Freitag, 22. Februar 2013

Was ist los?

Was ist mit den Nachdenkenseite los? Ich schätze die Seite. Ich lese sie täglich. Warum schießen die sich so auf den Onlinehändler amazon ein? 

Warum gehen die nicht an die Wurzel des Übels?

Eine Kampagne wurde losgetreten: Man solle beim örtlichen, unabhängigen Buchhändler einkaufen. Na, bei welchen denn? Bei mir gibt es keinen. Es gibt nur noch Ketten, die ihre Verkäufer auch nicht pfleglich behandeln. 

Die Vielfalt bei amazon wäre ein Gerücht? Wie sollte der unabhängige, örtliche Buchhändler das ganze Sortiment haben? Das kann er gar nicht. Er muss Online nachschlagen. Er muss auch nur bestellen. Und dort wo er nachschlägt, findet er dann genau den Titel, den ich will? Meist wollen die auch noch die ISBN genannt bekommen. Wer kennt so eine lange Zahl?

Wo bekomme ich ganz problemlos noch DDR-Literatur? Oder wo erhalte ich sowjetische Kinderliteratur? Der unabhängige, bei mir nicht vorhandene, Buchhändler, hat die auch nicht vorrätig. Er muss sie bestellen. Genau wie ich sie problemlos in der Regel bei amazon oder anderswo bestellen kann. 

Es wird gejammert, dass unsere Straßen dadurch befahren werden, weil ja ausgeliefert werden muss. Da wird gejammert, dass die Auslieferer ihre freien Mitarbeiter schlecht bezahlen und behandeln. Das ist alles richtig. Womit wird das Online bestellte Buch eines DDR-Schriftstellers beim unabhängigen, bei mir nicht vorhandenen Buchhändler angeliefert? 

Spinnen wir mal den Faden weiter. Sicherlich gibt es in meiner Stadt irgendwo noch einen unabhängigen Buchhändler. Den müsste ich erst einmal per Internet suchen und hoffen, dass er auffindbar ist. Wenn ich ihn gefunden habe, kann ich, wenn ich Glück habe, mit der Straßenbahn zu ihm fahren oder muss vielleicht das Privatfahrzeug nehmen (Frage Straße). Er hat das Buch, was ich möchte, in der Regel nicht, Ich lese keine angesagte Literatur. Deshalb bestellt er es und ich muss noch einmal dorthin fahren. Schickt er mir das mit der Post zu, dann habe ich die gleiche Situation wie bei allen Onlinehändlern. Es gibt ja nicht nur amazon. Zwischenzeitlich kann man auch bei Verlagen mit Shop und anderen Onlinehändlern auch ohne Portokosten ein Buch erstehen. Amazon hat dabei kein Alleinstellungsmerkmal. 

Weiß ich denn, wie diejenigen in den Verlagsshops, die mein Buch einwickeln und verschicken, behandelt werden? Ich weiß es nicht. 

Dass die Auslieferer von DHL oder Hermes oder andere so schlecht behandelt werden, ist eine Frage, die im großen Rahmen geklärt werden und um deren Rechte massiv gekämpft werden muss, nicht ausgerichtet auf ein einzelnes Unternehmen, sondern auf alle. Ein einzelnes Unternehmen, wenn es gar so groß ist, hat viele Möglichkeiten Druck zu entgehen. Wir bräuchten einen neuen Typus von Gewerkschaften, die auch kämpfen wollen und können.

Wir leben in einer Umbruchzeit. Gewohnheiten ändern sich. Und ja, ich fände es schön einen kleinen unabhängigen Buchhändler zu kennen, bei dem ich aber nicht kaufen würde. Mir würde das selbst gefallen, so einer zu sein. Ich hätte da sehr viele Ideen, was ich alles machen könnte. Nur - die Zeiten sind vorbei. Das mag sich wieder ändern. Aber hier und jetzt ist es ein Kampf gegen Windmühlenflügeln.

Unabhängige Buchhändler sind Hobbybuchhändler. Sie können dort überleben, wo sie keine Ladenmieten zahlen müssen, weil das Objekt ihnen selbst gehört.

Wir gehen online, wir sind online, wir kaufen online, wir downloaden Bücher online, wir hören Hörbücher, die wir auch downloaden können, wir hören online Musik, sehen online Filme ... Der eine öfter, der andere weniger oft ...

So schade wie es vielleicht ist, die Zeit ist eben heute so. Wir leben nicht mehr in den Anfang 1990er Jahren oder früher. Ich weiß nicht, ob man die Zeit zurückdrehen könnte auf Tante-Emma-Läden. Ich glaube nicht. 

In der Nische werden sie Bestand haben: kleine Buchhändler, kleine Verlage. Sicherlich.

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PS: Warum verkauft Albrecht Müller dann bei amazon und lässt seine Bücher im Amazon-Ausschließlichkeits-Format dort vertreiben?





Kommentare:

  1. Die Diskussion auf den NDS kommt mir hier immer mehr wie das Wehklagen von Boutique-Betreibern oder Tante-Emma-Läden-Besitzern vor. Kleine Hndler müssen immer mehr großen Ketten weichen. Der Online-Handel macht wiederum den Ketten und eigentlich NUR diesen Konkurrenz. Kleine "unabhängige" Händler werden in Nischen sicher ihre Existenzberechtigung bewahren können. Tatsächlich geben die großen Internetplattformen wie Amazon mit seinem Marketplace oder Ebay, kleinen Händlern sogar eine Chance überregional verkaufen zu können.

    Das Ausbeutungsargument zieht, wie Du ja richtig geschildert hast, wenig. Auch kleine Buchhändler müssen Packetdienste, Verlage usw. in Anspruch nehmen. Wie diese ihre Mitarbeiter behandlen darauf haben kleine Händler auch keinen Einfluss.
    Dass Amazon keine Steuern zahlt, trifft auch auf jedes andere Großunternehmen zu. Bayer, Siemens usw. zahlen auch kaum Steuern in DE und die Banken bekommen sogar noch Geld zurück. Das sind alles politische Entscheidungen und keine moralischen.

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    1. Stimmt. Die Marketplaces sind eine Chance. Und danke für die Ergänzung des Posts.

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  2. die nachdenkseiten haben das gleiche problem wie all die "linken" bei spd und grünen. etwas am system herumreparieren, aber im prinzip nichts ändern, weil sozialismus ja was schlimmes ist. darum finden diese auch immer nur zu schönheitsreparaturen, aber nie zu grundlegenden umbauten am bestehenden system.

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    1. Stimmt und sie teilen diese Aversion mit viel zu vielen. Wir alle müssten endlich wieder das Wort "Klassen" in den Mund nehmen. Es ist alles nur Wischiwaschi, damit keiner dahintersteigen soll, was "gespielt" wird. Wir müssen auch endlich wieder über Eigentumsverhältnisse sprechen. Wem gehört was! Das sind nicht nur anonyme Aktiengesellschaften. Dahinter stehen ein paar Hanseln. Es sind nicht viele auf der Welt, denen alles gehört.

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