar,
Die Liefrungskosten spart er klugerweise,
Er liefert selbst sich aus mit Haut und Haar.
Ja, er verkauft sich fertig appretiert,
Mit seiner Menschenwürde ausstaffiert,
Und bist du, Käufer, mit den Mitteln knapp,
So kauf sie auf Kredit – und stottre ab.
Und kannst du weder heut noch morgen zahlen,
Kauf ruhig weiter, kauf sie massenweis.
Zahl statt mit Geld mit faulen Idealen,
Der Mensch verschleudert sich um jeden Preis.
Denn seinesgleichen gibt es viel zu viele,
Er weiß es selbst und handelt auch danach
Und kennt den Kurs im großen Börsenspiele;
Der Geist ist billig, und das Fleisch ist schwach.

Die Wartenden:
Die Rechnung stimmt nicht ganz, du Mann vom Fach,
Du überschätzt des Gläubigers Geduld.
Hast du kein Brot für uns, hast du kein Dach,
Stehn fordernd wir vor deinem Rechenpult.
Der Schuldner löst den Wechsel niemals ein.
Die Ware Mensch will nicht mehr Ware sein.

Aus »Astoria« (1937)

Die Jahreszahl weist es aus, als 1937 (!) entstanden. 

Ist es nicht schlimm, dass die Menschheit immer noch keinen Fortschritt gemacht hat? Dass der einzige Fortschritt zunichte gemacht wurde und in eine Restauration der Verhältnisse wie damals zurückverwandelt wurde? 

"Der Mensch verschleudert sich um jeden Preis. Denn seinesgleichen gibt es viel zu viele. Er weiß es selbst und handelt auch danach."

Hören wir endlich mal auf damit und zeigen allen, was eine Harke ist. Geduldet wurde lange genug!

Denn es gibt auch einen anderen Vers: Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will. Das schrieb Georg Herwegh ein Vormärz-Dichter.