Mittwoch, 20. Februar 2013

Ich bin solidarisch

Ich kaufe nichts mehr bei Kaufland. Die Damen an der Kasse werden ausspioniert und schlecht bezahlt in ihrem stundenweisen Job. Ich will solidarisch mit ihnen sein.

Ich kaufe nichts mehr bei real. Dort werden billige Arbeitskräfte an Selbstbedienungskassen gestellt und richtige Kassen wegrationalisiert. Ich bin solidarisch mit den verbliebenen äußerst schlecht bezahlten Kassenfrauen.

Ich kaufe kein Mehl mehr, da ich solidarisch sein will mit den vielen Menschen auf der Welt, deren Land gestohlen wurde, um Mehl für mich produzieren zu können.

Ich kaufe keine Bananen mehr. Ich bin solidarisch mit den armen, ausgebeuteten, landlosen Bauern, die als Tagelöhner ihre Gesundheit opfern müssen, damit ich Bananen essen kann. 

Ich werfe meinen PC zum Fenster hinaus. Er ist von Dell. Dell produziert unter unsäglichen Bedingungen in China. Vielleicht zieht Dell sogar weiter, in noch-billiger-Arbeitskräfte-Länder. Ich bin mit allen solidarisch.

Ich schalte die Heizung in meiner Wohnung aus. Ich bin solidarisch mit den Menschen in den Erdölländern, vor allem mit Afrika. Deren Land wird verwüstet und verseucht, damit ich eine warme Stube haben kann. 

Ich kleide mich nicht mehr. Warum auch, Ferengi-Frauen dürfen auch nicht bekleidet sein. Damit solidarisiere ich mich mit den Frauen, Männern und Kindern in der Türkei, China, Vietnam, Bangladesh und Indien. Die geben ihre Gesundheit dafür her, damit ich mich kleiden kann. Manches Mal verbrennen sie auch dabei. Auch große Modelabels produzieren dort. Also geiz ist nicht geil, es ist egal.

Ich esse keine Apfelsinen mehr. Ich solidarisiere mich mit den Wanderarbeitern aus Osteuropa, die für ein winziges Entgeld als Tagelöhner auf den Feldern von Konzernen schuften müssen, damit ich Apfelsinen essen kann.

Ich lass mir auch keine Pakete mehr schicken. DHL missbraucht seine Mitarbeiter und setzt sie einen unheimlichen Arbeitstempo aus, wo keiner mehr mithalten kann. Die Post hat einen großen Teil der DHL-Sparte an Private ausgegliedert und fühlt sich nicht für sie verantwortlich.

Ich kaufe mir auch kein Auto mehr. Meine Solidarität gilt denjenigen, die die Grundstoffe dafür aus der Erde holen. Meine Solidarität gilt den Menschen, deren Land von großen Konzernen verwüstet und unfruchtbar gemacht wird, nur damit ich Auto fahren kann. 

Ich kaufe überhaupt keine Gegenstände aus Metall, Holz, Plastik, Papier usw. usf. mehr. An den Rohstoffen klebt Blut. Der Westen führt Kriege, um unsere Rohstoffversorgung zu sichern. Konzerne bilden einen Arbeitskreis, der unserer Regierung vorschreibt, wo sie demnächst Krieg zu führen habe. Konzerne roden Urwälder und verändern dadurch unser Klima mit. Konzerne bauen keine Nahrungsmittel mehr an, weil sie Palmölplantagen anlegen, damit wir z.B. eine schöne Haut haben können. Ich kaufe also auch keine Kosmetika mehr. An Kosmetika klebt der Tod von Menschen, die von ihrem Land verjagd worden sind und manches Mal sogar getötet wurden.

Handys sind sowieso out. Mein uraltes muss ich wegtun. Ich solidarisiere mich mit den Menschen, die mit ihren Händen seltene Erden aus dem Boden klauben müssen und dabei fast verhungern, nur damit irgendjemand in den Industrieländern beim Laufen seine eMails checken oder in der Straßenbahn "Der Bachelor" anschauen kann. Ich solidarisiere mich mit den Menschen, die in den Selbstmord getrieben werden, weil sie die Arbeitsbedingungen nicht mehr aushalten, die sie erleiden müssen, nur damit jemand in den Industrieländern, nicht mehr an den Haltestellenfahrplan von Bus/Straßenbahn schauen muss, sondern eine App dafür nutzt.

Ich kaufe nirgendwo mehr etwas, weil ich mich mit den Menschen in Deutschland solidarisiere, die durch die Jobcenter irgendwohin dienstverpflichtet werden.  Falls sie es nicht tun, können sie auf Null sanktioniert werden und Nahrungsgutscheine beantragen. Zwischenzeitlich, bis der Gutschein kommt, dürfen sie hungern.

Ich kaufe nirgendwo mehr etwas, weil Millionen von Menschen in Deutschland nicht mal mehr als Gegenwert für Arbeitskraft die Kosten ihrer eigenen Reproduktion erhalten. Sie müssen noch zum Staat rennen, damit sie nicht hungern müssen. 

Jedes Unternehmen in Deutschland profitiert von diesen kriminellen Gesetzen. 

Egal ob Friedhofsverwaltung oder Industriebetrieb, egal ob Einzelhandel oder Großhandel, egal ob Onlineverkäufer oder Offlineverkäufer. Es wird ausgegliedert, damit die Lohnsumme sinkt. Es werden keine neuen Mitarbeiter mehr eingestellt, nur Leiharbeiter, die am Rande ihrer Existenz ihr Leben fristen oder es werden Kettenbefristungen ausgesprochen.  Das ist eine besonders perfide Art, Menschen zu disziplinieren. Lass sie in den Glauben, du wolltest sie unbefristet einstellen. Irgendwann. Am St.-Nimmerleins-Tag.

Jedes Unternehmen in Deutschland profitiert von diesen kriminellen Gesetzen.

Heute ist es amazon, das an den Pranger gestellt wurde, gestern war es Zalando, vorgestern DHL. Wer spricht heute noch von den unsäglichen Arbeitsbedingungen bei Zalando und DHL? Hat schon mal jemand von den Verkäuferinnen in den vielen x-beliebigen Läden gesprochen? Mal hin und wieder sind Hotelreinigungskräfte im Visier des Interesses, bis der nächste dran kommt. Wer spricht heute noch von Lidl-Arbeitskräften? Was wurde vor den Geschäften demonstriert. Ich erinnere mich noch daran.

Ich kaufe nirgends mehr ein.

Halt! Interessiert das irgendjemanden wirklich? Ändere ich dadurch Gesetze? Den Lidl-Mitarbeitern hat es nichts genützt. Im Gegenteil. Das Spionieren darf jetzt offiziell laufen, Hauptsache die Mitarbeiter wissen es. 

Wer initiiert diese Gesetze?

Wer setzt sie um?

Wer ist wirklich an den Dumpinglöhnen schuld?

Wer sind die Strippenzieher im Hintergrund, die uns solche Gesetze oktroyieren?

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PS: Das waren rein rethorische Fragen.








Kommentare:

  1. Ja, okay, Dein Ansatz ist verstanden, PeWi.

    Meine Antworten:

    Interessiert das irgendjemanden wirklich?
    Ich denke schon. Weil die Firmen müssen Geld verdienen. Springen zu viele ab, weil Sie sich an dem Unrecht nicht mehr beteiligen wollen, müssen selbst die Größten irgendwann umdenken (wenn genug mitmachen, versteht sich).

    Wer initiiert diese Gesetze?
    Klar, die Industrie und die Lobbyisten.

    Wer setzt sie um?
    Auch klar, die von "uns" gewählte Regierung.

    Wer ist wirklich an den Dumpinglöhnen schuld?
    Wir alle! Denn wir lassen den ganzen Scheiß mit uns machen. Weil wir tatsächlich blind jedem Trend hinterherlaufen OHNE nachzudenken. Sie haben uns soweit, dass wir denken, "ich alleine kann sowieso nix ändern." Wenn wir das wirklich glauben und so handeln, na dann gute Nacht.

    Ich jedenfalls fühle mich mit meinem immer stärker werdenden Boykott immer wohler. Ich bekomme Selbstachtung zurück, erfahre, dass ich doch etwas tun kann (wenn auch nur in ganz kleinem Kreis) und mein Leben wird wieder "ursprünglicher" ohne den ganzen Scheiß. Anfänglich war es etwas gewöhnungsbedürftig, aber meine Lebensqualität steigert sich (im Gegensatz zur Vermutung vieler) beachtlich.

    Wir können alle etwas tun und es ist ziemlich einfach: Nicht quatschen, sondern machen ;-)

    Einen schönen Tag
    und bleibt Wachsam!

    OccuRei

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    1. D'accord. Noch etwas dazu. Ja, die Firmen müssen verkaufen. Europa ist schon längst nicht mehr in deren Fokus - zu arme Leute. Es werden auch nicht so sehr viele abspringen und welche, die absprangen werden wieder kommen. Nur: Man kann nicht wirklich abspringen. Im Einzelfall sicherlich. Man kann diesen oder jenen Hersteller meiden. Wir können überlegen, ob wir jedes Jahr ein neues Handy benötigen. Wir können aber nicht überlegen, womit wir uns kleiden, was wir essen, worin wir schlafen usw. usf. ALLE Rohstoffe werden unter unwürdigen Bedingungen hergestellt, es klebt Blut, Hunger und Tod an ihnen. Das beginnt nicht erst mit dem neuesten Handy. Das ist für mich nur das Synonym dessen, was wir nun absolut nicht so brauchen, wie es uns suggeriert wird.

      Du hast Recht. Wir sind an den Dumpinglöhnen mit schuld. Für mich ist der Reizsatz dann immer: Hauptsache Arbeit, der das alles ausdrückt. Nur: Stell dir mal eine alleinerziehende Mutter vor. Sie kann nicht einfach sagen: Höhere Löhne oder macht euren Scheiß selbst. Wir haben es als kleine Leute verpasst und verpassen es weiterhin, uns zu organisieren und zu kämpfen. Da so eine heterogene Gruppe, wie die der kleinen Leute, auch jemanden (Gruppe, wie auch immer) benötigt, der ihnen eine Vision gibt, ein Ziel, einen Zusammenhalt, fängt es dort an. Es gibt noch niemanden in dieser Richtung. Im Gegensatz dazu haben sich die Konzerneigner (soviel sind es gar nicht) zusammengeschlossen und wissen, was sie wollen. Dazu gehört: teile und herrsche. Und das funktioniert prima. Der Aufreger der Woche "amazon" sitzt doch das auf einer Backe ab. Es geht jetzt doch nur noch um die Leihfirma. Warte einen Monat ab und niemand redet mehr darüber. Aber was schwafle ich. Im Prinzip steht das schon ähnlich alles im Post und deinem Kommentar. Übrigens, ich bin ein totaler Konsummuffel. Es sind ja alles nur Dinge und kein Leben. Sie machen mich nicht besser. Okay, ein paar kleine Ausrutscher müssen hier und da schon sein, so ein paar Sächelchen, die man eigentlich wirklich nicht benötigt :)

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  2. Dein Artikel beschreibt in aller Klarheit die Lebensbedingungen in unserer "neoliberalen Ökonomie" in der das Gesetz der Profitmaximierung vor menschl.Werten steht.Die Unterdrückungs-u.Ausbeutungsmechanismen sind so perfide das es kaum möglich ist sich derzeit dem zu entziehen oder zu verweigern.Der klassische Begriff Arbeiterklasse wurde erfolgreich aus dem Bewußtsein der lohnabhängigen arbeitenden Schicht gelöscht.Es gibt kein Klassenbewußtsein mehr aus dem sich ein revolutionärer Impuls bilden könnte.Das Bürgertum versteht sich im Gegensatz dazu noch als gesellschaftl.Kraft,ihre Interessen können nicht die unsrigen sein.Sich dem derzeitigen politischen u.ökonomischen Kräften zu entziehen scheint mir momentan unmöglich.Trotzdem bleibt meine Hoffnung das auch dieses verbrecherische Schweinesystem ein zeitliches Limit hat,das sich gesellschaftliche Kräfte bilden werden die die ökonomischen u.sozialen Bedingungen verändern können.Auch glaube ich nicht das eine partielle "Konsumverweigerung"systemische Veränderung bewirken kann.Sie könnte bestenfalls unser Gewissen einwenig beruhigen u.hat keinen nachhaltigen Einfluss, weil er unorganisiert ist.

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    1. Danke für die gute Ergänzung meines Posts. Irgendwie habe ich auch die Hoffnung, dass wir, die wir unsere Arbeitskraft verkaufen müssen oder mussten, eines Tages aufwachen werden und uns wehren werden. Ich denke aber nicht, dass ich das noch erleben werde, aber meinen Enkel wünsche ich es.

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    2. Kann ich deinen Artikel kopieren u.ihn meiner Tochter mit in die Schule geben? In Ethik behandeln sie gerade ein ähnliches Thema.

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    3. Aber immer. (ich bin gerührt)

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  3. Wir sind schon mitten in der Veränderung. Es wird keinen Sprung über Nacht geben und morgen ist alles anders. Der Weg ist das Ziel und solange wir weiterhin aktiv sind und mit unseren Ideen und Taten ab und zu mal einen weiteren Menschen berühren, schreitet diese Entwicklung unaufhaltsam fort.

    Darum Danke an alle die sich auf irgend eine Art und Weise engagieren, nur gemeinsam werden wir die Veränderung durchführen können.

    Liebe Grüße,
    psyflex

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    1. Hallo psyflex, so isses. Es wachen ja immer mehr Menschen auf. Naja, vielleicht nicht in Deutschland, aber auch hier werden immer mehr Menschen erkennen, wie sie um ihre Zukunft betrogen werden.

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